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Einhaltung der Menschenrechte : Der Dschungel der Lieferketten

Wieder im Einsatz: Näherinnen und Näher in Dhaka, Bangladesch, nach dem Corona-Lockdown Bild: Reuters

Handelsbeziehungen menschlicher zu gestalten, wie Berlin es fordert, ist wünschenswert. Doch womöglich ist der soziale Schaden größer als der Nutzen.

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          Morgens um acht hat die junge Inderin noch Kraft. Mittags bekommt sie eine Schale Reis und Wasser. „Abends ist mein Kopf auf den Werktisch gesunken. Dann kam der Aufseher und hat sich über mich gebeugt, mich an den Haaren hochgezogen“, sagt sie. Bis sechs Uhr am nächsten Morgen musste sie durcharbeiten. Zwei Stunden Schlaf. Um acht Uhr ging es weiter. „So war es immer, bekamen wir Aufträge aus Europa“, sagt sie. Eine einzige falsche Unterschrift hatte die junge Frau geleistet. „Der Vertrag hörte sich so gut an. Drei Jahre Lehrzeit, Unterkunft, Mahlzeiten. Und am Ende eine Prämie, für die Aussteuer unserer Hochzeit.“ In Wirklichkeit landete Divya, deren richtigen Namen wir nicht drucken dürfen und die die Vorkommnisse schon vor Corona schilderte, im organisierten System der Ausbeutung der südindischen Garnindustrie, über Jahre als „Sumangali“ gefürchtet. Politiker und Menschenrechtler streiten, ob diese direkte Form der Ausbeutung nun endlich angegangen wird.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Divya und all ihre Kolleginnen stehen vor einer ungewissen Zukunft: Nimmt Deutschland, so wie es Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in Berlin wollen, die Unternehmen für ihre Lieferketten in die Pflicht, könnte das gut oder schlecht für sie ausgehen. Gut wäre, wenn ihr Lohn stiege, sie Sozialleistungen und geregelte Abnahmemengen und Arbeitszeiten bekämen. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass Divya selbst ihre paar Rupien verlieren wird: Denn ihr Arbeitgeber, der zahlreiche Fabriken betreibt, wird einige schließen. Divya bleibt nur die Hoffnung, dass sich auf lange Sicht in allen Entwicklungsländern etwas ändere. Danach aber sieht es, schaut man auf die Einkäufer und Fabrikbetreiber etwa aus China, Südkorea oder Taiwan, ganz und gar nicht aus.

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