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Davos : Gute Banken, schlechte Banken

  • -Aktualisiert am

Hinter Stacheldraht sind die Bank-Manager sicher – aber nicht vor sich selbst. Bild: REUTERS

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist für Banker eigentlich ein Heimspiel. Doch selbst hier ziehen sie aggressive Angriffe auf sich. Josef Ackermann und Martin Blessing streiten derweil über die Bank der Zukunft: klein oder groß, reguliert oder frei.

          Sein Job verlangt von Josef Ackermann im Moment enorme Selbstdisziplin. Auf Banker einzuprügeln ist die Mode der Saison. Zurückkeilen geht nicht, so viel hat der Deutsche-Bank-Chef verstanden. Das macht die Sache nur noch schlimmer. Also erduldet Ackermann die Schelte. „Ich bin nicht in der Defensive“, so beginnen viele seiner Sätze in diesen Tagen – und verraten genau das Gegenteil.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Selbst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, eigentlich ein Heimspiel, ziehen Banker aggressive Angriffe auf sich. In einem furios-wirren Auftritt gelobt Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, die Perversionen des Finanzkapitalismus auszumerzen. Unbotmäßige Bank-Manager würde er am liebsten eigenhändig feuern, lässt der Franzose durchklingen, und wer im Finanzdistrikt dann noch nicht spurt, auf den werde er die Völker der Welt jagen. Die Hälfte der Zuhörer ist entzückt ob der Tiraden. Josef Ackermann sitzt in der ersten Reihe, zwingt sich zu einem Lächeln und klatscht am Ende höflich Beifall – was soll er auch tun?

          Unbezwingbar ist das Lager derer, die den Bankern ans Zeug wollen. Neben Politikern meutern auch Konzernchefs anderer Branchen gegen die Herren des Geldes; und sei es nur, um von eigenen Fehlern abzulenken. Als wäre das nicht genug, beharken sich die Bank-Chefs noch untereinander. Grob gesprochen verläuft die Gefechtslinie zwischen Investmentbankern (Deutsche Bank und Goldman Sachs vorneweg) sowie dem Rest, Häusern wie Unicredit oder Commerzbank. Am Rande des Davoser Gipfels versuchten die Banker, sich auf eine gemeinsame Linie gegenüber der Politik für die anstehende Regulierungsschlacht zu verständigen – ohne Erfolg, wie ein Banker berichtet: „Die Interessen sind zu gegensätzlich. Da ist ein tiefer Riss.“

          Sehr giftig geht es zu zwischen jenen, die wieder Milliardengewinne einfahren und die Krise samt Begleiterscheinungen (Schimpf, Schande, Staatseinfluss) so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen, und denen, die wirtschaftlich wackliger dastehen. Besonders hübsch zu beobachten ist der Konflikt zwischen Josef Ackermann und Martin Blessing, dem Chef der Commerzbank. Sie ringen mit einer Leidenschaft miteinander, die jede dem Berufsstand zugewiesene Zurückhaltung vergessen macht.

          Die Grundfrage ist ganz simpel: Wer ist der gute, wer der böse Banker? Ackermanns Held ist derjenige, der sich aus eigener Kraft, ohne Hilfe des Steuerzahlers am Markt behauptet und die Rendite optimiert – also er selbst. Für Blessing gewinnt, wer geläutert aus der Krise hervorgeht – also er selbst.

          „Was soll er auch anderes sagen, bei seinen Verlusten?“, schallt es aus der Deutschen Bank zurück. Die Kollegen sollten sich nicht so aufspielen, geben Blessings Leute zurück: Auch Ackermanns Truppe profitiere indirekt von Staatsgarantien für den Bankensektor. „Ohne Staat wäre das ganze System gekippt“, ist Blessings Standardsatz.

          In fast jedem Punkt liegen Blessing und Ackermann über Kreuz, auch in der Debatte über Barack Obamas Plan, Banken stärker an die Kandare zu nehmen. Lobt Blessing die Amerikaner für diese „vernünftige Grundidee“, so warnt Ackermann vor einer ausufernden Gängelung des Finanzsektors. „Eine Überregulierung schadet Wachstum und Wohlstand“, betont der Deutsche-Bank-Chef. Seine Polit-Truppe verrichtet härteste Lobbyarbeit, um die schlimmsten Ideen abzuwenden.

          Blessing dagegen fordert mehr Regulierung durch die Politik. „Die Banken selbst werden es nicht schaffen, sich selbst zu beschränken. Es wird wieder spekuliert, als hätte es nie eine Krise gegeben“, zürnt er. Blessing will das Schattenbanking radikal begrenzen und fordert eine grundsätzlich neue Rolle seiner Branche: „Die Banken müssen sich wieder als Dienstleister begreifen, nicht als Hedge-Fonds, die ohne Bezug zur Realwirtschaft das große Rad drehen.“

          Solche Töne wird man von Josef Ackermann kaum hören, er möchte nicht zum Kollegen Blessing auf das Büßerbänkchen. 99 Prozent der Banker hätten keinen Anteil an der Krise, sagt der Deutsche-Bank-Chef trotzig. „Wie sollen die vernünftig arbeiten, wenn sie ständig dämonisiert werden?“ Seine Rechnung ist einfach: Ohne starken Finanzsektor, ohne große Banken keine Erholung der Weltwirtschaft.

          Ackermanns Bank ist groß, die angeschlagene Commerzbank eher nicht. Dabei hatte Blessing anderes im Sinn, als er die Dresdner Bank übernommen hat. Im Spätsommer 2008 war das, kurz vor der Lehman-Pleite. „Commerzbank fordert die Deutsche Bank heraus“, lautete damals eine Schlagzeile. Rasch zeigte sich, welches Unheil Blessing sich einhandelte: Die Bundesregierung musste mit 18 Milliarden Euro einspringen und erhielt 25 Prozent der Anteile an der Commerzbank. Seitdem wird der Commerzbank-Chef als Staatsbanker gehänselt, und die Deutsch-Banker weigern sich, sein lädiertes Institut überhaupt als Rivalen zu sehen: „Das ist eine andere Liga.“

          Die Kontroverse der Spitzenmänner ist auch ihrer unterschiedlichen internen Rolle geschuldet: Ackermann muss – bei aller taktischer Mäßigungsrhetorik – hin und wieder eine kesse Lippe riskieren, will er nicht als kleinmütig dastehen gegenüber seiner stolzen Mannschaft. Blessing wiederum darf es sich unter keinen Umständen mit der Politik verderben – die Regierung ist sein Großaktionär. Wenn er Buße predigt, hört das auch die Klientel im Mittelstand gern, die sich über Boni-Banker so erregt wie der Rest des Volkes.

          Blessings eigenes Gehalt bleibt auf absehbare Zeit auf 500 000 Euro begrenzt, Mitte Februar wird er einen Milliardenverlust für 2009 verkünden. Da hat Ackermann am kommenden Donnerstag andere Sorgen: Wie viel Profit ist in diesen Tagen anständig? Wenn der Deutsche-Bank-Chef das Ergebnis für 2009 vorlegt, wird er darauf achten, seinen Stolz zu zügeln und die happigen Boni seiner Starbanker zu rechtfertigen: „Wir stehen im Wettbewerb und zahlen Marktpreise.“

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