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Ursachen des Terrors : Töten im Namen Gottes

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Kriegsbegeisterte Anhänger des Islamischen Staates in Rakka: Junge Menschen werden von der symbolhaften Zeichensprache religiöser Gewalt angezogen. Bild: Reuters

Was sind die wahren Ursachen für den islamistischen Terror? Wirklich die Religion oder der Zorn von ökonomisch Marginalisierten? Sicher ist: Das Beschwören westlicher Werte fruchtet nicht. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Unter dem Eindruck der Pariser Terroranschläge vom 13. November vorigen Jahres wiederholte der einflussreiche französische Politikwissenschaftler Olivier Roy seine schon mehrfach formulierte These, dass der von radikalisierten Salafisten ausgehende Terror in Europas Städten nur sehr wenig mit Religion und Islam zu tun habe. Man müsse solche Attentate als eine neue Jugendrevolte gegen die herrschende Kultur deuten, als pathetisch inszenierten Bruch mit den Konventionen jener Welt, in der die jungen Täter aufgewachsen seien. Die in den Medien weitverbreitete Rede vom „politischen Islamismus“ sei irreführend. Man müsse stattdessen von „islamisierter Radikalität“ reden.

          In Büchern wie „Der falsche Krieg. Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens“ (2008) oder „Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen“ (2010) entwirft Roy Psychogramme der Täter, die das herrschende Bild vom fanatischen Superfrommen, der aus primär religiösen Motiven gewalttätig wird, in Frage stellen. Die meisten Täter seien Angehörige der zweiten Generation von Einwanderern oder aber Konvertiten aus europäischen Familien der Mittel- oder Unterschichten. Oft hätten sie eine Karriere als Drogenhändler und Kleinkriminelle hinter sich. Weder seien sie in Kindheit und Jugend besonders fromm gewesen, noch hätten sie Kontakte zu irgendeiner Moschee gehabt.

          Islamforscher sieht Frustration als Antrieb des Terrors

          Roy bestreitet nicht, dass für die Selbstdeutung der Täter die religiöse Symbolsprache eine wichtige Rolle spielt. Aber die religiöse Sprache diene diesen zumeist gescheiterten, aus der Bahn geworfenen, von Frustration über ihr Lebensunglück und Hass auf die Gesellschaft geprägten jungen Menschen nur dazu, endlich ihrem Leben einen Sinn geben zu können.

          Wie einst deutsche Pietisten oder protestantische Evangelikale in Amerika nutzten diese gesellschaftlichen Loser die Sinn-Ressourcen religiöser Überlieferungen, um ein wahres, besseres Selbst entwerfen und kontrafaktisch ihr Leben als Erfolg deuten zu können. Dass sie sich dabei auf islamische Vorstellungen stützten, sei eher zufällig. Der Islam biete sich in Europa derzeit eben an.

          Roys Thesen blieben nicht ohne scharfen Widerspruch. Vor allem der französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel hat immer wieder, zuletzt 2015 in „Terreur dans l’Hexagone“, die hohe Bedeutung genuin religiöser Motive für die Terrorattacken europäischer Muslime betont. Natürlich weiß er um sozialstrukturelle Prägekräfte wie die elementare Exklusion, die junge französische Muslime in der Banlieue der großen Städte fortwährend erlitten. Aber die hier bei vielen Jugendlichen vorherrschenden Gefühle von Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt, Benachteiligung in den Bildungsinstitutionen und Missachtung durch die Mehrheitsgesellschaft würden primär religiös artikuliert und schafften so eine gegen den laizistischen Staat gerichtete kollektive Glaubensidentität der Muslime, die die „Werte“ der Republik mit ihren Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nur als blanken Hohn empfinden könnten.

          Wie lässt sich die Terror-Gefahr minimieren?

