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Welthandel : Erleben wir gerade das Ende der Globalisierung?

Volkswirte beobachten zudem eine Verschiebung: Wuchs früher der Handel im Schnitt schneller als die Wirtschaftsleistung der Welt, so war es in den vergangenen Jahren häufig andersherum (siehe Grafik). Volkswirt Junius hält diese Umkehr für problematisch. Der intensivere Güteraustausch und die wachsende internationale Konkurrenz hätten wie eine „Produktivitätspeitsche“ auf heimische Unternehmen gewirkt und das Wirtschaften effizienter gemacht. „Diese Quelle für Wohlstandsgewinne wird schwächer. Das schwächt das Potentialwachstum“, warnt er. Solche Überlegungen sind keine theoretischen Zahlenspiele. Am Hamburger Hafen wird der stockende Handel sichtbar: In den ersten neun Monaten des Jahres ging der Containerumsatz um beinah ein Zehntel zurück. Die deutschen Exporteure schlagen sich in diesem Umfeld dennoch wacker: Sie rechnen auch dank des schwachen Eurokurses mit dem besten Geschäft der Geschichte.

Parteien schüren Zweifel an Multilateralismus

Auf politischer Ebene schüren die Erfolge national orientierter Parteien, die es vom Rand der Gesellschaft mehr und mehr in die Mitte schaffen, Zweifel an zunehmender Offenheit und Multilateralismus: In Frankreich hat sich der Front National als eine Art Volkspartei etabliert, Großbritannien geht dem „Brexit“ entgegen, Katalonien und andere Regionen streben nach Unabhängigkeit, und die Regierungen in Ungarn und Polen versammeln mit nationalen Parolen Mehrheiten hinter sich. Diese Entwicklung ist nicht auf Europa beschränkt. Mit Donald Trump könnte in den Vereinigten Staaten ein Mann republikanischer Präsidentschaftskandidat werden, der Muslimen die Einreise verweigern will. Und in Russland weckt Wladimir Putin die nationalen Gefühle seiner Landsleute, während das Land in eine Rezession gerutscht ist.

Es passt in dieses Bild, dass die Welthandelsorganisation WTO mit ihren 162 Mitgliedstaaten seit 14 Jahren vergeblich versucht, die Handelsbarrieren mit der sogenannten Doha-Runde zu beseitigen. Auch das jüngste Treffen Mitte des Monats in Nairobi führte nur zu kleinen Fortschritten. „Man kann sagen, dass die Doha-Runde in Nairobi zu Grabe getragen worden ist“, sagt Politologe Andreas Falke von der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Alternativen seien nun kleinere, regionale Abkommen, die nach Einschätzung des Forschers sogar aussichtsreicher seien.

Falke sieht die Globalisierung keineswegs am Ende. Aber es gebe Handlungsbedarf. „Themen wie Patentschutz und Investitionsfreiheit müssen in zahlreichen Ländern wirkungsvoller verankert werden, sonst gibt es keine Fortschritte“, sagt er. Zudem würden strenger werdende Vorschriften für Produktstandards sowie Umwelt- und Gesundheitsvorgaben den Warenaustausch erschweren.

Als die größte Globalisierungsbremse bezeichnen die meisten Fachleute jedoch etwas anderes: die wachsende politische Unsicherheit. Krisen, Kriege und Terror halten Unternehmen und Bevölkerung in Atem. Bankenvolkswirt Junius spricht von einer unübersichtlich gewordenen Weltordnung, in der es keinen Hegemon mehr gebe: „Die Vereinigten Staaten sind weitaus weniger bereit, sich zu engagieren.“ Auch innerhalb der Europäischen Union gebe es ein Machtvakuum, das nationalen Strömungen Auftrieb gebe.

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