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Andreas Renschler : Trucker mit Kampfgeist

In Andreas Renschler setzt VW große Hoffnungen Bild: Reuters

Er hat den Stallgeruch von Daimler, doch jetzt hat VW ihn geholt: Andreas Renschler soll aus den Nutzfahrzeug-Geschäften von VW eine schlagkräftige Einheit machen - einen echten Gegner für die Weltmarktführer aus Stuttgart.

          Andreas Renschler hat noch nicht einmal angefangen bei Volkswagen, da hat er seinen ersten Coup schon gelandet: Frankfurt solle Standort der künftigen Holding für das Nutzfahrzeug-Geschäft im VW-Konzern werden, wird kolportiert. Natürlich wird das von VW nicht bestätigt, jetzt, kurz bevor Renschler am 1. Februar seinen Posten als Nutzfahrzeug-Vorstand beim größten Fahrzeughersteller Europas antritt. Doch Weggefährten des langjährigen Daimler-Managers lächeln wissend: Nach Wolfsburg, an den Stammsitz des Volkswagen-Konzerns, wolle er nicht, hat Renschler immer wieder gesagt.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Frankfurt dagegen habe Charme, nicht nur weil man hier nah an der  Finanzwelt ist, die für einen möglichen Börsengang der Nutzfahrzeugsparte dienlich wären. Nein, es ist auch die geographische Lage, die zieht: Von hier aus wäre Renschler schnell in aller Welt, bei Kunden und in den Werken, aber auch schnell in Stuttgart, wo der 56 Jahre alte Schwabe immer noch zu Hause ist, der Liebe wegen.

          Was immer Renschler plant, im VW-Konzern wird er sehnlichst erwartet.  Denn das Geschäft mit den schweren Nutzfahrzeugen ist eine der großen Baustellen im Reich des Vorstandschefs Martin Winterkorn und des mächtigen Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch, die in den letzten Jahren munter zugekauft haben. Die beiden Lastwagenmarken MAN und Scania sollen ihr Geschäft enger verzahnen, doch die Zusammenführung kommt nur schleppend voran. Renschlers Vorgänger, der Schwede Leif Östling, hatte sich zu wenig um eine gute Kooperation gekümmert und damit die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Renschler soll MAN und Scania nun auf Linie bringen. Leicht wird das nicht. Wenn je ein Manager von MAN und von Scania gleichzeitig einen Raum beträten, sinke die Temperatur schlagartig um 10 Grad, spottet man in der Branche. Dabei könnten die beiden Lastwagen-Riesen mit vereinten Kräften dem Weltmarktführer Daimler ziemlich Dampf machen.

          Hemdsärmliger Kämpfer mit viel Selbstbewusstsein

          Die Kluft zwischen MAN und Scania zu überwinden wird also der Schlüssel zum Erfolg von VW im Nutzfahrzeuggeschäft sein - eine Herausforderung, die der Kämpfer Andreas Renschler sicher als besonderen Reiz betrachtet. Um ihm die dafür notwendige Durchschlagskraft zu geben, wird man Renschler wohl einige Freiheiten zugestehen müssen. Der hemdsärmelige Manager, der nach einer Banklehre einen Abschluss als Diplom-Kaufmann wie auch als Diplom-Wirtschaftsingenieur hinlegte, ist während seiner langjährigen Laufbahn bei Daimler oft als eine Art Feuerwehrmann eingesetzt worden und hat dabei reichlich an Selbstbewusstsein gewonnen. „Entweder die halten mich aus, oder sie zahlen mich aus“, gilt als Spruch von Renschler.

          Für Mercedes hat er in den 90er Jahren das erste amerikanische Werk - für Geländewagen in Tuscaloosa - aufgebaut, später führte er die Kleinstwagensparte Smart und war beauftragt, die Beteiligung an Mitsubishi vor einem allzu desaströsen Ende zu bewahren. Als Renschler 2004 die Leitung der Nutzfahrzeugsparte in dem Stuttgarter Konzern übernahm, wurde er zunächst vielfach als zu zögerlich kritisiert, weil er seine Strategie nicht gerade offensiv erklärte.