          Kepel weist zudem auf die 2005 im Internet veröffentlichte 1600-seitige Kampfschrift des syrischen Islamisten Abu Musba Al-Suri hin, die sich wie ein Handbuch für die Terroranschläge der vergangenen Jahre liest. Allerdings lehnte Al-Suri, einst Berater von Usama bin Ladin, die Gründung eines „Islamischen Staates“ ab. Ob die Chefpropagandisten des „Islamischen Staates“ die Schrift wirklich gelesen haben, ist unklar.

          Produkt der Marginalisierung: Armut fördert Gewalttendenzen. Hier das Versteck der Attentäter in Schaerbeek
          Produkt der Marginalisierung: Armut fördert Gewalttendenzen. Hier das Versteck der Attentäter in Schaerbeek : Bild: dpa

          In den Kontroversen um Genese und Eigenart „islamistischen Terrors“ in Europa geht es um mehr als nur einen Streit der Gelehrten. Mit der Frage nach den „eigentlichen Ursachen“ der Attentate stehen auch die Chancen zukünftiger Prävention und die Prioritäten staatlicher Sicherheitspolitik zur Debatte.

          Man kann das Problem in ökonomischer Sprache formulieren: Wo muss eine Gesellschaft welche Mittel investieren, um die Bedrohung durch religiös inszenierten Terror zu minimieren? Was sollte der freiheitliche Rechtsstaat auf jeden Fall tun? Und wo liegen mögliche Grenzen der Staatstätigkeit? Auf welche Investments kann verzichtet werden?

          Globaler Religionsmarkt für Sinnprodukte

          Jede Analyse muss zunächst ein Spezifikum religiöser Symbolsprachen und den Gestaltwandel von Religion in der okzidentalen Moderne seit 1800 in den Blick nehmen. Religiöse Sprache ist, ähnlich wie ästhetische Sprache, von hoher Interpretationsoffenheit geprägt. Grundsymbole wie „Gott“, „die Gemeinschaft der Heiligen“, „der Prophet“ oder „der Glaubenszeuge“ lassen sich von konkurrierenden Akteuren je nach Ort, Zeit und Interesse ganz unterschiedlich auslegen und aneignen.

          In der Moderne gibt es keinerlei autoritative Instanz mehr, die frommen Individuen oder einer Gemeinschaft von Gläubigen vorschreiben könnte, wie sie überkommene religiöse Symbolbestände auszulegen haben. Diese Individualisierung des Religiösen führt auch zur verstärkten Pluralisierung und der Entstehung eines globalen Religionsmarktes für Sinnprodukte unterschiedlicher Art. Und sofern alle religiösen Anbieter Sinnorientierung offerieren, stehen sie in Konkurrenz zueinander und müssen sich gegeneinander profilieren. Wie auf anderen Märkten geht es um die demonstrative Zurschaustellung des eigenen Sinnangebotes.

          Dies erklärt zumindest partiell die Faszinationskraft religiös inszenierter Gewalt: Wer im Namen Gottes zu morden behauptet, macht – leider auf grausame Weise – erfolgreicher als der Beter im stillen Kämmerlein auf sich aufmerksam.

          Staatliche ausgebildete Religionslehrer sind ein Anfang

          Jede Analyse muss sodann berücksichtigen, dass die Steuerbarkeit religiösen Bewusstseins Grenzen hat. Gottesglaube ist eine notorisch ambivalente, darin höchst gefährliche Gestalt des Bewusstseins. Er kann starke Solidarität mit Schwachen, Armen und Bedrängten stiften, aber auch Hass säen und Feindschaft begründen. Fast alle europäischen Staaten haben deshalb versucht, die destruktiven Elemente religiösen Bewusstseins zu neutralisieren und den Glauben zu zivilisieren. Dazu sollten die Pfarrer studieren und in akademischen Institutionen die Fähigkeit erwerben, auf den Kanzeln eine unfanatische Frohbotschaft zu verkündigen.

