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Wegen Erzabbau : Wenn eine ganze Stadt umziehen muss

Ein Haus aus dem Jahr 1899 , eins der ältesten in ganz Kiruna, auf dem Weg zu seinem neuen Standort im schwedischen Kiruna. Bild: Stadt Kiruna

Kiruna ist eine Kleinstadt im Norden Schwedens. Weil unter ihr eine Erzader verläuft, müssen die Bewohner jetzt weichen. Aber ist das überhaupt nötig?

          Das Rathaus von Kiruna, einer Kleinstadt in Nordschweden, war noch gut in Schuss. Anfang der 1960er gebaut, ein architektonisches Kleinod der Nachkriegsmoderne. Trotzdem sind im April die Bagger angerückt und haben angefangen, es abzureißen. Manche der knapp 20.000 Einwohner der Stadt kamen am ersten Tag der Arbeiten vorbei und nahmen sich einen Ziegelstein mit nach Hause. Als Andenken daran, wie ihre Stadt früher aussah. Und wo ihre Stadt einmal gestanden hat.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kiruna zieht um. Denn der Bergwerkskonzern LKAB treibt tief unter der Erde seine Stollen immer weiter Richtung Stadtkern. Das Eisenerz, das dort lagert, ist wegen seiner Reinheit auf der ganzen Welt begehrt, „Schwedenstahl“ als Qualitätsversprechen so bekannt wie „Made in Germany“. Aber wenn das Erz tief unten abgebaut wird, dann senkt sich das Gelände darüber ab, millimeterweise. Im Asphalt der Straßen gibt es Risse, die Fundamente der Häuser wackeln.

          Dort kann niemand mehr wohnen. Schon vor fünfzehn Jahren haben sich der Konzern und die Stadt deshalb auf den Umzug geeinigt. Knapp ein Drittel der Wohnungen und alle wichtigen öffentlichen Gebäude müssen weichen. 2015 wurden die ersten Wohnblöcke abgerissen, ein Park mit Grill- und Spielplätzen hat sie ersetzt. Ein paar denkmalgeschützte Häuser wurden auf Tiefladern zu ihren neuen Standorten gebracht.

          Erzader verläuft anders

          Offiziell heißt das Projekt „Stadterneuerung“, was Kritiker schon immer für üblen Euphemismus hielten. Sie sprechen lieber von einem Abriss. Bis vor kurzem gab es allerdings kaum Umzugskritiker in Kiruna, die Lokalpolitik war fast einstimmig dafür, eine Bürgerinitiative dagegen gab es nicht. Darüber haben Besucher aus dem Rest der Welt stets gestaunt. Immerhin gab die Stadt ihre stolze Lage auf einer Anhöhe auf, um sich künftig in eine Senke zu ducken. Aber andere Argumente waren wichtiger: Der Bergwerkskonzern LKAB ist der wichtigste Arbeitgeber und Steuerzahler weit und breit. Kiruna versteht sich als Bergarbeiterstadt, ohne das Bergwerk wäre in der Ödnis 200 Kilometer nördlich vom Polarkreis nie eine Stadt gegründet worden. Und der Ausbau des Bergwerks versprach beiden, der Stadt und dem Konzern, eine rosige wirtschaftliche Zukunft.

          Das hat sich inzwischen geändert. Zuerst bemängelte der schwedische Rechnungshof, in den Verträgen zwischen der Stadt und der Firma sei nicht klar genug geregelt, wer für welchen Teil des vermutlich größten Umzugs der Welt bezahlen muss. Das hatte vielleicht auch deshalb vorher keiner so genau genommen, weil LKAB zwar nach den üblichen kapitalistischen Regeln dem Profit verpflichtet ist, die Dividende aber nicht in die Kasse von privaten Eigentümern fließt, sondern in den schwedischen Staatshaushalt: Die Firma gehört zu 100 Prozent dem Staat. Das sorgte für besonders enge Bande zwischen Gewerkschaft, Lokalpolitik und Konzern, aber offenbar auch für mangelnde Vorsicht und Kontrolle.

          Deshalb war es für Kiruna besonders bitter, als sich LKAB im vergangenen Jahr genötigt sah, die eigenen Prognosen zu korrigieren. Die Bergleute hatten herausgefunden, dass die Erzader unter der Erde anders verläuft als zuvor angenommen. Erstens lagert insgesamt wohl nicht so viel Erz wie gedacht in der Tiefe. Zweitens liegt es nicht direkt unter dem Stadtkern, sondern weiter nördlich. Peinlich, peinlich. „Das hätte uns nicht derart überraschen dürfen“, räumt Konzernchef Jan Moström ein, der die Prognose von seinen Vorgängern übernommen hat.

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