https://www.faz.net/-gqe-6ucgc

Weibliche Führungskräfte : Friedensangebot gegen Frauenquote

Engagiert für die Quote: Bundesfamilienministerin Kristina Schröder Bild: dapd

Die Dax-30-Unternehmen wappnen sich mit freiwilligen Zielvereinbarungen gegen die Drohung einer gesetzlichen Frauenquote. Am Montag wollen sie Bundesfamilienministerin Schröder die Ergebnisse präsentieren.

          Mit der Formulierung konkreter Ziele für den künftigen Frauenanteil in ihren Führungsetagen wappnen sich die 30 Dax-Unternehmen gegen politischen Zwang. Sie wollen mit einem schriftlichen Friedensangebot verhindern, dass sich in der Bundesregierung die Auffassung durchsetzt, es müsse eine gesetzliche Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte geben. Die Personalvorstände der 30 im Deutschen Aktienindex vertretenen Konzerne wollen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) am Montag eine detaillierte Aufstellung übergeben, die ihre Selbstverpflichtung zu einer höheren Frauenquote dokumentiert.

          Quotenziele zwischen 15 und 35 Prozent

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Nach dem Papier, das dieser Zeitung vorliegt, wollen die Dax-Konzerne den Frauenanteil in Führungspositionen deutlich erhöhen. Eine einheitliche Zielvorgabe wird nicht genannt. Die Quotenziele bewegen sich in den meisten Fällen zwischen 15 und 35 Prozent. Eher am unteren Ende der Skala liegen die Autohersteller BMW, Daimler, Volkswagen sowie die Technikkonzerne Linde, MAN und Siemens - in denen aber auch der Frauenanteil an der Gesamtbelegschaft deutlich unter dem in anderen Branchen ist.

          Dennoch wagen sich die Unternehmen zum Teil weit vor: Volkswagen sagt zu, den Frauenanteil in der oberen Führungsebene von derzeit 4,3 bis 2020 auf 11 Prozent zu steigern. Daimler will ihren Anteil in allen Führungsebenen von 11,9 auf 20 Prozent erhöhen. MAN verspricht, bis Ende 2014 12 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzen (heute 9,9).

          Führungsebene ist nicht gleich Führungsebene

          Andere Branchen wie Banken, Chemie und Logistik, heute schon mit mehr Frauen in der Belegschaft, streben höhere Quoten an. Adidas plant sogar, den Frauenanteil in den Führungsebenen bis 2015 von 26 auf bis zu 35 Prozent anzuheben. Die Deutsche Telekom will den Frauenanteil im mittleren und oberen Management von 15 auf 30 Prozent steigern. Die Aussagen sind allerdings schwer zu vergleichen, weil die Definitionen von „Führungsebenen“ ebenso voneinander abweichen wie die angepeilten Fristen zur Erreichung der Ziele.

          Das wollen die Unternehmen: Mehr Frauen in Toppositionen - hier die Beine von Mitarbeiterinnen der Deutschen Bank.

          Die Koalition ist bislang noch uneins, ob sie der Entwicklung mit gesetzlichem Druck nachhelfen soll. An dem Treffen bei Schröder nehmen auch die Bundesminister für Arbeit, Justiz und Wirtschaft, Ursula von der Leyen (CDU), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Philipp Rösler (beide FDP) teil. Von der Leyen plädiert seit längerem für eine 30-Prozent-Quote in Vorständen und Aufsichtsräten bis 2018. Schröder, Leutheusser-Schnarrenberger und Rösler sind dagegen für flexible Korridore je nach Branche.

          Gerade Industrieunternehmen fürchten Kandidatinnenmangel

          Gerade Industrieunternehmen fürchten, gar nicht genügend geeignete Kandidatinnen zu finden, um die Quoten zu erfüllen. Qualifikation würde dann bei der Stellenbesetzung in den Hintergrund treten. Daimler-Chef Dieter Zetsche fragte schon lakonisch, ob er die vielen Männer, welche die Stellen derzeit besetzen, dann in Frührente schicken solle. „Ich kenne genug Unternehmen, die händeringend Frauen für Führungspositionen suchen“, sagt auch Gabriele Sons, Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. „Sie finden sie aber weder in ihren Firmen noch auf dem Markt.“ Deshalb helfe man Frauen mit einer Quote nicht. Wichtig sei ein Umfeld, in dem sie sich gut entwickeln könnten.

          Technik- oder Mathematikabsolventinnen fehlen

          Vor allem fehlen den Unternehmen Frauen, die einen Hochschulabschluss in einem MINT-Fach vorweisen können. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Zwar wuchs die Zahl der Absolventinnen mit diesen Qualifikationen zwischen dem Jahr 2000 und 2008 um fast 80 Prozent auf 27400. Damit war fast jeder dritte Absolvent weiblich, wie aus Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) hervorgeht.

          Doch gab es den Zuwachs ausschließlich in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften. „Das Potential von Frauen ist besonders in den technischen Fächern bislang in großem Maß unerschlossen“, heißt es beim IW. Dabei herrscht gerade hier enormer Bedarf. Nach jüngsten Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure ist die Ingenieurlücke mit 80000 so groß wie noch nie.

          Auch Informatik steht bei Frauen noch nicht hoch im Kurs

          Auch das Studienfach Informatik steht bei Frauen nicht hoch im Kurs. Die Universität Bamberg etwa meldet eine Frauenquote von 10 Prozent bei den Studienanfängern des Bachelorstudiengangs Wirtschaftsinformatik. An der Frankfurter Universität sieht es kaum anders aus, sagt Andreas Eckhardt vom Institut für Wirtschaftsinformatik. Eine Besonderheit zeichnet sich jedoch ab: „Je stärker der betriebswirtschaftliche Anteil, desto mehr Mädchen wählen dieses Fach.“ Eckhardt will jetzt stärker für den Studiengang werben und über berufliche Chancen informieren. „Dazu wäre es hilfreich, wenn wir erfolgreiche Managerinnen als Beispiele hätten.“

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Der Charging Bull, eine Bronzestatue im Financial District in Manhattan, New York.

          Amerikas Wirtschaft : Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen?

          Amerikas Manager-Elite gibt sich neue Prinzipien: Sie will Aktionäre nicht mehr über alles andere stellen. Ihre eigene Vergütung dagegen ist bisher kein Thema.

          Klimaaktivistin : Das Team hinter Greta

          Vor einem Jahr hat die schwedische Teenagerin Greta Thunberg ihre Schulstreiks begonnen. Heute ist sie weltberühmt und segelt über den Atlantik. Wir zeigen die Leute hinter ihr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.