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Kommentar : Chinas Schwäche

Trumps Strafzölle hinterlassen Spuren: Chinas Wirtschaft zeigt immer mehr Schwächen. Bild: dpa

Washingtons Strafzölle hinterlassen im Reich der Mitte immer stärkere Spuren. Die Verschuldung vieler chinesischer Unternehmen nimmt weiter zu.

          Als vor rund zehn Jahren die Finanzkrise des Westens auf dem Höhepunkt war, bettelten die Banken der Wall Street in China um Geld. Die Führung in Peking schnürte ein Konjunkturpaket, das so groß war, dass es auch den Rest der Weltwirtschaft vor dem Absturz bewahrte. Heute ist es Chinas Wirtschaft, die Schwächen zeigt. Fonds, Versicherungen und Immobilienentwickler mit hohen Schulden suchen nun Käufer im Westen. Dort gesellt sich zur Angst vor steigenden Zinsen in Amerika und einer nachlassenden Nachfrage in Europa die Sorge, vom früher so verlässlichen Hoffnungsträger aus Fernost in den Abgrund gerissen zu werden.

          Ob Volkswagen, der Münchener Lichttechniker Osram, der Augsburger Roboterbauer Kuka oder Maschinenbauer aus Schwaben: Viele deutsche Unternehmen können ihre Umsatzziele nicht halten, weil die Nachfrage aus China in den vergangenen Monaten stark zurückgegangen ist. In Amerika macht Apple-Vorstandschef Tim Cook die fallende Konsumlust chinesischer Kunden für den schlechten Absatz des iPhones verantwortlich.

          Washingtons Strafzölle, die Waffen im Handelsstreit der beiden Wirtschaftsmächte, hinterlassen in China immer stärkere Spuren. Das Bild, das chinesische Banker und Unternehmer seit Monaten vom Zustand der Wirtschaft malen, ist oft düster, mitunter schwarz. Von großen, zuweilen auch in Deutschland bekannten chinesischen Industriekonzernen ist in den Finanzkreisen Schanghais und Pekings die Rede. Deren hoher Verschuldung stünden keine ausreichenden Einnahmen mehr gegenüber. In der Folge versuchten die Schuldner, ihre Verbindlichkeiten mit den eigenen Erzeugnissen oder Fahrzeugen aus dem Fuhrpark zu begleichen statt mit Geld.

          Die Horrorgeschichten könnten bei Anlegern und Bankkunden Panik auslösen. Daher haben Pekings Zensoren Journalisten und Ökonomen im Land untersagt, sie zu verbreiten. Beschrieben werden darf Chinas Wirtschaft nur noch nach dem Drehbuch der Partei. Tatsächlich sind die Gewinne der Unternehmen in den vergangenen Monaten gesunken. Der Wert der Exporte und Importe geht zurück. Die Kreditvergabe schrumpft. Die Arbeitslosigkeit steigt, der Autoabsatz fällt. Der Aktienmarkt erbrachte mit Kursverlusten von dreißig Prozent im vergangenen Jahr die schwächste Leistung aller großen Börsen weltweit.

          Um 6,5 Prozent ist Chinas Wirtschaft im dritten Quartal 2018 gewachsen. So langsam ging es dort zuletzt nach der Finanzkrise vor zehn Jahren voran. Das Wachstum für das Gesamtjahr veröffentlicht das Statistikamt in Peking in den kommenden Tagen. Ein starker Rückgang der Werte ist aber nicht zu erwarten, versucht die Regierung doch stets, mit ihrem Zahlenwerk Welt und Volk zu vermitteln, das Reich der Mitte sei stabil.

          Die Bundesregierung ruft um Hilfe

          In der Vergangenheit traf dies oft zu. Viele Male haben Schwarzmaler im Ausland den Untergang der chinesischen Wirtschaft vorhergesagt. Bisher waren die Nachrichten ihres Ablebens verfrüht, und so dürfte es auch in diesem Jahr sein. Dass das Land in kurzer Zeit kollabieren könnte, erscheint wenig realistisch angesichts der mit Subventionsmilliarden befeuerten Wirtschaftsmacht. Schließlich bringt nicht nur nach Meinung von Präsident Trump Pekings Staatskapitalismus die Wettbewerbsfähigkeit des Westens in Bedrängnis. Auch die deutsche Industrie ist vom Tempo, mit dem China auf den Weltmarkt drängt, mittlerweile so verschreckt, dass sie die Bundesregierung um Hilfe ruft.

          Einen „guten Start“ in das neue Jahr solle die Wirtschaft erleben, versprechen die Planer in Peking. Sie kündigen umfangreiche Hilfen an. Steuerentlastungen für kleinere Unternehmen könnten dabei stärker wirken als Staatsmilliarden für noch mehr überflüssige Brücken und Flughäfen. Ein Konjunkturpaket von solch gewaltiger Dimension wie vor zehn Jahren kann sich das Land ohnehin nicht mehr leisten. Doch über die nicht unabhängige Zentralbank verfügt die Regierung nach wie vor über geldpolitische Mittel, um einen raschen wirtschaftlichen Absturz zu verhindern.

          Ob Chinas Wirtschaft jedoch auch in ein paar Jahren noch so stark dasteht oder gar den erhofften Sprung an die Weltspitze schafft, ist nicht mehr ausgemacht. Selbst jene kenntnisreichen Beobachter, die in der Vergangenheit Chinas Wirtschaft vor den alljährlich wiederkehrenden Krisenprophezeiungen verteidigt haben, legen ungewohnten Pessimismus an den Tag, was die Chancen für das Reich der Mitte angeht. Denn dort greift der Staat so stark in das Marktgeschehen ein wie seit langem nicht mehr. Der allmächtige Parteichef und Präsident Xi Jinping ist offensichtlich zur Ansicht gelangt, dass es sich das Land leisten könne, den Reformpfad zu verlassen, den es vor 40 Jahren eingeschlagen hat.

          Dass Xi Chinas Privatunternehmern in immer kürzeren Abständen seine volle Unterstützung versichern muss, zeigt vor allem, wie verunsichert diese von Pekings Restauration sind. Das, und nicht die sinkenden Wachstumsraten, dürften die wahre Herausforderung für Chinas Wirtschaft sein.

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          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

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