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Fertigstellung verzögert sich : Weiter Ärger um Nord Stream 2

Inzwischen hat der Schweizer Offshore-Dienstleisters Allseas das Verlegeschiff "Audacia" abgezogen. Bild: dpa

Trotz amerikanischer Sanktionen versuchen die Betreiber der Gaspipeline um den russischen Gasprom-Konzern die Gaspipeline fertigzustellen. Doch das gestaltet sich schwierig.

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          Der Mittwoch dieser Woche muss für die Betreibergesellschaft von Nord Stream 2 ein bitterer Tag gewesen sein. An diesem Tag eröffneten in Istanbul die Präsidenten Russlands und der Türkei, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan, die Gasleitung Turk Stream, die russisches Gas statt wie bisher durch die Ukraine unter dem Schwarzen Meer hindurch in die Türkei und nach Südosteuropa leiten soll.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Eine ähnliche Feierstunde sollte auch Nord Stream 2 längst hinter sich haben. Doch weil auch diese Pipeline, weitgehend parallel zur Schwesterleitung Nord Stream 1, sibirisches Gas direkt nach Deutschland und nicht mehr über das ukrainische Leitungssystem liefern soll, gibt es erheblichen Widerstand gegen das Projekt. Die ukrainische Regierung, die Europäische Union und die amerikanische Regierung fürchten eine wachsende Abhängigkeit Europas von Russland und eine weitere Schwächung der Ukraine gegenüber den Aggressionen des Kremls. Zudem würden die Vereinigten Staaten gern mehr Flüssiggas an Europa verkaufen.

          Eigentlich wollte Russland, dessen Staatskonzern Gasprom hinter der Nord Stream 2 AG steht, die neue Pipeline schon Ende vergangenen Jahres in Betrieb nehmen. Doch zunächst hielt Dänemark eine Genehmigung über Monate bis Ende Oktober zurück. Als das amerikanische Repräsentantenhaus dann Mitte Dezember auch noch Sanktionen gegen den Bau von Nord Stream 2 beschloss, gingen trotzdem noch viele Beobachter davon aus, die Pipeline könne im Januar fertig werden.

          Schweizer Firma Allseas hat Schiffe abrupt abgezogen

          Die Strafmaßnahmen richten sich an Unternehmen, die sich nach Inkraftsetzung des Gesetzes an den Verlegearbeiten in Gewässern von einer Tiefe von 30 Metern an beteiligen. Den betroffenen Unternehmen wird aber nach Inkrafttreten eine Frist von 30 Tagen zur Abwicklung ihrer laufenden Tätigkeiten gewährt. So viel Zeit wäre wohl nicht einmal nötig gewesen. Von der Gesamtlänge von rund 2500 Kilometern fehlen derzeit noch 160 Kilometer, davon nur ein kleinerer Teil in tiefen Gewässern, auf die sich die Sanktionen beziehen.

          Die eingesetzten Spezialschiffe der Schweizer Firma Allseas hätten diese Arbeiten vermutlich innerhalb weniger Tage beenden können. Für die Verlegung in flacheren Gewässern steht dem Baukonsortium das Schiff „Fortuna“ eines russischen Unternehmens zur Verfügung, das im Hafen Mukran auf Rügen liegt und schon einen Teil der Rohre von Nord Stream 2 in russischen Gewässern verlegt hat.

          Doch kurz nach Unterzeichnung des Gesetzes durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump am 20.Dezember schied Allseas abrupt aus dem Projekt aus und zog seine Schiffe ab. Der Chef von Allseas, Edward Heerema, sagte einem niederländischen Radiosender, die Amerikaner hätten sie gewarnt, die Schiffe müssten das Gebiet sofort verlassen.

          Gasprom könnte unter die amerikanischen Sanktionen fallen

          Während sich Mitglieder der russischen Regierung seither zuversichtlich zeigen, die Arbeiten selbst vollenden zu können, ist noch unklar, wann und mit welchen Schiffen dies geschehen soll. Ende Dezember gab Energieminister Alexander Nowak eine sehr vorsichtige Prognose, die Pipeline werde bis zum Ende dieses Jahres fertig. Für die weiteren Verlegearbeiten komme die „Akademik Tscherskij“ in Frage, ein Verlegeschiff, das seit dem Jahr 2016 zur Flotte von Gasprom gehört und derzeit laut dem Schiffverfolgungsdienst Marine Traffic im Hafen von Nachodka in Russlands Fernem Osten liegt.

          Nach Angaben Nowaks müsse das Schiff aber zunächst „einige Zeit“ für den Einsatz vorbereitet werden. Zudem brauche es für den Weg aus dem Fernen Osten in die Gewässer rund um Bornholm mehrere Wochen. Die „Fortuna“ ist für den Einsatz in Küstengewässern konstruiert und laut russischen Medienberichten nur in ruhigem Wetter einsetzbar. Zudem fehlt dem Schiff nach Angaben von Energieanalysten der Ratingagentur S&P ein dynamisches Positionierungssystem, das etwa den Zusammenstoß mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg verhindern soll und in der dänischen Baugenehmigung als Voraussetzung für den Einsatz in dänischen Gewässern genannt ist.

          Auch der Einsatz der „Akademik Tscherskij“ brächte aber ein erhebliches Risiko mit sich. Der Inhaber, also Gasprom, könnte dann selbst unter die amerikanischen Sanktionen fallen – bisher ist der Konzern von amerikanischen Sanktionen weitgehend verschont geblieben, die seit dem Jahr 2014 wegen Russlands Annexion der ukrainischen Krim und der Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine verhängt wurden.

          Die Möglichkeit, ein neues Verlegeschiff zu kaufen, wird ebenfalls durch die Sanktionen erschwert. Die Strafmaßnahmen richten sich ausdrücklich auch an Personen, die solche Spezialschiffe, von denen es rund um die Welt nur wenige gibt, verkaufen oder zum Leasing anbieten. Zudem wären auch Finanzierung und Versicherung so eines Geschäfts wegen der Strafmaßnahmen kompliziert.

          Eine weitere Schwierigkeit für die Betreibergesellschaft hat sich indes kurz vor Weihnachten gelöst. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg erteilte der Nord Stream 2 AG eine Sondergenehmigung, die fehlenden Rohre in deutschen Gewässern zwischen Januar und März verlegen zu dürfen. Normalerweise sind solche Arbeiten in den Wintermonaten verboten, um überwinternde Seevögel und andere Tiere zu schützen.

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