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Vorschlag der Notenbänker : Auf dem Weg zu einer echten Kapitalmarktunion

  • -Aktualisiert am

Jens Weidmann, der Präsident der Bundesbank Bild: dpa

In der EU gibt es nach wie vor Hürden für internationale Kapitalströme und Investitionen. Die Vorsitzenden der Notenbanken von Deutschland und Frankreich wollen das ändern. Ein Gastbeitrag.

          Das Thema Brexit ist in vielerlei Hinsicht mit Unsicherheit behaftet. Doch eine Sache ist klar geworden: wie kostspielig es ist, den europäischen Binnenmarkt zu verlassen. Unser gemeinsamer Markt ist ein voller Erfolg. Er hat die Wirtschaftsleistung gesteigert und bietet Verbrauchern eine größere Auswahl an Gütern und Dienstleistungen zu niedrigeren Preisen.

          Diese Erfolgsgeschichte muss aber noch nicht zu Ende erzählt sein. Bisher lassen wir uns nämlich die Vorteile einer engeren Verflechtung der Kapitalmärkte entgehen. Zwar stellen Anleger bei einigen Finanztiteln ihre Portfolios schon recht breit über Landesgrenzen hinweg auf, in anderen Bereichen sind grenzüberschreitende Aktivitäten jedoch nach wie vor gering und nahmen in den vergangenen Jahren auch nicht zu.

          Wenn wir die verbliebenen Hürden für freie Kapitalströme und Investitionen beseitigen, können unsere Kapitalmärkte enger zusammenwachsen. Dadurch können wir die Vorteile unseres gemeinsamen Marktes besser ausschöpfen und eine doppelte Dividende aus stärkerem Wachstum und höherer Widerstandsfähigkeit erzielen.

          Eine Kapitalmarktunion könnte Schocks abfedern

          Das wird letztlich den Menschen in der EU zugutekommen. Um die Wirtschafts- und Währungsunion zu stärken und eine Überfrachtung der Geldpolitik zu vermeiden, werden auf Regierungsebene viele Reformvorschläge diskutiert, etwa der Ausbau der Bankenunion oder fiskalische Mechanismen. Bei keiner dieser Reformen besteht aber ein so breiter Konsens wie bei der Kapitalmarktunion. Obwohl zuletzt einiges erreicht worden ist, wird die Agenda nur schleppend umgesetzt. Es ist nun höchste Zeit, die Kapitalmarktunion voranzubringen und zu vollenden.

          Eine echte Kapitalmarktunion würde nicht nur dazu beitragen, die beträchtlichen Ersparnisse – die im Euroraum die Investitionen im Jahr 2018 um 340 Milliarden Euro übertrafen – besser konkreten Investitionszwecken zuführen zu können (wie der Energiewende, digitalen Innovationen oder der Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen). Sie würde auch gesamtwirtschaftliche Anpassungen innerhalb unserer Wirtschafts- und Währungsunion erleichtern.

          Integrierte Kapitalmärkte können wirtschaftliche Schocks abfedern, die nur einen Teil eines Währungsraums treffen. Gehört ein Unternehmen Anteilseignern in mehreren Ländern, werden Gewinne und Verluste entsprechend breit gestreut. Beispielsweise wird in den Vereinigten Staaten durch die Kapitalmärkte knapp die Hälfte der Last eines Schocks über die Grenzen der Einzelstaaten hinweg verteilt – mehr als durch Fiskaltransfers. Im Euroraum wird nur ein Zehntel eines Schocks durch so eine private Risikoteilung aufgefangen.

          Wir brauchen mehr Wagniskapital

          Eigenkapitalfinanzierung ist für die Risikoteilung besonders förderlich, da Eigenkapitalgeber an Gewinnen ebenso teilhaben wie an Verlusten. Zudem passt Eigenkapitalfinanzierung besser zu innovativen Projekten, die oft mit hoher Unsicherheit verbunden sind und erst verzögert Gewinne erzielen. So trugen die erheblichen Zuflüsse von externem Eigenkapital maßgeblich zur Ausweitung von Forschung und Entwicklung in den Vereinigten Staaten in den 1990er Jahren bei. Gerade Wagniskapital scheint Innovationen zu begünstigen. In der EU ist dieser Markt jedoch immer noch schwach entwickelt. In Relation zur Größe der Wirtschaft ist der Wagniskapitalmarkt in den Vereinigten Staaten mehr als fünfmal so groß wie der europäische.

          François Villeroy de Galhau, governor of the Banque de France

          Hürden, die der Entwicklung des Wagniskapitalmarkts nach wie vor entgegenstehen, sollten daher beseitigt werden. Die Verordnung über Europäische Risikokapitalfonds ist hier ein hilfreicher Schritt nach vorne. Eine Harmonisierung von Vorschriften kann dazu beitragen, grenzüberschreitende Investitionen zu steigern. Der Aachener Vertrag vom Januar 2019 sieht die Errichtung eines deutsch-französischen Wirtschaftsraums mit gemeinsamen Regeln vor, nicht zuletzt im Wirtschaftsrecht. Dieses Konzept könnte als Versuchslabor für europaweite Bemühungen dienen, auch mit Blick auf eine stärkere Zusammenarbeit und weitere Konvergenz in Insolvenzangelegenheiten.

          Ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Kapitalmarktunion den einheitlichen Binnenmarkt ergänzen würde, zeigt sich bei der Altersvorsorge. Solange Arbeitnehmer ihre Altersvorsorgeprodukte nicht mitnehmen können, wenn sie in einem anderen Mitgliedstaat arbeiten möchten, wird die Arbeitsmobilität gehemmt. Das neue europaweite Altersvorsorgeprodukt ist in alle Mitgliedstaaten übertragbar und bietet eine breitere Palette an Anlagemöglichkeiten.

          Wachstum und Stabilität für die EU als Ganzes

          Integrierte Kapitalmärkte erfordern aber auch eine wirksame Aufsicht. Zunächst sollte die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde zur weiteren Angleichung der Aufsichtspraktiken beitragen – im Einklang mit ihrem Mandat und ungeachtet der offenen Debatte über künftige Integrationsschritte. Die jüngste Vereinbarung zum Europäischen System der Finanzaufsicht wird ebenfalls zu einer stärkeren Harmonisierung beitragen.

          Die Kapitalmarktunion kann Wachstum und Stabilität für die EU als Ganzes fördern. Zusammen mit der Bankenunion würde die Kapitalmarktunion eine echte „Finanzierungsunion für Investitionen und Innovation“ begründen. Eine solche Finanzierungsunion wäre ein entscheidender und machbarer Schritt hin zur Vollendung unserer Wirtschafts- und Währungsunion.

          François Villeroy de Galhau und Jens Weidmann

          François Villeroy de Galhau ist seit dem Jahr 2015 Gouverneur der Banque de France, der französischen Zentralbank, und Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank.

          Jens Weidmann ist seit dem Jahr 2011 Präsident der deutschen Bundesbank. Er ist außerdem Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank.

          Der Beitrag erscheint auch in der französischen Zeitung „Les Echos“.

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