          Weitreichende Absprachen über flexible Arbeitszeiten

          Doch die Kritik wurde leiser, als in der Wirtschaftskrise offenbar wurde, dass die Nutzfahrzeugsparte hochgradig flexibel geworden war - unter anderem, weil Renschler ganz im Stillen weitreichende Verabredungen über flexible Arbeitszeiten mit den Belegschaftsvertretern getroffen hatte. Ein weiterer Baustein des Erfolgs ist das Baukastensystem, das die Produktpalette im Daimler-Nutzfahrzeuggeschäft durchzieht: So sehr sich ein deutscher Mercedes von einem chinesischen Aumann oder einem amerikanischen Freightliner unterscheidet - der Stuttgarter Konzern greift letztlich für alle Nutzfahrzeuge auf die gleiche Motorentechnologie zurück.

          Bei VW wird das Baukastensystem längst gelebt wie sonst nirgends, allerdings bisher nur in der Autosparte. Unter Renschlers Führung wollen Winterkorn und Piëch das Prinzip nun auch im Nutzfahrzeugbereich durchsetzen. Geplant ist ein gemeinsamer Baukasten für schwere Fernverkehrslaster, also ein Sortiment baugleicher Teile, das in den kommenden Jahren sukzessive über möglichst viele Fahrzeuge von MAN und Scania ausgerollt werden soll. Diese technische Harmonisierung soll einen wesentlichen Beitrag leisten, um die angepeilten Verbundvorteile (Synergien) von mindestens 850 Millionen Euro zu schaffen, die VW sich durch ein besseres Teamwork der Marken verspricht.

          Noch ist der TGX ein reiner MAN. In Zukunft werden auch Teile von Scania verarbeitet.

          Richtig los geht es im kommenden Jahr: Ab dann soll MAN für seine großen Baureihen TGS und TGX sukzessive Getriebe von Scania verwenden. Das soll aber nur der Startschuss sein: In einem nächsten Schritt könnten Komponenten des Fahrerhauses aus dem gemeinsamen Baukasten kommen, von der Steuerungselektronik bis zum Fensterheber. Auch über einheitliche Motoren und Fahrgestelle wird nachgedacht. Zudem sollen MAN und Scania sich in der Forschung und Entwicklung sowie im Einkauf besser abstimmen.

          Schnelle Erfolge wird Renschler aber nicht vorweisen können: In der Regel vergehen etwa 15 Jahre, bis bestehende Lastwagenmodelle von den Herstellern durch neue Varianten ersetzt werden. In der Autoproduktion ist die Schlagzahl mindestens doppelt so hoch. Entsprechend länger dauert es, bis Einsparungen in der Produktion sich im Ergebnis niederschlagen. Hinzu kommen die internen Befindlichkeiten der beiden Hersteller aus München und Södertälje. Gerade die Schweden pochen seit je auf ihre Unabhängigkeit.

          Winterkorn und Piëch warten schon ein Jahr

          Renschler, der in seiner Freizeit gerne Golf spielt und Modelleisenbahnen sammelt, muss einen schwierigen Drahtseilakt schaffen: Er muss die Brandmauern zwischen den einstigen Rivalen zumindest ein Stück weit niederreißen, ohne dabei ihre vielbeschworene eigene Identität aufs Spiel zu setzen. Die Hoffnung, dass es ihm gelingt, muss beim VW-Duo Winterkorn und Piëch ziemlich groß sein: Ein ganzes Jahr haben sie auf Renschler warten müssen. So lange galt die Konkurrenz-Ausschlussklausel von Daimler, von der die Stuttgarter nicht abgerückt sind: Jeder Tag Vorsprung ist wichtig, wenn die Gefahr droht, dass sich ein starker Gegner formiert.

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