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Folgen der Coronakrise : Das Ende der Globalisierung – oder doch noch nicht?

  • -Aktualisiert am

Der Coronavirus bringt die globalisierte Wirtschaft aus dem Takt: chinesische Containerschiff im Hafen von Piräus. Bild: dpa

Die Unternehmen werden ihre Lehren aus der Coronakrise ziehen. Währenddessen will die Politik Europa wirtschaftlich unabhängiger machen. Kritiker warnen vor Protektionismus.

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          Sie hat schon seit längerem ein Imageproblem: die Globalisierung. Zwar profitieren Verbraucher und Unternehmen erheblich von Produkten und Dienstleistungen aus dem Ausland. Andererseits führt die Globalisierung auch dazu, dass im Krisenfall nicht nur eine Region Probleme hat, sondern schnell die ganze Welt. Die Finanzkrise hat das vor gut zehn Jahren zum ersten Mal eindrücklich gezeigt. Jetzt ist es das Coronavirus.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          In chinesischen Häfen stecken Container fest, Mitarbeiter fehlen rund um den Globus an ihren Arbeitsplätzen, Flugzeuge bleiben am Boden – die Wirtschaft gerät aus ihrem gewohnten Takt. Doch anders als manche Ökonomen und Politiker erwarten die führenden Wirtschaftsverbände nicht, dass es jetzt deshalb einen Trend zur De-Globalisierung geben wird. Die Vorteile einer verflochtenen Weltwirtschaft seien weitaus größer als ihre Nachteile, heißt es in Berlin.

          Unterbrechung nur für eine kurze Zeit

          „Volkwirtschaftlich ist Deutschland nicht von einem einzelnen Land abhängig“, betont Ilja Nothnagel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Zwar seien in jedem Euro, der aus Deutschland exportiert werde, rein rechnerisch 40 Cent Zulieferungen aus dem Ausland enthalten. Doch nach Einschätzung des Verbands ist es keineswegs so, dass etwa ohne die Lieferungen aus China nichts mehr geht in der deutschen Wirtschaft. „Kein Handelspartner hat einen Anteil, der größer als 10 Prozent bei den Ex- und Importen ist.“

          Noch sind die Sorgen vor einer Corona-Rezession weitaus größer als die tatsächlichen Einbußen. Das Bundeswirtschaftsministerium orientiert sich an einem Modell mit drei Stufen. Noch sei Deutschland auf der ersten Stufe: einzelne betroffene Unternehmen, aber noch kein Konjunktureinbruch. Hierfür seien die gewöhnlichen Fördertöpfe wie KfW-Kredite und das Kurzarbeitergeld ausreichend. Notfalls könnten diese aufgestockt oder durch ein klassisches Konjunkturprogramm ergänzt werden. An Geld dafür mangelt es nicht, auf bis zu 50 Milliarden Euro beziffern manche Fachleute den finanziellen Puffer. Am Sonntag wird der Koalitionsausschuss aber wahrscheinlich erstmal nur entscheiden, schon beschlossene Steuererleichterungen zeitlich vorzuziehen.

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          Die Frage, wie Lieferketten organisiert werden, wie viel Just-in-time-Fertigung mit keinen oder nur geringen Lagerbeständen ratsam ist, müssen dagegen die Unternehmen beantworten. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands VDMA, erwartet in den kommenden Wochen verstärkt Gespräche zwischen Produktionsleitern und Controllern. „Man wird sicherlich genau überlegen, ob ein paar tausend Euro für die Lagerhaltung wirklich zu viel sind, wenn sonst die Produktion stillsteht.“ Vor allem die großen Konzerne sind dafür bekannt, dass sie ihre Kosten möglichst gering halten. Dieses Credo könnte durch Corona zumindest etwas ins Wanken kommen, bei Schlüsselkomponenten auch wieder ein größerer Lagerbestand vorgehalten werden.

          Die Frage ist: Reicht das? Sowohl Altmaier als auch sein französischer Amtskollege Bruno LeMaire arbeiten seit Monaten daran, in Schlüsselbereichen der Wirtschaft mehr Produktionskapazitäten in Europa zu schaffen. In den Bereichen Mikroelektronik, Batteriezellen und der Datencloud gibt es schon entsprechende Projekte und milliardenschwere Fördertöpfe. Eine europäische Medikamentenproduktion könnte als nächstes folgen.

          Die Minister dürften sich durch Corona in ihrem industriepolitischen Kurs bestätigt fühlen. Der Verband der Familienunternehmer hält das für eine bedenkliche Entwicklung. „Die Ausbreitung eines Virus darf jetzt nicht für einen absolut schädlichen Protektionismus ins Feld geführt werden“, sagt Hauptgeschäftsführer Albrecht von der Hagen. „Ein Zurück zu einer umfassenden nationalen Produktion würde die Menschheit ins 19. Jahrhundert zurückwerfen und riesige Wohlfahrtsverluste mit sich bringen.“ Er ist überzeugt: Die Vorteile der Globalisierung seien für alle Beteiligten so immens, dass eine Epidemie wie das Corona sie nur für kurze Zeit unterbrechen werde.

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