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Welthandel : Erleben wir gerade das Ende der Globalisierung?

Volle Kraft voraus? Dem Welthandel fehlt die Dynamik. Bild: Laif/Andre Schumacher

Der Welthandel verlangsamt sich, nationalistische Politiker sind im Aufwind. Was ist da los?

          5 Min.

          Wenn es in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Gewissheit gab, dann diese: Die Welt rückt immer enger zusammen. Dieser Megatrend der Globalisierung erfasste die Weltwirtschaft kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Dank des Internets schrumpften Distanzen, plötzlich war es egal, ob der Geschäftspartner in Passau oder in Peking saß. Der Welthandel wuchs rasant, die Wertschöpfungsketten wurden global und die Arbeitsteilung immer feingliedriger. Nicht nur die Unternehmen sprengten Grenzen – auch Politik und Popkultur überwanden alte Mauern. Und die Wohlstandsgewinne in Ländern wie China, aber auch in den Industriestaaten waren enorm.

          Dem Welthandel fehlt die Dynamik

          Lange schien es wie in Stein gemeißelt, dass es so immer weitergehen würde. Schließlich hört der technologische Wandel nicht auf – und längst nicht alle Weltregionen sind bislang vom Wandel gleichermaßen erfasst. Doch jetzt bekommt diese Gewissheit Risse. Denn wirtschaftlich, politisch und geostrategisch mehren sich nach Ansicht von Fachleuten die Anzeichen dafür, dass die Globalisierung stockt oder zumindest einen anderen Charakter bekommt: Der Welthandel wächst längst nicht mehr mit so großen Raten wie bisher, die Doha-Runde der Welthandelsorganisation WTO gilt als gescheitert, Parteien, die auf Abschottung und Nationalismus setzen, sind im Aufwind, und die ungebremsten Flüchtlingsströme offenbaren eine Seite der Globalisierung, die für die meisten Menschen im Westen bislang unsichtbar war.

          „Die Rückbesinnung auf nationale Themen, die auf die große Phase der Globalisierung folgt, ist beunruhigend“, fasst Karsten Junius, der Chefvolkswirt der Schweizer Privatbank J. Safra Sarasin, zusammen. Und der Chefökonom der DZ Bank, Stefan Bielmeier, konstatiert im Konjunkturausblick für das kommende Jahr eine „deutliche Verlangsamung der Globalisierung“.

          Der Hauptgrund für die Bedenken der Ökonomen ist die fehlende Dynamik des Welthandels. Schon Anfang 2015 veröffentlichten Forscher des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank eine Studie mit dem Titel: „The Global Trade Slowdown“, die globale Verlangsamung des Handels. Die Forscher beschrieben, dass der länderübergreifende Warenaustausch zuletzt nur noch um rund 3 Prozent im Jahr gewachsen ist – in den zwei Jahrzehnten vor Ausbruch der Finanzkrise 2007 waren es im Schnitt mehr als 7 Prozent.

          Kurzzeitig schrumpfte der Welthandel in diesem Jahr sogar. Diese Entwicklung sei nicht einfach eine Folge des insgesamt schwächeren Wirtschaftswachstums der großen Wirtschaftsnationen und Schwellenländer, sie habe auch strukturelle Gründe. So würden Exportunternehmen in China und den Vereinigten Staaten vermehrt auf Vorleistungen aus dem eigenen Land setzen, anstatt sie zu importieren. Rein betriebswirtschaftlich gäbe es hingegen sogar Gründe für mehr Handel. Denn die niedrigen Energiepreise haben den Transport billiger gemacht.

          Volkswirte beobachten zudem eine Verschiebung: Wuchs früher der Handel im Schnitt schneller als die Wirtschaftsleistung der Welt, so war es in den vergangenen Jahren häufig andersherum (siehe Grafik). Volkswirt Junius hält diese Umkehr für problematisch. Der intensivere Güteraustausch und die wachsende internationale Konkurrenz hätten wie eine „Produktivitätspeitsche“ auf heimische Unternehmen gewirkt und das Wirtschaften effizienter gemacht. „Diese Quelle für Wohlstandsgewinne wird schwächer. Das schwächt das Potentialwachstum“, warnt er. Solche Überlegungen sind keine theoretischen Zahlenspiele. Am Hamburger Hafen wird der stockende Handel sichtbar: In den ersten neun Monaten des Jahres ging der Containerumsatz um beinah ein Zehntel zurück. Die deutschen Exporteure schlagen sich in diesem Umfeld dennoch wacker: Sie rechnen auch dank des schwachen Eurokurses mit dem besten Geschäft der Geschichte.

          Parteien schüren Zweifel an Multilateralismus

          Auf politischer Ebene schüren die Erfolge national orientierter Parteien, die es vom Rand der Gesellschaft mehr und mehr in die Mitte schaffen, Zweifel an zunehmender Offenheit und Multilateralismus: In Frankreich hat sich der Front National als eine Art Volkspartei etabliert, Großbritannien geht dem „Brexit“ entgegen, Katalonien und andere Regionen streben nach Unabhängigkeit, und die Regierungen in Ungarn und Polen versammeln mit nationalen Parolen Mehrheiten hinter sich. Diese Entwicklung ist nicht auf Europa beschränkt. Mit Donald Trump könnte in den Vereinigten Staaten ein Mann republikanischer Präsidentschaftskandidat werden, der Muslimen die Einreise verweigern will. Und in Russland weckt Wladimir Putin die nationalen Gefühle seiner Landsleute, während das Land in eine Rezession gerutscht ist.

