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Neue Rentendebatte : Alt gegen Jung

  • -Aktualisiert am
Gewaltiges Stimmenreservoires: Zur nächsten Bundestagswahl sind 20 Millionen Rentner stimmberechtigt.

Jüngere Wähler lockt man so nicht

Ein Sozialsystem, das den Leistungsempfänger anregte, Eigenverantwortung zu übernehmen, wäre besser. Politischer im Sinne von manipulativer aber ist ein Rentensystem, das so komplex ist, dass es kaum jemand versteht. So kann die Politik immer wieder intervenieren, ohne dass Rentner oder Beitragszahler nachvollziehen können, was gerade passiert. Es ist kein Zufall, dass Sozialpolitiker ein aus Beiträgen finanziertes Rentensystem erst mit versicherungsfremden Leistungen überfrachtet haben, um danach einen guten Teil der gesetzlichen Rente aus Steuermitteln zu finanzieren. Politisch betrachtet haben sie damit so etwas wie ein Selbstbedienungssystem geschaffen, in dem sie nach Belieben Rente gegen Kita, Pflege gegen Bildung oder Alt gegen Jung ausspielen können.

Mit einer Rentenpolitik zu Lasten der Jungen hat die große Koalition zwar die letzte Wahl gewonnen. Aber ob die Regierungsparteien mit einer Politik gegen die Nachwachsenden die Zukunft gewinnen können, ist fraglich. Zu verschieden sind die Interessen der Alten. Viele Eltern und Großeltern werden die Jungen eher vor Ausbeutung schützen, als sich daran zu beteiligen. Wie ausgerechnet die SPD, die ohnehin als gestrig und ältlich wahrgenommen wird, mit einer Politik für Rentner jüngere Wähler locken will, bleibt Gabriels Geheimnis. Vielleicht hat er ja doch noch ein Einsehen. Sozialministerin Andrea Nahles soll ihn bremsen, wie zu hören ist.

Beamtenversorgung im Fokus

Wer so leichtfertig Missgunst zwischen den Generationen schürt wie Seehofer und Gabriel, den darf man fragen, welchen Beitrag er zur Rente leistet. Keinen, lautet die Antwort für die beiden Parteichefs. Als Minister beziehungsweise Ministerpräsident freuen sie sich wie die Beamten auf eine üppige Pension, für die der Steuerzahler aufkommen muss. Als Beitragszahler darf man sich seinerseits auf die Veröffentlichung des nächsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung freuen. Die Ergebnisse dürften in etwa der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2013 entsprechen. Danach haben Beamte mit einem durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen von 4723 Euro im Monat viel mehr als die Selbständigen (4125). Pensionäre verfügen mit 4404 Euro sogar über mehr als alle anderen Gruppen, die noch arbeiten. Von solchen Haushaltsnettoeinkommen können Angestellte und Arbeiter nur träumen, sie rangieren mit 3759 beziehungsweise 3283 Euro weit hinter Beamten und Pensionären. Auf den letzten Plätzen liegen die Rentner mit 2206 und Arbeitslose mit 1263 Euro.

Die Pensionen sind etwa doppelt so hoch wie die Renten. Diese Schieflage erklärt das schwelende Unbehagen über die Verteilung der Kosten einer alternden Gesellschaft in Deutschland. Schließlich müssen Beamte nicht mit eigenen Beiträgen für ihr Alter sparen, sie tragen auch nicht das Risiko, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, und sind obendrein privat krankenversichert. Zwar wird auch der Anstieg der Pensionen gedämpft. Aber geschieht das im selben Ausmaß wie bei der gesetzlichen Rente? Kein Politiker hat den Mut, das heiße Eisen Beamtenversorgung anzupacken. Doch das Thema wühlt die Wähler auf. Statt also Zwietracht zwischen Jung und Alt zu säen, sollten sich die Parteichefs besser fragen, wie sie die Pensionen in Richtung Rente anpassen können. Das wäre ein Beitrag zur Generationengerechtigkeit.

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