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Amerikas Krise : Das Leiden des weißen Mannes

Tödlicher Stress?

Den eigenen Arbeitsplatz bedrohten sie nicht, weil die meisten der jährlich eine Million Migranten ein schlechtes Bildungsniveau hatten. Sie zogen noch nicht einmal in die gleiche Wohngegend, weil sie sich das nicht leisten konnten und Bauregeln die Errichtung von billigen Apartmenthäusern in Quartieren mit Einfamilienhäusern untersagten. Damit teilten Einwandererkinder selten die Schulbank mit weißen Kindern, was die ambitionierte weiße Elite begrüßte.

Die Verlierer der letzten 35 Jahre waren – nicht nur weiße – Fabrikarbeiter ohne weiterführende Bildungsabschlüsse in Branchen und Regionen, die besonders stark von der chinesischen Importkonkurrenz betroffen waren. Die Arbeiter fanden nach Fabrikschließungen oft keine vergleichbaren Arbeitsplätze mehr, mussten auf Einkommen verzichten oder verschwanden ganz vom Arbeitsmarkt, berichtet Arbeitsmarktforscher Autor. Viele waren arbeitsunfähig, frühpensioniert und auf Sozialhilfe angewiesen. „Tatsächlich haben wir herausgefunden, dass sie sogar früher starben.“

Wie Trump vom Gefühl des Elends profitiert.

Dass Amerikas Weiße im Stress sind, zeigte auch eine spektakuläre Untersuchung der Princeton-Ökonomin Anne Case und ihres Ehemanns, des Nobelpreisträgers Angus Deaton. Die beiden entdeckten, dass die Sterberate für Weiße in Amerika gestiegen war, statt dem globalen Trend steigender Lebenserwartung zu folgen. Das Forscherpaar identifizierte Selbstmorde, Alkohol- und Drogenmissbrauch als wichtigste Gründe. Eine wahre Drogenepidemie ist in Amerikas ländlichen Regionen ausgebrochen, also dort, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Sie trifft die amerikanische Provinz in Maine, Indiana, Pennsylvania oder Utah, schreibt Deaton. Und sie trifft vor allem Weiße ohne Collegeabschluss. Mexikanische Drogenhändler haben nach Deatons Darstellung in Amerikas Kleinstädten einen fruchtbaren Boden für ihre Geschäfte gefunden.

All das fand vor dem Hintergrund einer weiteren Entwicklung statt, die das Antlitz der Vereinigten Staaten entscheidend veränderte und noch weiter verändern wird. Im Jahr 1965 regelte Amerika die Einwanderung völlig neu. Bis dahin galt ein starres Quotensystem, das es weißen Nordeuropäern am leichtesten machte, nach Amerika zu gelangen. Je weiter es nach Süden und Osten ging, desto kleiner wurden die Quoten. Asiaten hatten nur geringe Chancen auf legale Einwanderung.

Durch ein farbenblindes System ersetzt

Diese Quoten wurden in der demokratischen Aufbruchstimmung der sechziger Jahre als rassistisch angesehen und deshalb durch ein farbenblindes System ersetzt – mit unerwartet großen Folgen. 1960 kamen 80 Prozent der Einwanderer aus Europa, 2010 waren 90 Prozent aus nichteuropäischen Ländern. Die neuen Regeln sollten vor allem Familienzusammenführungen ermöglichen, sie lösten damit allerdings Ketteneinwanderungen aus: Der Vater holte seine Geschwister ins Land, die ihre Kinder holten, die wiederum Ehepartner holten. Der demographische Wandel, den die Vereinigten Staaten durchleben, kennt keine Vorbilder. Im Jahr 2044 werden die Weißen mit 49,7 Prozent zur Minderheit, rechnet der Demograph William Frey vor. Und das soll für die Weißen nicht beunruhigend sein?

Pessimistische Ansichten: Die besten Tage soll Amerika bereits hinter sich haben.

Dass sie jetzt ihre Hoffnung auf Donald Trump setzen, der mit antielitärem Gestus Einwanderung und Globalisierung stoppen will, wird plötzlich nachvollziehbar. Die Demokratische Partei, die einst die Partei der Arbeiter war, hat sich zunehmend zur ökologisch orientierten Bürgerrechtspartei gewandelt, die mit besten Argumenten für das Recht auf Abtreibung, die gleichgeschlechtliche Ehe, das Ende des Kohlebergbaus, die Einbürgerung illegaler Immigranten und eine bessere Polizei kämpft. Da fühlen sich arme Weiße ebenso wenig zu Hause wie in der marktwirtschaftlich orientierten Republikanischen Partei, die noch in der Präsidentschaftskampagne 2012 mit dem Kandidaten Mitt Romney den Staat zurückzudrängen trachtete.

Die armen weißen Männer bauen natürlich darauf, dass der Staat sie raushaut. Donald Trump hat das verstanden. Bernie Sanders auch. Das Problem ist, dass der Ärger bleibt, selbst wenn Trump nicht Präsident wird. Man wird für die armen weißen Männer etwas tun müssen.

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