          Es passt in dieses Bild, dass die Welthandelsorganisation WTO mit ihren 162 Mitgliedstaaten seit 14 Jahren vergeblich versucht, die Handelsbarrieren mit der sogenannten Doha-Runde zu beseitigen. Auch das jüngste Treffen Mitte des Monats in Nairobi führte nur zu kleinen Fortschritten. „Man kann sagen, dass die Doha-Runde in Nairobi zu Grabe getragen worden ist“, sagt Politologe Andreas Falke von der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Alternativen seien nun kleinere, regionale Abkommen, die nach Einschätzung des Forschers sogar aussichtsreicher seien.

          Falke sieht die Globalisierung keineswegs am Ende. Aber es gebe Handlungsbedarf. „Themen wie Patentschutz und Investitionsfreiheit müssen in zahlreichen Ländern wirkungsvoller verankert werden, sonst gibt es keine Fortschritte“, sagt er. Zudem würden strenger werdende Vorschriften für Produktstandards sowie Umwelt- und Gesundheitsvorgaben den Warenaustausch erschweren.

          Als die größte Globalisierungsbremse bezeichnen die meisten Fachleute jedoch etwas anderes: die wachsende politische Unsicherheit. Krisen, Kriege und Terror halten Unternehmen und Bevölkerung in Atem. Bankenvolkswirt Junius spricht von einer unübersichtlich gewordenen Weltordnung, in der es keinen Hegemon mehr gebe: „Die Vereinigten Staaten sind weitaus weniger bereit, sich zu engagieren.“ Auch innerhalb der Europäischen Union gebe es ein Machtvakuum, das nationalen Strömungen Auftrieb gebe.

          Flüchtlinge verkörpern die andere Seite der Globalisierung

          Auch der nie dagewesene Flüchtlingsstrom führt dazu, dass Grenzzäune wieder errichtet werden und das Schengen-Abkommen in der EU von Politikern in Frage gestellt wird. Die fast 60 Millionen Menschen, die nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks auf der ganzen Welt auf der Flucht sind, stehen aber noch für etwas anderes. Sie verkörpern die andere Seite der Globalisierung. Denn nicht nur Waren und Dienstleistungen werden in diesem Prozess mobiler, sondern auch Arbeitskräfte.

          Zwar flüchten viele Menschen vor Krieg und politischer Verfolgung. Viele verlassen aber auch ihre Heimat, um mehr Chancen auf Arbeit und eine bessere Zukunft zu haben. Moderne Kommunikationsmittel und das wachsende Wissen um die Lebensstandards in den Industrienationen dürften diese Mobilität stärken. Folgt man dieser Argumentation, dann erkennt man nicht das Ende der Globalisierung, sondern ihr gewandeltes Gesicht.

          Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch die Schweizer Großbank Credit Suisse in einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Analyse. Der Wandel der Globalisierung sei eines der wichtigsten makroökonomischen Themen des kommenden Jahrzehnts. Die Welt wird sich demnach nicht zu einer durch und durch globalisierten Welt entwickeln, sondern „in Richtung einer multipolaren Welt, auf wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ebene“.

          Stimmung in Deutschland nicht globalisierungsfeindlich

          Auch die Credit Suisse rechnet mit starken Regionalisierungstendenzen. In der neuen, multipolaren Welt gebe es in verschiedenen Weltregionen Unternehmen, die „regionale Champions“ seien, Länder, die in Staatengruppen wie ein Hegemon handeln würden, zudem würden mehrere dominierende Währungen, mehr Restriktionen für Migranten und mehr Ungleichheit in den Lebensbedingungen auf der ganzen Welt herrschen. Die Unternehmen würden zwar weiter über Ländergrenzen Handel treiben, aber vorsichtiger sein, jenseits des Heimatmarktes zu investieren.

          Nicht an derart tiefgreifende Veränderungen glaubt ausgerechnet ein Mann, der das kapitalismuskritische Netzwerk Attac in Deutschland mitbegründet hat und heute als Finanzfachmann für die Grünen im Europaparlament sitzt. Sven Giegold sagt: „Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass die Globalisierung zurückgeht.“ Giegold betont, kein Globalisierungsgegner zu sein, sondern für eine gerechte und ökologisch verträgliche Globalisierung einzutreten. Auch mit Blick auf die Handelszahlen kommt der Politiker zu einem anderen Schluss: „Lediglich wenn man die Boom-Phase internationaler Kreditflüsse vor 2007 zum Maßstab nimmt, kann man eine Abschwächung feststellen. Ansonsten sieht es nach einem soliden kontinuierlichen Wachstum aus.“

          Die Stimmung in Deutschland schätzt Giegold trotz der Massenproteste gegen das Freihandelsabkommen TTIP nicht als globalisierungsfeindlich ein. Was die Leute umtreibe, sei etwas anderes. „Die Menschen haben das Gefühl, dass das große Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft, also wachsender Wohlstand für alle, nicht mehr eingelöst wird“, sagt Giegold. Stattdessen habe sich bei vielen Menschen der Eindruck breitgemacht, dass nur einzelne Interessengruppen, die besonders mächtig und mobil seien, zu den Profiteuren zählen. „Das ist aber keine Kritik an der Globalisierung an sich, sondern Ausdruck des Gefühls, dass die Staaten in dieser Hinsicht die Kontrolle verloren haben.“

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