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Weltwirtschaft : Zentralbanken bekämpfen globalen Abschwung

Kristalina Georgiewa ist Chefin des Internationalen Währungsfonds. Bild: dpa

Waldbrände in Australien, Konflikte im Mittleren Osten und Coronavirus: Währungsfonds-Chefin Kristalina Georgiewa sieht zunehmende Erschütterungen für die Weltwirtschaft – auch wenn die Lage besser sei als noch im Oktober.

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          Zentralbanken haben im vergangenen Jahr durch synchronisierte Geldpolitik eine globale Rezession verhindert. Das hat die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgiewa, in einem Gespräch mit Journalisten in Washington gesagt. Nach Analyse des Währungsfonds haben 49 Zentralbanken im vergangenen Jahr 74-mal die Leitzinsen gesenkt. Der lockeren Geldpolitik sei ein globales Wachstumsplus von 0,5 Prozentpunkten zu verdanken auf 2,9 Prozent im vorigen Jahr. Bei einer Wachstumsrate deutlich unter 3 Prozent geht der Währungsfonds von einer globalen Rezession aus.

          Winand von Petersdorff-Campen
          (wvp.), Wirtschaft

          Georgiewa sieht die Weltwirtschaft in einer besseren Lage als noch im Oktober. Die Unterzeichnung des Handelsabkommens zwischen den Vereinigten Staaten und China und die wachsende Hoffnung auf einen geordneten Brexit hätten die Unsicherheit vermindert. Die Welt sei allerdings zunehmend globalen Erschütterungen ausgesetzt, konstatierte die IWF-Chefin. Das Jahr sei noch jung. Doch bereits jetzt habe sich Australiens Wachstumsperspektive wegen der Buschfeuer verdüstert. Im Mittleren Osten hätten sich die Konflikte verschärft.

          Weniger Tourismus

          Nun sei auch noch das Coronavirus ausgebrochen. Der Währungsfonds beobachte die Entwicklung der Inlandsnachfrage genau, sagte Georgiewa. Die Schutzmaßnahmen der chinesischen Regierung hätten bereits Einfluss auf die Produktion und die damit verknüpften internationalen Fertigungsketten. Zudem registriere der Fonds schon weniger Reisen und weniger Tourismus. Die langfristige Wirkung der Pandemie sei dagegen unklar. Das hänge von dem Erfolg der Behörden ab, das Virus zu stoppen.

          Den einzigen Vergleich liefere die Sars-Krankheitswelle, die im November 2002 ebenfalls in China begann und von einem Coronavirus verursacht worden war. Damals büßte die Weltwirtschaft nach einem Einbruch im ersten Quartal 2003 und einer späteren Erholung im gesamten Jahr nur 0,1 Prozentpunkte im globalen Wirtschaftswachstum ein, rechnet der Fonds vor. Allerdings verzeichnet China jetzt schon mehr Infizierte als damals. Zudem hat sich das Gewicht Chinas in der Weltwirtschaft deutlich verschoben. 2003 steuerte das Land 4 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung bei, heute sind es 18 Prozent. Globale Pandemien stellen die Vorzüge des internationalen Handels nicht in Frage, hob Georgiewa hervor. Handel diene dem Wachstum und helfe vor allem armen Menschen durch sinkende Preise.

          Der Klimawandel als Chance

          Georgiewa betonte, dass der Klimawandel ganz nach oben auf die globale Agenda gerückt sei. Die globale Erwärmung gefährde Volkswirtschaften und das Leben vieler Menschen. Zugleich biete sie große Chancen für Investitionen in eine nachhaltige Entwicklung, die dem Klimawandel entgegenwirkt. Aktuell leide die Weltwirtschaft unter vier Schwachpunkten: zu geringes Wachstum, zu geringe Produktivitätszuwächse, zu geringe Inflation und zu geringe Zinsen. Ein konzertiertes Investitionsprogramm zur Bekämpfung des Klimawandels könnte die Lösung für eine dynamischere Wirtschaftsentwicklung sein. „Ich betone das, weil der Klimawandel immer als Risiko angesehen wird. Er bietet aber auch enorme Chancen.“

          Die Währungsfonds-Chefin machte klar, dass sie hier eine wichtige Aufgabe für Deutschland sieht. Das Land verfüge über ausgedehnten fiskalischen Spielraum, den es unter anderem für den Kampf gegen den Klimawandel einsetzen sollte. Obwohl Deutschland im vorigen und in diesem Jahr die Ausgaben ausgeweitet habe, bleibe der finanzielle Spielraum substantiell. Er könne genutzt werden, ohne die in der Verfassung fixierte Verschuldungsregel zu verletzen. Selbst der Schuldenabbau könne weitergehen. Zusätzliche öffentliche Investitionen seien nötig, um die Wachstumskräfte langfristig zu stimulieren und den Handelsbilanzüberschuss auszubalancieren. Die deutsche Regierung sollte Geld in die digitale Infrastruktur investieren, die Arbeitsanreize für Frauen und alte Arbeitnehmer fördern, abgesehen von Maßnahmen zur Brechung des globalen Erwärmungstrends.

          Mit Sorge sieht die Fonds-Chefin, dass stattdessen das Thema Ungleichheit global an Zugkraft zu verlieren scheint. Das hätten ihre Gespräche beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos gezeigt, wo Ungleichheit keine große Rolle mehr gespielt habe. Das sei der Bedeutung nicht angemessen. Der Währungsfonds sah sich durch Aufstände in Chile, Ecuador und anderen Ländern gezwungen, deren Wirtschaftsprognose nach unten zu korrigieren, berichtete Georgiewa. Sie räumte allerdings ein, dass nur ein Teil der Aufstände durch Ungleichheit ausgelöst worden seien. Die jüngste Forschung des Währungsfonds zeige nicht nur, dass die Ungleichheit in vielen Ländern weiter zunehme. Sie schade auch dem Wirtschaftswachstum.

          Georgiewa fürchtet, dass die wachsende Häufigkeit von globalen Erschütterungen Regierungen in ein Dauerkrisenmanagement versetzt, das ihre Aufmerksamkeit von strukturellen Problemen ablenkt. Dazu gehört für sie das niedrige Zinsniveau. Wie sehr sie Zentralbanken dafür lobe, mit lockerer Geldpolitik einen Abschwung verhindert zu haben, so sehr sehe sie wachsende Risiken durch steigende Schulden. Zudem gingen Investoren auf der Jagd nach höheren Renditen höhere Risiken ein, die eine Gefahr für die Finanzstabilität bedeuteten.

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