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Weltwirtschaftsforum in Davos : Dauer-Krisentreffen

  • -Aktualisiert am

In Davos wird die Krise zur Endlosschleife der Diskussion werden Bild: REUTERS

Das Weltwirtschaftsforum in Davos findet zur rechten Zeit statt, um ein Resümee zu ziehen. Schon beim letzten Treffen vor einem Jahr standen alle Zeichen auf Krise. Nun gilt es zu prüfen, ob alle damals getroffenen Entscheidungen die richtigen waren.

          Das Weltwirtschaftsforum in Davos wird zum Dauer-Krisentreffen. Zum zweiten Mal in Folge finden sich Politiker, Manager und Kulturschaffende an einem Termin in den Schweizer Bergen zusammen, zu dem das Wirtschafts- und Finanzsystem der Welt immense Belastungen meistern muss.

          Als das Treffen vor zwölf Monaten begann, brachen rund um die Welt Aktienkurse ein und die amerikanische Zentralbank Fed entschied sich, die Leitzinsen um 75 Basispunkte zu senken. Daraufhin gab es beinahe kein anderes Gesprächsthema mehr - und unter den in Davos anwesenden Fachleuten war alles umstritten: War die Zinssenkung sinnvoll oder eine „Panikreaktion“? Würde es nur eine kurze Abkühlung der Weltwirtschaft geben oder eine Rezession, die mindestens vier Quartale andauern würde?

          Der perfekte Zeitpunkt für ein Resümee

          Selten bietet sich die Gelegenheit, nach dem Ablauf eines Jahres so gut überprüfen zu können, ob die jeweiligen Einschätzungen richtig waren oder nicht - und sich auf diesem Weg der Frage zu nähern, was das Treffen für die Teilnehmer und die Weltwirtschaft überhaupt bringt. Denn inzwischen ist klar, dass die Notenbanken gut daran getan haben, entschlossen auf die Krise zu reagieren. Allerdings ist noch völlig offen, ob deren Maßnahmen, die über reine Zinssenkungen längst weit hinausgehen, ausreichen werden, um die Volkswirtschaften alsbald zu stabilisieren.

          Recht haben auch die Fachleute behalten, die der Weltwirtschaft schon damals das Schlimmste voraussagten, zum Beispiel der New Yorker Professor Nouriel Roubini, der seither sehr viel größere Prominenz erlangt hat, oder Stephen Roach von der Bank Morgan Stanley. Beide warnten mit Blick auf Europa zugleich vor Schwierigkeiten für Großbritannien, Spanien und Irland. Daneben lag hingegen einer wie John Snow, ehemals amerikanischer Finanzminister und jetzt Chef der Beteiligungsgesellschaft Cerberus Capital, der allenfalls an eine milde Rezession glauben wollte. Zu den Optimisten zählten im vergangenen Jahr auch die Staatsfonds aus Asien und dem Nahen Osten, die sich kurz vor dem Weltwirtschaftsforum in einer ersten Beteiligungsrunde mit viel Geld in amerikanische Großbanken eingekauft hatten - viel zu früh, wie sich schnell herausstellen sollte.

          Pessimisten hui, Optimisten pfui

          Nun hat Josef Ackermann, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, aber auch recht, wenn er sagt, dass man in Krisenzeiten immer gern dafür bestraft werde, zu schnell zu optimistisch zu sein, und die Schwarzseher in solchen Situationen in den Himmel gehoben würden. Im Unterschied zu den prominenten Optimisten (wie ihm selbst) hätten diese allerdings das Glück, als Spinner abqualifiziert zu werden und keine weitere Beachtung mehr erleiden zu müssen, wenn sie mit ihren Untergangsszenarien dann eben doch danebengelegen hätten. Das ist wohl so. Sicher ist aber auch, dass die Nackenschläge, die Banker wie Ackermann Monate einstecken mussten, bei diesen zu einer erheblichen Ernüchterung geführt haben.

          Selbstgefälligkeit kann sich in der Lage, in der die Welt steckt, niemand mehr leisten. Doch verfolgte vor allem ein Vertreter Chinas die Diskussionen des vergangenen Jahres mit einer Einstellung, die nicht frei von diesem Charakterzug war: Seit 2005 hat die Volksrepublik ihre nicht frei konvertierbare Währung zwar schon um 20 Prozent aufgewertet. Das genügte den in Davos versammelten Fachleuten aber nicht, was den Chinesen kaum interessierte - und jetzt treiben die amerikanische Regierung Sorgen um, China könne seine Währung zum Schutz der bedrohten Exportwirtschaft sogar wieder abwerten. Die Worte, die der chinesische Premierminister Wen Jiabao am Eröffnungstag des Weltwirtschaftsforums zu diesem Problem finden wird, werden deshalb mit noch höherem Interesse verfolgt werden als die des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin, der ebenfalls an jenem Tag nach Davos eilen wird.

          Amerika muss sich gezwungenermaßen zurückhalten

          Die neue amerikanische Regierung um den Präsidenten Barack Obama wird weit weniger prominent vertreten sein; zu nah liegt der Termin des Weltwirtschaftsforums an der Amtseinführung, zu neu sind für die einzelnen Kabinettsmitglieder Obamas noch die Ministerien, die sie jetzt führen müssen, um Washington schon wieder zu verlassen. Selbst Obamas Wirtschaftsberater Lawrence Summers hat ganz kurzfristig wieder abgesagt. Das ist schade, denn die Lösung der Finanz- und Wirtschaftskrise wird von dem Land ausgehen, in dem sie ihren Ursprung genommen hat.

          Dort klingt in den Tagen nach Obamas Amtsantritt vieles nach mehr Regulierung und neuen Konjunkturprogrammen. In der Rede zu seiner Vereidigung hat Obama aber auch von der Kraft gesprochen, mit der eine Marktwirtschaft Wohlstand schaffen kann, und ein klares Bekenntnis zu ihr abgelegt. Das sollten auch diejenigen tun, die nach Davos reisen. Um das Leitthema der Veranstaltung „Die Welt nach der Krise gestalten“ mit Leben zu erfüllen, muss man an die Zukunft glauben: an die Zukunft des Wirtschaftssystems, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg als überlegen erwiesen hat, und an die Kreativität der Menschen, die nötig ist, die Krise zu überwinden. In solchen Botschaften liegt der Wert von Davos.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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