https://www.faz.net/-gqe-9x5ud

Folgen der Coronakrise : Das Ende der Globalisierung – oder doch noch nicht?

  • -Aktualisiert am

Der Coronavirus bringt die globalisierte Wirtschaft aus dem Takt: chinesische Containerschiff im Hafen von Piräus. Bild: dpa

Die Unternehmen werden ihre Lehren aus der Coronakrise ziehen. Währenddessen will die Politik Europa wirtschaftlich unabhängiger machen. Kritiker warnen vor Protektionismus.

          2 Min.

          Sie hat schon seit längerem ein Imageproblem: die Globalisierung. Zwar profitieren Verbraucher und Unternehmen erheblich von Produkten und Dienstleistungen aus dem Ausland. Andererseits führt die Globalisierung auch dazu, dass im Krisenfall nicht nur eine Region Probleme hat, sondern schnell die ganze Welt. Die Finanzkrise hat das vor gut zehn Jahren zum ersten Mal eindrücklich gezeigt. Jetzt ist es das Coronavirus.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          In chinesischen Häfen stecken Container fest, Mitarbeiter fehlen rund um den Globus an ihren Arbeitsplätzen, Flugzeuge bleiben am Boden – die Wirtschaft gerät aus ihrem gewohnten Takt. Doch anders als manche Ökonomen und Politiker erwarten die führenden Wirtschaftsverbände nicht, dass es jetzt deshalb einen Trend zur De-Globalisierung geben wird. Die Vorteile einer verflochtenen Weltwirtschaft seien weitaus größer als ihre Nachteile, heißt es in Berlin.

          Unterbrechung nur für eine kurze Zeit

          „Volkwirtschaftlich ist Deutschland nicht von einem einzelnen Land abhängig“, betont Ilja Nothnagel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Zwar seien in jedem Euro, der aus Deutschland exportiert werde, rein rechnerisch 40 Cent Zulieferungen aus dem Ausland enthalten. Doch nach Einschätzung des Verbands ist es keineswegs so, dass etwa ohne die Lieferungen aus China nichts mehr geht in der deutschen Wirtschaft. „Kein Handelspartner hat einen Anteil, der größer als 10 Prozent bei den Ex- und Importen ist.“

          Noch sind die Sorgen vor einer Corona-Rezession weitaus größer als die tatsächlichen Einbußen. Das Bundeswirtschaftsministerium orientiert sich an einem Modell mit drei Stufen. Noch sei Deutschland auf der ersten Stufe: einzelne betroffene Unternehmen, aber noch kein Konjunktureinbruch. Hierfür seien die gewöhnlichen Fördertöpfe wie KfW-Kredite und das Kurzarbeitergeld ausreichend. Notfalls könnten diese aufgestockt oder durch ein klassisches Konjunkturprogramm ergänzt werden. An Geld dafür mangelt es nicht, auf bis zu 50 Milliarden Euro beziffern manche Fachleute den finanziellen Puffer. Am Sonntag wird der Koalitionsausschuss aber wahrscheinlich erstmal nur entscheiden, schon beschlossene Steuererleichterungen zeitlich vorzuziehen.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Die Frage, wie Lieferketten organisiert werden, wie viel Just-in-time-Fertigung mit keinen oder nur geringen Lagerbeständen ratsam ist, müssen dagegen die Unternehmen beantworten. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands VDMA, erwartet in den kommenden Wochen verstärkt Gespräche zwischen Produktionsleitern und Controllern. „Man wird sicherlich genau überlegen, ob ein paar tausend Euro für die Lagerhaltung wirklich zu viel sind, wenn sonst die Produktion stillsteht.“ Vor allem die großen Konzerne sind dafür bekannt, dass sie ihre Kosten möglichst gering halten. Dieses Credo könnte durch Corona zumindest etwas ins Wanken kommen, bei Schlüsselkomponenten auch wieder ein größerer Lagerbestand vorgehalten werden.

          Die Frage ist: Reicht das? Sowohl Altmaier als auch sein französischer Amtskollege Bruno LeMaire arbeiten seit Monaten daran, in Schlüsselbereichen der Wirtschaft mehr Produktionskapazitäten in Europa zu schaffen. In den Bereichen Mikroelektronik, Batteriezellen und der Datencloud gibt es schon entsprechende Projekte und milliardenschwere Fördertöpfe. Eine europäische Medikamentenproduktion könnte als nächstes folgen.

          Die Minister dürften sich durch Corona in ihrem industriepolitischen Kurs bestätigt fühlen. Der Verband der Familienunternehmer hält das für eine bedenkliche Entwicklung. „Die Ausbreitung eines Virus darf jetzt nicht für einen absolut schädlichen Protektionismus ins Feld geführt werden“, sagt Hauptgeschäftsführer Albrecht von der Hagen. „Ein Zurück zu einer umfassenden nationalen Produktion würde die Menschheit ins 19. Jahrhundert zurückwerfen und riesige Wohlfahrtsverluste mit sich bringen.“ Er ist überzeugt: Die Vorteile der Globalisierung seien für alle Beteiligten so immens, dass eine Epidemie wie das Corona sie nur für kurze Zeit unterbrechen werde.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump will G7 zu G11 erweitern : Eine neue Allianz gegen China?

          Russland reagiert zurückhaltend auf Trumps Vorstoß, die G7 zu erweitern. Australien, Indien und Südkorea zeigen sich offener – ohne Amerika wären sie Vasallenstaaten Chinas, warnt ein früherer Außenminister.
          Streit mit dem Ehemann? Der erste Schultag nervt? In solchen Fällen übernimmt im Film „Alles steht Kopf“ die Wut das Steuer in der Kommandozentrale im Gehirn.

          Unterdrückter Zorn macht krank : So lässt sich die Wut beherrschen

          Im Alltag ist die Wut verpönt, gleichzeitig steigt die Hasskriminalität, und im Internet sind Beleidigungen an der Tagesordnung. Über ein mächtiges Gefühl, das jedoch demjenigen Kraft spenden kann, der es zu beherrschen versteht.

          Kapitalerhöhung für Lufthansa : Geld her!

          Der deutsche Staat will sich mit 20 Prozent an der angeschlagenen Lufthansa beteiligen. Die Kapitalerhöhung soll unter dem Ausschluss von Bezugsrechten für Altaktionäre stattfinden. Das wird ihre Anteile verwässern. Was passiert in diesem Fall eigentlich?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.