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Weltwirtschaft : Globalisierung und Gerechtigkeit

  • -Aktualisiert am

Ausgezeichneter Querkopf: Joseph Stiglitz (l) Bild:

Der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft, Joseph Stiglitz, machte sich in Stockholm für Reformen des Weltfinanzsystems stark.

          Dass man nicht einfach zwischen Globalisierungsgegnern und Anhängern unterscheiden kann, sondern differenzieren muss, zeigte eine Diskussionsrunde im Rahmen der Nobelfestlichkeiten in Stockholm. Unter anderem diskutierten Joseph Stiglitz, einer der diesjährigen Preisträger für Wirtschaft, Amartya Sen, Preisträger von 1998 und die Vizepräsidentin von ATTAC Frankreich, Susan George, auf Einladung des Internationalen Olof Palme Zentrum über "Globalisierung von Freiheit und Wohlstand".

          Globalisierungsanhänger Sen stellte nicht in Frage, dass die derzeitige Globalisierung in gewisser Hinsicht die Schere zwischen Armen und Reichen vergrößere. Trotzdem halte er die Bekämpfung der Globalisierung dennoch für genauso falsch wie die Forderung mancher Feministinnen nach Abschaffung der Familie. Für ihn sei vielmehr die Schlüsselfrage, wie man den wirtschaftlichen Wohlstand, den die sich globalisierende Ökonomie hervorbringe, gerechter verteilt. Auf dem Panel herrschte nahezu Einigkeit, dass die gegenwärtigen Strukturen der Weltwirtschaft hierfür nicht ausreichten.

          Weltwirtschaft muss reformiert werden

          Dies zu ändern sei primär Aufgabe der nationalen Regierungen. Stiglitz wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Struktur des Weltfinanzsystems nicht mehr zeitgemäss sei, zum Beispiel stamme der IWF aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber auch strukturelle Veränderungen würden grundsätzliche Mechanismen und Gesetzmässigkeiten nicht aushebeln können. Dazu gehöre unter anderem, dass es stets Länder mit Handelsbilanzüberschüssen und welche mit Defiziten gebe. Ein Überschuss verlange immer irgendwo anders nach einem Defizit, wenn auch dieses wie eine "heiße Kartoffel sei, die jeder loswerden wolle".

          Finanzsystem nicht mehr zeitgemäß

          Der Nobelpreisträger bewertet es als positiv, dass sich seiner Einschätzung nach das Bewusstsein vieler Regierungen hinsichtlich der Verteilung von Wohlstand verändert habe. Sie wüssten inzwischen, dass sie für einen verbesserten Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen gerade auch der Bevölkerungen in Schwellenländern mitverantwortlich seien. Und ebenso hätten private Investoren ein ureigenes Interesse an einer angemessenen Infrastruktur allgemeiner öffentlicher Güter.

          Globalisierung ist nicht solidarisch

          Dieses aktiv zu fördern scheint Anliegen von George Soros, Wirtschaftsmagnat und Gründer einer Stiftung, die in großem Umfang weltweit Projekte zur Entwicklung der Zivilgesellschaft finanziert. Für ihn ist die Globalisierung zwar zu einseitig,"aber nur Wettbewerb bringt Wirtschaftswachstum und Wohlstand hervor". Die Gesellschaft dagegen basiere auf Zusammenarbeit und müsse Wohlstand und Fortschritt in der Dritten Welt fördern. Doch genau dies werde durch Globalisierung in ihrer jetzigen Form nicht getan, sie sei weder solidarisch noch gerecht, betonte Susan George.

          Die damit einhergehende zunehmende Liberalisierung und Privatisierung der Bereitstellung öffentlicher Güter verstärke diese Tendenz noch. Darüber hinaus gebe es keinen "fairen Handel", da ein grosser Anteil des Weltexports von wenigen großen Wirtschaftsmächten beherrscht werde, an dem die Entwicklungsländer nicht teilhaben. In diesem Zusammenhang wies Joseph Stiglitz auf ein weiteres Problem für weniger entwickelte Länder hin, nämlich die Erlangung von internationalen Patenten, was sehr viel Geld erfordere und daher für viel nahezu unerreichbar ist.

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