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Wehrpflicht / Zivildienst : Die reine Vergeudung

Wer meldet sich freiwillig Bild: ddp

Ein Berufsheer ist teuer, und Zivildienstler sparen für den Staat. So sagt man. Nichts als Verschwendung, kontern Ökonomen. Profis sind besser - und am Ende günstiger.

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          Der Verteidigungsminister bleibt eindeutig. Er werde "alles dafür tun, die Wehrpflicht zu erhalten", sagt Peter Struck bei der Vorstellung der Bundeswehrreform am vergangenen Dienstag. Strucks Kabinettskollegin Renate Schmidt gibt sich veränderungsfreudiger: Die Familienministerin, zuständig für den Zivildienst, kann sich auch eine Welt ohne Zivis vorstellen - und auch ohne Wehrpflicht.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Struck argumentiert betriebswirtschaftlich: 250.000 Soldaten seien erforderlich, um die neuen Aufgaben der Bundeswehr zu erfüllen. 55.000 von ihnen müßten Wehrpflichtige oder Zeitsoldaten bleiben. "Wer sie ersetzen will, muß eine ganze Menge Geld in die Hand nehmen", droht Struck. Denn Berufssoldaten müsse man auf dem freien Markt einkaufen.
          Doch Ökonomen sind ganz anderer Meinung. "Die Abschaffung des Wehrdienstes und des Zivildienstes ist überfällig", fordert Gert G. Wagner, Professor an der Technischen Universität Berlin und Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Wagner weist nach, daß eine Professionalisierung von Verteidigung und Sozialdienst nicht nur freiheitlicher, sondern auch effizienter - mithin billiger - wäre.

          Anlernen zu aufwendig

          Der Wehr- und Zivildienst ist nichts anderes als eine "Naturalsteuer": Denn der junge Mann stellt, bewaffnet mit Gewehr oder Pflegeauto, dem Staat zwangsweise eine Dienstleistung zur Verfügung - ohne marktgerechte Gegenleistung: eine "implizite Einkommensteuer", welche ungerechterweise aber nur von einer kleinen Gruppe von Männern getragen wird.

          Doch billiger als die Naturalsteuer käme den Staat die Privatisierung und Professionalisierung. Die Argumente: Es ist viel zu aufwendig, Soldaten und Zivis ständig neu anzulernen. "Bevor die ihren Job richtig beherrschen, endet der Dienst bereits wieder", sagt Wagner. Je stärker Wehr- und Zivildienst verkürzt werden, um so mehr sticht dieses Argument. "Für viele Träger sozialer Einrichtungen lohnt sich der Einsatz von Zivildienstleistenden betriebswirtschaftlich nicht mehr, wenn sie künftig nur noch neun Monate dienen."

          "Vergeudung von Humankapital"

          Das ist nicht alles. Wehrpflichtige machen ihre Arbeit schlechter als Profis - im Militär- wie im Zivildienst: "Die Qualität der Pflege ist aufgrund knapper Mittel oft nicht gerade berauschend", berichtet Wagner. Umgekehrt gilt aber auch, daß die Wehrpflichtigen woanders besser eingesetzt wären. "Vergeudung von Humankapital" nennt Wagner das: "Die Wehrpflicht führt dazu, daß Zivis und Rekruten nicht entsprechend ihrer Begabung und beruflichen Ausbildung arbeiten."

          Ökonomen der Bundeswehrhochschule in München haben nachgerechnet und bestätigen: "Um etwa 3,5 Milliarden Euro billiger" als eine Wehrpflichtarmee wäre eine Freiwilligenarmee. Das ist das Ergebnis einer Studie zur ökonomischen Effizienz der Wehrpflicht. Deutlicher könnte der Widerspruch zur "betriebswirtschaftlichen" Rechnung Strucks nicht ausfallen. Auf bis zu 50 Prozent beziffern die Bundeswehr-Wissenschaftler den Effizienzgewinn einer Freiwilligenarmee. Denn dort sei der Rationalisierung- und Modernisierungsdruck viel größer als in einem Wehrdienstheer.

          Wer "gedient hat", wird ein besserer Bürger

          Als "typisch ökonomistisch" werden solche Argumente von vielen Menschen zurückgewiesen. Schließlich dürfe man Wehr- und Zivildienst nicht nur nach ökonomischen Kategorien bewerten. Von einem "wertvollen Beitrag für eine neue Kultur des Miteinanders zwischen Bürgern, Staat und Zivilgesellschaft" spricht der SPD-Abgeordnete Christian Lange beim Wehr- und Zivildienst. Ähnlich argumentiert Baden-Württembergs Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU). Zivil- und Wehrdienst halten viele für eine sinnvolle Sozialisationsagentur. Wer "gedient hat", wird ein besserer Bürger.

          Doch auch diese sozialen Argumente lassen die Ökonomen nicht gelten. Was ist von einer Sozialisierungsagentur zu halten, in der es weder Frauen noch Ausländer gibt? Immerhin leben in Deutschland in der Generation der heutigen Wehrpflichtigen 20 bis 25 Prozent Menschen "mit einem Migrationshintergrund". Sie haben aber, selbst wenn sie es wollten, keinen Zugang zu Wehr- und Zivildienst.

          Was sind die Alternativen der Ökonomen? Für DIW-Forscher Wagner besteht kein Zweifel: Die Bundeswehr und die sozialen Dienste müssen professionalisiert werden. Anstelle des Zivildienstes sollen Pflegeleistungen bei privaten oder frei-gemeinnützigen Anbietern zu Marktpreisen eingekauft werden. Zusätzlich muß das Ehrenamt gefördert werden. Von einem "sozialen Pflichtjahr" hält Wagner gar nichts. Vieles spricht aus seiner Sicht aber dafür, das freiwillige soziale Jahr attraktiver zu machen. "Wer sich freiwillig für soziale Dienste entscheidet, ist motivierter und produktiver als die Zwangsrekrutierten." Und außerdem zöge ein attraktiver Sozialdienst auch Zuwanderer, Frauen und junge Leute aus dem Ausland an.

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