https://www.faz.net/-gqe-8fy4b

Renten-Debatte : Das Märchen von der Altersarmut

Die steuerfinanzierte Grundsicherung

Da die Regierung steigende Rentnerzahlen und steigende Beitragssätze erwartet, ergibt sich zwangsläufig ein sinkendes Rentenniveau, wenn man die entsprechenden Prognosedaten in die Rentenformel einsetzt. Das so bezifferte Absinken des Rentenniveaus besagt aber nur, dass die Renten langsamer steigen als die Löhne. Trotzdem steigen sie noch so stark, dass sich den Vorausberechnungen zufolge jenes Plus von 41 Prozent ergibt. Eine Monatsrente von heute 1000 Euro steigt also auf 1410 Euro und wäre dann, in heutigen Preisen gerechnet, 1150 Euro wert.

Unsicher ist diese Prognose deshalb, weil man die Entwicklung des Arbeitsmarkts nicht genau vorhersehen kann. In jüngerer Vergangenheit war sie so gut, dass die Zahl der Arbeitnehmer sogar stärker stieg als die der Rentner. Dies führt in diesem Jahr dazu, dass besagter Nachhaltigkeitsfaktor die Rentenerhöhung nicht dämpft, sondern um 0,18 Prozentpunkte verstärkt. Und dank der Beitragssenkung von 18,9 auf 18,7 Prozent zum 1. Januar 2015 kommen über den Beitragssatzfaktor noch einmal 0,3 Prozentpunkte hinzu.

Die politischen Forderungen nach einer Stabilisierung des Rentenniveaus laufen nun darauf hinaus, die beiden Faktoren abzuschaffen, damit sie künftige Rentenerhöhungen nicht dämpfen können. Konkret heißt das: Die Renten sollen bis 2029 nicht nur um 41 Prozent steigen, sondern etwa um 50 bis 60 Prozent. Der Preis dafür wäre ein Beitragsanstieg auf rund 24 Prozent des Bruttolohns, wie Berechnungen des Sozialministeriums zeigen. Im Kern lauten die Forderungen: Die in der Rentenformel verankerte Beteiligung der Alten an den Lasten des demographischen Wandels soll abgeschafft werden. Sozialpolitisch ist das deshalb wenig zielgenau, weil die Rentensteigerung um 50 bis 60 Prozent auch Versicherten ohne Armutssorgen zugutekäme. Vom Gesamtbetrag der Mehrkosten – das Ministerium erwartet 28 Milliarden Euro im Jahr 2030 – würde sogar der größere Teil an die immer noch große Gruppe der Versicherten mit ordentlichen Renten fallen. Das macht das Vorhaben aber wahltaktisch interessant. Die Ursache des befürchteten Armutsproblems liegt vor allem darin, dass inzwischen eine steigende Zahl von Versicherten auf die Rente zusteuert, deren Berufsleben in eine Zeit wachsender Arbeitslosigkeit fiel. Sie haben weniger Rentenbeiträge gezahlt und bekommen daher nach den Regeln der Rentenversicherung weniger Geld heraus. Falls das nicht reicht, hilft der Staat mit der steuerfinanzierten Grundsicherung aus.

Vernichtendes Urteil

Anders als Seehofer vorausgesagt hat, gibt es aber keine Hinweise, dass bald „die Hälfte der Bürger“ auf Grundsicherung angewiesen sein könnte. Derzeit sind es 3 Prozent der Bürger über 65 Jahren. Der Anteil der Rentner, die nur eine kleine gesetzliche Rente haben, ist zwar höher als 3 Prozent. Das hat aber wenig mit Armut zu tun: Unter ihnen sind Anwälte und Ärzte, die über berufsständische Versorgungswerke abgesichert sind, sowie pensionierte Beamte. Sie waren am Anfang ihres Berufslebens einmal in der gesetzlichen Rentenversicherung und haben dort nun kleine Rentenansprüche. Diese machen heute aber nur einen Bruchteil ihres Alterseinkommens aus.

Eine vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) angestellte Berechnung schien Seehofer kürzlich dennoch zu bestätigen. Auch sie führte zur Behauptung, der Hälfte der Versicherten drohe 2030 Armut. Der Ökonom und Demographieforscher Axel Börsch-Supan hat die Berechnung überprüft. Sein Urteil ist vernichtend: „grob falsch“. So unterstelle sie, dass heutige Lehrlinge auch 2030 nicht mehr verdienen werden als ihre Ausbildungsvergütung. Zudem verwechsle sie individuelle Einkommen und Haushaltseinkommen. Von Ehepartnern mit ungleichen Einkommen werde daher regelmäßig ein Partner als arm gewertet, auch wenn der Haushalt finanziell gut ausgestattet sei. Im Ergebnis müssten der WDR-Berechnung zufolge theoretisch schon heute 38 Prozent der Rentner von Grundsicherung leben, legt Börsch-Supan dar. Diese Zahl steht in der Tat in einem offenen Widerspruch zur wirklichen Quote von 3 Prozent.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klimapaket der Regierung : Worauf sich die Koalition geeinigt hat

Die Spitzen der Koalition haben sich auf eine Klimastrategie geeinigt. Künftig müssen für CO2-Ausstoß Zertifikate gekauft werden, der Plan einer CO2-Steuer ist dafür vom Tisch. Für Bürger sollen im Gegenzug einige Entlastungen kommen.
Millionen Zuschauer wollen die Fußball-Nationalmannschaft spielen sehen. Doch auf welchem Sender können sie das künftig?

Telekom kauft alle Live-Rechte : Fußball-EM 2024 erstmals ohne ARD und ZDF

Die Telekom hat sich die Live-Rechte an allen 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Jahr 2024 gesichert. Das hat die F.A.Z. exklusiv erfahren. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ARD und ZDF erstmals leer aus.

Verfassungsschutz bei Youtube : Humor gegen Dschihadismus

Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz will den Salafismus dort bekämpfen, wo er bisher freie Hand hatte: in der Youtube-Welt der Jugend. Ein Satire- und ein Informationsformat klären über das Thema auf.
In einem Bierzelt wie diesem kam es auf der Münchner Wiesn zum sexuellen Übergriff.

Übergriff auf dem Oktoberfest : Wiesn-Grabscher zu Geldstrafe verurteilt

Im vergangenen Jahr kam es auf dem Münchner Oktoberfest zu einem sexuellen Übergriff, bei dem ein Mann einer Frau an Brust und Gesäß griff. Kurz vor Beginn des diesjährigen Fest ist nun das Strafmaß verkündet worden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.