https://www.faz.net/-gqe-8jvtk

Amerikas Krise : Das Leiden des weißen Mannes

Damals gingen nur 34 Prozent der Frauen einer bezahlten Beschäftigung nach. Auch von Schwarzen und anderen Minderheiten drohte keine Gefahr für den sozialen Status, sie waren durch diskriminierende Gesetze und unsichtbare Schranken gebändigt. Ausländische Konkurrenz spielte kaum eine Rolle, sie wurde durch Zölle limitiert, Importe waren eine vernachlässigbare Größe. Das Wort Outsourcing war unbekannt.

Ungleichheit allerdings gab es. Sie wurde aber von der Neigung der Amerikaner zum Egalitarismus übertüncht, wie der libertäre Politikwissenschaftler Charles Murray glaubt. „Historisch war der am meisten akzeptierte Aspekt der amerikanischen Einzigartigkeit unser Mangel an Klassenbewusstsein“, schreibt er. „Selbst Marx und Engels haben das anerkannt.“ Klar, es gab Reiche und Arme, aber keiner war deshalb besser oder schlechter. Und die Erfolgreichen hielten Murray zufolge eisern an dem Selbstbild fest, ganz normale Typen zu sein.

Voller Wut.
Voller Wut. : Bild: F.A.Z.

Von den sechziger Jahren an begannen sich die Verhältnisse für den weißen Mann allerdings dramatisch zu verändern, vor allem für den Mann mit geringer beruflicher Qualifikation. Erkennbar wird dieser Wandel daran, dass weiße Männer ohne Hochschulabschluss unfreiwillig aus zwei Institutionen ausscherten, die den Kern der amerikanischen Alltagskultur repräsentierten: der Arbeit und der Ehe. Von den Männern ohne College-Abschluss waren im besten Arbeitsalter, also zwischen 30 und 40 Jahren, zu Beginn der Siebziger noch 95 Prozent beschäftigt oder zumindest auf Arbeitssuche. Heute sind es nur noch knapp 80 Prozent. Das muss man sich klarmachen: Millionen weißer Männer ohne besondere berufliche Qualifikation machen nicht mehr mit, aus welchen Gründen auch immer.

Noch alarmierender ist die Ehestatistik: Waren zu Beginn der siebziger Jahre noch 90 Prozent der weißen Männer ohne weiterführenden Abschluss verheiratet, so trifft das heute nur noch auf die Hälfte von ihnen zu. Ein wichtiger Grund könnte sein, dass sich die Löhne junger – und nicht nur weißer – Männer seit den siebziger Jahren im Abwärtstrend befinden. Laut dem Umfrageinstitut Pew Research sind sie in den Jahren zwischen 2000 und 2010 besonders signifikant gesunken. Der soziale Abstieg der Männer hat ihre Aktien auf dem Heiratsmarkt sinken lassen, bei Frauen, die ihrerseits ihre Löhne und ihre Beschäftigungsquote beständig erhöhten. Viele junge Männer wohnen heute bei ihren Eltern. Es ist eine Existenz mit gravierenden Reputationsproblemen.

Nicht nur Frauen lassen weiße Männer im Stich

Doch nicht nur die Frauen lassen die weißen Männer im Stich, auch die besser gebildeten Geschlechtsgenossen stehlen sich davon. Die Nachfrage nach gutausgebildeten Arbeitnehmern stieg seit den fünfziger Jahren beständig. Bis in die sechziger Jahre hinein wurden die Bildungseinrichtungen der steigenden Nachfrage gerecht. In den siebziger und achtziger Jahren aber hielt ihr Output an Absolventen nicht mehr mit der Nachfrage nach qualifizierten Kräften mit. Besonders die Männer hinkten hinterher, sagte der Arbeitsmarktexperte des Massachusetts Institute of Technology, David Autor. Die Folge war, dass die Löhne zwischen Arbeitnehmern mit Universitätsabschluss und solchen mit gewöhnlichem Schulabschluss stark auseinanderdrifteten. Der Abstand zwischen dem Jahreseinkommen von Doppelverdienerhaushalten mit und ohne Hochschulabschluss wuchs von 1979 bis 2012 um 28.000 Dollar. Autor sieht darin die wichtigste Ursache für die gewachsene Ungleichheit in Amerika.

Die urbane weiße Elite entfremdete sich zunehmend von den weißen Arbeitern. Sie schuf sich eine eigene Welt, in der sie Kochrezepte aus der New York Times tauscht, die Bildungswege der Kinder mit größter Akribie plant – und lateinamerikanische Nannys anheuert, auf dass die Sprösslinge Spanisch lernen. Kein Wunder, dass diese Leute für Globalisierung und Einwanderung waren. Ausländer brachten exotische Rezepte, waren für Dienste in Haus und Garten gut zu verwenden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Gegen schicksalhafte Festlegungen in der Politik: Wolfgang Thierse

Identitätspolitik : Schuld ist kein Schicksal

Mit seiner Kritik an den Auswüchsen der Identitätspolitik hat Wolfgang Thierse für Aufsehen gesorgt. Die Universität Münster setzt die Debatte mit Thierse nun fort. Die allgemeine Unsicherheit ist mit Händen zu greifen.
Schutzhaltung beim Schalker Spieler Amine Harit: Sich besser nicht den radikalen Fans zeigen.

Ausnahmezustand bei Schalke 04 : Wer spielt noch mit?

Nach der dem Abstieg folgenden Nacht der Gewalt fordert Schalke 04 Polizeischutz für die Spieler an und stellt seinen Fußballern frei, ob sie in dieser Saison noch für den Klub spielen wollen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.