          Kleinkriminelle ohne religiöse Vorbildung: Salah Abdeslam, der an den Anschlägen von Paris beteiligt gewesen sein soll.
          Kleinkriminelle ohne religiöse Vorbildung: Salah Abdeslam, der an den Anschlägen von Paris beteiligt gewesen sein soll. : Bild: dpa

          Die Bundesrepublik folgt dieser religionspolitischen Zivilisierungsstrategie nun auch mit Blick auf den Islam. Mit der Schaffung islamisch-theologischer Fakultäten und universitärer Einrichtungen zur Ausbildung muslimischer Religionslehrerinnen und -lehrer will man sicherstellen, dass deutsche Muslime im Lande selbst (und nicht mehr in der Türkei oder in Ägypten) die Kompetenz zur hoffentlich kritischen Kommunikation ihrer Glaubensüberlieferungen erwerben können.

          Dies ist gewiss sinnvoll investiertes Steuergeld. Aber man muss die Erwartungen zügeln, dass sich durch besseren Religionsunterricht bei jugendlichen Muslimen religiöse Radikalisierungsprozesse verhindern lassen. Die Kommunikation in der eigenen „peer group“ und inzwischen wohl auch im Internet ist in aller Regel sehr viel wirkmächtiger als die wohlmeinende Belehrung durch Ältere.

          Ähnlichkeit mit den internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg

          Keine noch so gute Religionskunde kann außerdem etwas daran ändern, dass in der Moderne des 21. Jahrhunderts sich jeder seine Glaubenswelt aus Elementen höchst unterschiedlicher Überlieferungen selbst zusammenbasteln kann. Es gibt gerade für Labile, Verunsicherte, Entwurzelte zudem eine Faszination der Gewalt, die oft stärker sein dürfte als die Kraft ziviler Selbstbegrenzung. Bildung hat jedenfalls nicht verhindern können, dass hochgebildete RAF-Mitglieder zu Mördern wurden.

          Religiös inszenierte Gewalt ist kein Spezifikum des Islams. Gewalt hat es in allen Glaubensüberlieferungen gegeben, und sie prägt auch gegenwärtig noch einige afrikanische Christentümer, ostasiatische Buddhismen und den Hindu-Nationalismus. Auch Gotteskrieger, die um der von ihnen für gerecht gehaltenen Sache willen in den „Heiligen Krieg“ ziehen, sind aus den Geschichten diverser Christentümer und des Judentums vielfältig bekannt. Dass nun junge europäische Muslime beiderlei Geschlechts, gerade auch Konvertiten, in den „Islamischen Staat“ reisen, um hier für die Errichtung des Kalifats zu kämpfen, ist insoweit kein neues Phänomen.

          Sie erinnern in ihrer Kriegsbegeisterung und den kognitiven Strukturen der Rechtfertigung ihres Handelns stark an jene jungen Europäer, die einst auf der Seite der politisch Linken oder der Gegenseite der Faschisten in den Spanischen Bürgerkrieg zogen.

          Den Islam gibt es nicht

          Es dient nicht der Entschuldigung der derzeit im Namen Allahs ausgeübten Verbrechen, mögliche historische Parallelen sichtbar und auf die Gewaltpotentiale in allen Religionen aufmerksam zu machen. Aber es verhindert eine falsche, essentialistische Sicht auf den Islam, den es so wenig wie das Christentum gibt. Die muslimischen Religionskulturen in Europa sind in sich höchst vielfältig und durch ganz unterschiedliche kollektive Erfahrungen geprägt. Muslime in Kreuzberg, deren Eltern oder Großeltern einst aus der Türkei kamen, teilen nicht die traumatisierenden Erinnerungen an koloniale Fremdherrschaft, die für viele französische, noch vom Algerien-Krieg geprägte Muslime kennzeichnend sind.

          Nach den Anschlägen von Paris und nun auch Brüssel ließ sich im politischen Betrieb eine Reaktion beobachten, die nur als falsches semantisches Investment bezeichnet werden kann: Staatspräsidenten, Regierungschefs und Parteivorsitzende beschworen einhellig „die Werte Europas“ oder „des Westens“, die man gegen alle terroristischen Angriffe verteidigen werde.

