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Amerikas Krise : Das Leiden des weißen Mannes

Bürde der Herkunft: Es ist nicht leicht ein weißer Amerikaner zu sein. Bild: plainpicture/CI2

Kein Job, keine Frau, keine Anerkennung: Bei den weißen Männern in Amerika hat sich die Angst ausgebreitet. Deshalb wählen sie jetzt Donald Trump.

          7 Min.

          Amerikas Wirtschaft wird von weißen Männern beherrscht. Sie stellen etwa 90 Prozent der Chefs in den 500 umsatzstärksten Unternehmen, sie verdienen mehr Geld als alle anderen Gruppen, und sie sind seltener arbeitslos. Sie dominieren Hollywood vor und hinter der Kamera, sie lenken die Medien, und sie regieren die Politik mit der Ausnahme des Weißen Hauses. Weiße Männer sitzen Amerikas Gerichten vor, sie führen die Universitäten, und sie befehligen Amerikas Armeen. Selbst die professionellen Sportclubs im Basketball und im Football, wo vor allem schwarze Athleten die Spiele entscheiden, werden in der Regel von weißen Trainern gelenkt und von weißen Eigentümern finanziert.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Doch das alles ist offensichtlich kein Trost. Es nimmt Amerikas weißen Männern nicht ihren Ärger weg. Der Missmut ist im ganzen Land spürbar und ziemlich gut dokumentiert. 73 Prozent der weißen Amerikaner sagen, dass sie mindestens einmal am Tag sauer sind, aber nur 56 Prozent der Schwarzen und 66 Prozent der Hispanics empfinden genauso. Das Magazin „Esquire“ und der Sender NBC haben die Umfrage zu Beginn des Jahres veröffentlicht. Sie zeigt zudem, dass Republikaner ärgerlicher sind als Demokraten und dass die Reichen (mit einem Jahreseinkommen von mehr als 150.000 Dollar) und die Armen (weniger als 15.000 Dollar) die Alltagsangelegenheiten gelassener angehen als die Leute in der Mitte der Mittelklasse. Die sind richtig wütend.

          Der Ärger kommt aus dem Nichts

          Der Ärger kommt nicht aus dem Nichts. Doch die Sache ist kompliziert. Denn Gefühle wie Glück oder Unglück sind nicht mit objektiven Maßstäben messbar. Die Leute empfinden sich nicht als glücklich, wenn es ihnen auf eine irgendwie objektivierbare Weise gutgeht. Entscheidend ist, dass es ihnen bessergeht im Vergleich zu früher, im Vergleich zum Nachbarn oder im Vergleich zu den Eltern. So ist der Schwarze, der gerade aus der Haft entlassen wurde und nicht weiß, wovon er leben soll, womöglich glücklicher als die weißen Doppelverdiener, denen gerade die Wasserrechnung ins Haus kommt.

          Unglück erwächst genauso aus Vergleichen, bei denen man schlecht abschneidet. In dieser Hinsicht hat Amerikas weißer Mann legitimen Grund zur Klage. Er muss mitansehen, wie er Schritt für Schritt seine dominierende Stellung einbüßt, mit unaufhaltsamer Zwangsläufigkeit. Dabei geht es gar nicht nur um die hohen Gipfel von Politik und Wirtschaft, die er räumen muss. Es geht um eine über Generationen vererbte Selbstgewissheit: Es gab eine Zeit, da konnten sich weiße Männer in Amerika allein deshalb gegenüber Frauen und Minderheiten überlegen fühlen, weil sie weiße Männer waren. Verflogen.

          „Make America Great Again“: Präsidentschaftskandidat Donald Trump verspricht Amerika zu erneuern.
          „Make America Great Again“: Präsidentschaftskandidat Donald Trump verspricht Amerika zu erneuern. : Bild: AP

          Zu ihrem Selbstgefühl trug bei, dass die weißen Männer in den fünfziger und sechziger Jahren auch ohne Hochschulabschluss einen guten Arbeitsplatz in einer Fabrik bekamen, der genug Lohn für die ganze Familie abwarf. Einwanderer bedrohten das weiße Nachkriegsidyll nicht, anders als der Mythos eines Amerikas der Diversität und Immigration es will. Denn das Einwanderungsland ließ zwischen 1920 und den späten fünfziger Jahren kaum Einwanderer herein. Die wenigen kamen streng nach weißer Quote, überwiegend aus angelsächsischen Ländern und aus Deutschland. Süd- und Osteuropäer wurden diskriminiert, der Rest der Welt ohnehin. In einzelnen Jahren verließen damals mehr Menschen die Vereinigten Staaten, als Immigranten neu hereinkamen.

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          So entfaltete sich vor allem für die Weißen Amerikas ein geschütztes Leben mit vorgezeichneten Pfaden, denen sie gern folgten. Man heiratete jung, gründete einen eigenen Hausstand und arbeitete, bis der Arzt kam. Im Jahr 1950 waren 86 Prozent aller Männer im Alter von mehr als 16 Jahren erwerbstätig. Damit arbeitete de facto jeder Mann, der nicht zu alt oder zu krank war. Die Arbeitswelt, die vor allem auf Gewerbe, Handwerk und Industrie fußte, war für die Männer wie gemacht.

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