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Digitalisierung : Die Antwort auf die Roboter

Die Kommunikationsmanagerin von Aldebaran, Aurora Chiquot, umarmt auf dem Messegelände der CeBIT Hannover am Stand von Aldebaran den humanoiden Roboter „Pepper“. Bild: dpa

Bisher vernichtet der digitale Wandel im Saldo keine Arbeitsplätze. Er schafft neue. Dafür steht uns durch die technische Revolution ein ganz anderes Problem bevor.

          Die digitale Zukunft ist gar nicht ungewiss. Denn sicher ist, dass man sich Wohlstand auch künftig erarbeiten muss – und dass man andere Dinge lernen muss als bisher. Wer dabei allein an das Wissen denkt, das in Schulen, Universitäten oder in der Lehre vermittelt wird, der hat den Ernst der Lage noch nicht begriffen. Denn außer auf eine solide Bildungsgrundlage wird es darauf ankommen, vernünftig mit Menschen umgehen zu können, zugleich kreativ und empathisch zu sein.

          Bevor man sich also Gedanken macht, welche Roboter welchem Sachbearbeiter, Handwerker, Fließbandarbeiter oder Akademiker die Stelle wegnehmen, wäre es gut, sich auf das zu besinnen, was vielen immer schwerer fällt: vernünftig miteinander umzugehen, zu konstruktiven Diskursen fähig zu sein, Mut zu haben, sich in das Ungewisse zu wagen. Gegen die potentielle Entwertung der eigenen Arbeitsleistung durch Roboter und durch künstliche Intelligenz wird nichts anderes helfen.

          Jede Person hat die Fähigkeit dazu. Sie wird sie nutzen müssen. Im wichtigsten deutschen Industriezweig, in der Automobilindustrie, werden sich Technik und Geschäftsmodelle in den kommenden fünf Jahren stärker verändern, als sie das in den vergangenen fünfzig Jahren getan haben. Für manche ist das ein Horrorszenario. Tatsächlich sind Zehntausende Arbeitsplätze bedroht. Ein Elektromotor ist einfacher zu konstruieren als ein Benzin- oder Dieselmotor.

          Das Neue wird mit Hohn und Argwohn begleitet

          Die Diskussion über die Auswirkungen der Digitalisierung ist aber deshalb so schwierig, weil das menschliche Gehirn dabei versagt, exponentielle Wachstumskurven richtig einzuschätzen. Das bedeutet, dass ein solcher Wandel aus zwei Perspektiven falsch eingeschätzt wird: zum einen in seiner absoluten Kraft, die von einem bestimmten Zeitpunkt an nur mit Staunen weiterverfolgt werden kann; zum anderen in der Frage, wann dieser Zeitpunkt erreicht ist.

          Dabei handelt es sich um den Punkt, an dem sich die Kurve des exponentiellen Wachstums mit derjenigen kreuzt, welche die stetige, klassisch-lineare Entwicklung beschreibt. Denn dieser Punkt wird meist zu früh erwartet.

          In den Jahren, bis es so weit ist, wird das Neue mit Hohn oder mit Argwohn begleitet. In den Jahren danach bleibt das Alte frustriert zurück. Das ist der Nährboden für die Angst vor jeder Veränderung, die zurzeit politisch zu spüren ist. In den frühen Phasen aber werden oft auch falsche Investitionsentscheidungen getroffen; kreative Ideen werden verworfen, die traditionelle Geschäftsmodelle im eigenen Haus gefährden könnten.

          Autoindustrie ist aufgewacht

          Andere aber kennen diese Scheu nicht – und darauf gilt es eine Antwort zu finden. Plötzlich gibt es einen Fahrdienst Uber im Wettbewerb mit traditionellen Taxibetrieben oder einen Übernachtungsvermittler Airbnb in Konkurrenz zum althergebrachten Hotelgewerbe. In der Wirtschaft führen die Diskussionen darüber zu unterschiedlichen Ergebnissen: Im Maschinenbau entstehen Softwareplattformen, die zum Betriebssystem vernetzter Maschinen, Geräte und Produkte werden sollen.

          Hier ist man auf dem richtigen Weg. In der Medizin und in Pflegeberufen streiten Ärzte und andere Träger des Gesundheitswesens darüber, in welcher Form sie vom technologischen Wandel überhaupt betroffen sein könnten. Dort ist man auf dem falschen Weg.

          Zum Glück ist die Autoindustrie nach dem von den Betrügern von Volkswagen bewirkten Dieselschock aufgewacht. Das zeigt sich auch im VW-Konzern selbst. Dort findet sich ein Beispiel für das, was sich verändern, und für das, was bleiben wird: Die Tochtergesellschaft Porsche rechnet damit, der wirtschaftlichste Autohersteller der Welt zu bleiben – trotz Digitalisierung. So hat Porsche 2016 ein Motorenwerk eingeweiht und achtzig Millionen Euro investiert.

          Ist wirklich jeder Beruf ersetzbar?

          Das Entscheidende aber ist, dass das Motorenwerk mit dem Siegeszug des Elektromotors nicht schließen, sondern bei seiner Entwicklung helfen soll. Denn der Motor für Porsche MissionE soll ebenso in dem Werk entstehen. Er wird bald einer der wichtigsten Bausteine der Produktpalette sein. Wohlgemerkt: ein Elektroporsche.

          Auch viele andere Teile der deutschen Wirtschaft haben sich endlich aus einer Position der Stärke heraus darangemacht, in Zukunftschancen zu investieren. Bisher vernichtet der Wandel im Saldo keine Arbeitsplätze, er schafft neue.

          Und wer glaubt, amerikanische Ökonomen könnten mit einer Prognose recht haben, dass in zwei Jahrzehnten jeder zweite Arbeitsplatz ersetzbar sein könnte, der sollte überprüfen, ob diese Formel in ihrer Eingängigkeit nicht von Selbstvermarktungsideen lebt. Interessanter ist ein Blick in Produktivitätsanalysen: Die Arbeitsproduktivität ist in den vergangenen Jahren nur in wenigen Sektoren der Volkswirtschaft gestiegen.

          In der Breite hat die Digitalrevolution die Wirtschaft noch gar nicht erfasst. Darauf aber muss man in der Tat gefasst sein: ohne Angst, aber mit mehr Eigeninitiative, Empathie, Kreativität und Mut zur Veränderung.

          Die Gesellschaft wiederum braucht eine Idee davon, wie Arbeitnehmer an den Maschinendividenden, also den Gewinnen der Unternehmen, beteiligt werden können – und wie man es schafft, dass sie für sich und ihren Arbeitgeber unternehmerischer denken. Maschinen werden das nicht können.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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