          Wertbegriff wirkt automatisch exkludierend

          Nun ist es gut und ökonomisch langfristig sinnvoll, wenn der freiheitliche Rechtsstaat jene Bürokratien stärkt, die für die Sicherheit seiner Bürger zuständig sind. So dürfte etwa der Aufbau eines Zentrums zur Terrorabwehr geboten sein, in dem interessierte EU-Staaten enger als bisher miteinander kooperieren. Aber mit Werte-Rhetorik ist niemandem geholfen.

          „Wert“ war ursprünglich ein Begriff der ökonomischen Sprache, und seine Einwanderung in ethische Debatten und juristische Diskurse hat nur dazu geführt, die freiheitsdienliche Unterscheidung von gesetzlich kodifizierten Rechtsnormen und moralischen Verbindlichkeiten zu unterlaufen. Deshalb ist es fatal, wenn Vertreter des Rechtsstaates diesen im Kampf gegen den Terrorismus nun als eine „Wertegemeinschaft“ deuten.

          Nutzlose Symbolpolitik: Das Beschwören westlicher Werte, wie hier bei dem Demonstrationszug von Politikern nach den Anschlägen von Paris, wirkt exkludierend.
          Nutzlose Symbolpolitik: Das Beschwören westlicher Werte, wie hier bei dem Demonstrationszug von Politikern nach den Anschlägen von Paris, wirkt exkludierend. : Bild: AFP

          Der Wertbegriff trägt immer schon die Unterscheidung von „wert“ und „unwert“ in sich, und er wirkt unausweichlich exkludierend: Manche teilen bestimmte „Wertüberzeugungen“, andere lehnen sie ab. Moralische Dissense sind in einer freiheitlichen Gesellschaft der Regelfall und legitim. Deshalb werden nur Minderheiten ausgegrenzt, wenn die „Werte“ der Mehrheit als die gemeinschaftlichen Überzeugungen aller gelten sollen.

          Für wirklich alle gilt allein das Recht, und deshalb sind Rechtsbrecher zu verfolgen und zu bestrafen. Aber dies hat nichts damit zu tun, ob irgendwelche jungen Muslime die „Werte“ von älteren Katholiken, Protestanten oder Agnostikern teilen. Eine inflationär gebrauchte, darin nur Hilflosigkeit bekundende Werte-Rhetorik verstärkt bloß die Gefühle der Exklusion, die sich bei manchen jungen Muslimen in Europa beobachten lassen.

          Muslimische Lebenswelten sollten besser erkundet werden

          Es dürfte keine kluge Politik sein, von Seiten des Staats Erfahrungen (oder auch nur eingebildete Erfahrungen) von Ausgrenzung zu verstärken – oder gar wie in Frankreich einem Teil der eigenen Bevölkerung den Krieg zu erklären.

          Langfristig klug ist es allein, neben der Stärkung der Sicherheitsbehörden in besseres Verständnis dessen, was derzeit leider der Fall ist, zu investieren. Nur durch mehr gelehrte Expertise wird man auch seriös entscheiden können, ob im Namen des Propheten inszenierter Terror primär aus Glaubensgründen motiviert ist – oder ob die Sprache der Religion hier, wie so oft schon in der modernen europäischen Geschichte, vor allem der Artikulation von Leid, Entfremdung und Marginalisierung dient. So sollte der Rechtsstaat mehr in die analytische Erkundung muslimischer Lebenswelten investieren, um Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen besser zu verstehen.

          Nur was man begriffen hat, lässt sich präventiv bekämpfen - etwa durch eine bessere, ökonomisch effizientere Integrationspolitik. Gerade deshalb bedarf es einer besseren Erforschung der Frage, wie religiöser Glaube tief frustrierte Menschen dazu motiviert, mit subjektiv gutem Gewissen die Grenzen staatlichen Rechts zu überschreiten.

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