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Welthandel : Erleben wir gerade das Ende der Globalisierung?

Flüchtlinge verkörpern die andere Seite der Globalisierung

Auch der nie dagewesene Flüchtlingsstrom führt dazu, dass Grenzzäune wieder errichtet werden und das Schengen-Abkommen in der EU von Politikern in Frage gestellt wird. Die fast 60 Millionen Menschen, die nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks auf der ganzen Welt auf der Flucht sind, stehen aber noch für etwas anderes. Sie verkörpern die andere Seite der Globalisierung. Denn nicht nur Waren und Dienstleistungen werden in diesem Prozess mobiler, sondern auch Arbeitskräfte.

Zwar flüchten viele Menschen vor Krieg und politischer Verfolgung. Viele verlassen aber auch ihre Heimat, um mehr Chancen auf Arbeit und eine bessere Zukunft zu haben. Moderne Kommunikationsmittel und das wachsende Wissen um die Lebensstandards in den Industrienationen dürften diese Mobilität stärken. Folgt man dieser Argumentation, dann erkennt man nicht das Ende der Globalisierung, sondern ihr gewandeltes Gesicht.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch die Schweizer Großbank Credit Suisse in einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Analyse. Der Wandel der Globalisierung sei eines der wichtigsten makroökonomischen Themen des kommenden Jahrzehnts. Die Welt wird sich demnach nicht zu einer durch und durch globalisierten Welt entwickeln, sondern „in Richtung einer multipolaren Welt, auf wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ebene“.

Stimmung in Deutschland nicht globalisierungsfeindlich

Auch die Credit Suisse rechnet mit starken Regionalisierungstendenzen. In der neuen, multipolaren Welt gebe es in verschiedenen Weltregionen Unternehmen, die „regionale Champions“ seien, Länder, die in Staatengruppen wie ein Hegemon handeln würden, zudem würden mehrere dominierende Währungen, mehr Restriktionen für Migranten und mehr Ungleichheit in den Lebensbedingungen auf der ganzen Welt herrschen. Die Unternehmen würden zwar weiter über Ländergrenzen Handel treiben, aber vorsichtiger sein, jenseits des Heimatmarktes zu investieren.

Nicht an derart tiefgreifende Veränderungen glaubt ausgerechnet ein Mann, der das kapitalismuskritische Netzwerk Attac in Deutschland mitbegründet hat und heute als Finanzfachmann für die Grünen im Europaparlament sitzt. Sven Giegold sagt: „Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass die Globalisierung zurückgeht.“ Giegold betont, kein Globalisierungsgegner zu sein, sondern für eine gerechte und ökologisch verträgliche Globalisierung einzutreten. Auch mit Blick auf die Handelszahlen kommt der Politiker zu einem anderen Schluss: „Lediglich wenn man die Boom-Phase internationaler Kreditflüsse vor 2007 zum Maßstab nimmt, kann man eine Abschwächung feststellen. Ansonsten sieht es nach einem soliden kontinuierlichen Wachstum aus.“

Die Stimmung in Deutschland schätzt Giegold trotz der Massenproteste gegen das Freihandelsabkommen TTIP nicht als globalisierungsfeindlich ein. Was die Leute umtreibe, sei etwas anderes. „Die Menschen haben das Gefühl, dass das große Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft, also wachsender Wohlstand für alle, nicht mehr eingelöst wird“, sagt Giegold. Stattdessen habe sich bei vielen Menschen der Eindruck breitgemacht, dass nur einzelne Interessengruppen, die besonders mächtig und mobil seien, zu den Profiteuren zählen. „Das ist aber keine Kritik an der Globalisierung an sich, sondern Ausdruck des Gefühls, dass die Staaten in dieser Hinsicht die Kontrolle verloren haben.“

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Unser Autor: Oliver Georgi

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