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Lebenserwartung : Wer heute geboren wird, wird älter als 90

Aussicht auf das 22. Jahrhundert: Lebenserwartung von Neugeborenen in Deutschland steigt deutlich. Bild: dpa/dpaweb

Die Deutschen werden immer älter. Die Lebenserwartung erklimmt neue Höchststände. Vier von fünf Neugeborene könnten das 22. Jahrhundert erleben.

          Die Deutschen werden immer älter, ihre Lebenserwartung steigt – und sie steigt noch stärker, als meist angenommen wird. Das zeigen neue Berechnungen des Kölner Wirtschaftswissenschaftlers Eckart Bomsdorf, der zu den Pionieren der Entwicklung entsprechender statistischer Methoden zählt: Neugeborene Mädchen des Jahrgangs 2016 werden demnach voraussichtlich im Durchschnitt 93 Jahre alt und damit zehn Jahre älter, als es die aktuelle amtliche Sterbetafel derzeit nahelegt. Sogar Jungen können nun auf eine durchschnittliche Lebensspanne von gut 90 Jahren hoffen. Denn eine der neueren, noch wenig beachteten Entwicklungen ist, dass die Lebenserwartung von Männern noch stärker steigt als die von Frauen; bisher starben Männer im Durchschnitt etwa fünf Jahre früher als Frauen.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Berechnungen nach dem Konzept der sogenannten Generationensterbetafel hat Bomsdorf in einem neuen Fachaufsatz dargestellt, der dieser Zeitung vorab vorlag. Was für die Menschen erst einmal erfreulich ist, hat indes Nebenfolgen für die gesetzliche Rentenversicherung: Ihre Finanzierung auf Dauer im Lot zu halten wird noch schwieriger. Eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters ist jedoch politisch wenig populär, wie eine Diskussion zwischen Union und SPD vor dem für Dienstag geplanten Koalitionsgipfel zum Thema Rente zeigt: Eine Koppelung des Rentenalters an die Lebenserwartung sei „mit der SPD nicht zu machen“, wies deren Parlamentarische Geschäftsführerin Christine Lambrecht entsprechende Überlegungen von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zurück.

          Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer – die Zahl der Jahre, die Versicherte als Ruheständler erleben – hat sich jedoch schon in den vergangenen fünf Jahrzehnten von 10 auf 20 Jahre verdoppelt. Genau waren es laut Deutscher Rentenversicherung im Jahr 2015 knapp 18,8 Jahre für Männer und 22,8 Jahre für Frauen. Legt man nun Bomsdorfs neue Generationensterbetafel zugrunde, dann wird die Rentenbezugsdauer auch in Zukunft weiter deutlich steigen – und das trotz der schon beschlossenen schrittweisen Anhebung der Ruhestandsgrenze auf 67 Jahre.

          Hoffnung auf ausgedehnten Ruhestand

          Die Berechnungen erlauben beispielsweise einen näheren Blick auf die Aussichten des Geburtsjahrgangs 1964, den ersten, für den im Jahr 2031 die Rente mit 67 voll greift. Das Ergebnis: Aus dieser Gruppe der heute 52-Jährigen werden zum einen voraussichtlich 89 Prozent der Frauen und 81 Prozent der Männer das Alter von 67 Jahren tatsächlich erreichen. Zum anderen lässt sich dann ermitteln, welche durchschnittliche Lebenszeit den 67-Jährigen des Jahres 2031 noch bleibt. Für die Männer unter ihnen werden dies 20,2 Jahre sein, für die Frauen 23 Jahre.

          Dem lässt sich mit den neuen Daten außerdem gegenüberstellen, was den Geburtsjahrgang 2016 erwartet: Die Babys von heute könnten selbst dann auf einen noch ausgedehnteren Ruhestand hoffen, wenn im Jahr 2076 eine Rente mit 70 gelten sollte. Zum einen wird selbst diese Altersgrenze dann von 93 Prozent der Jungen und 96 Prozent der Mädchen erreicht. Zum anderen werden 2076 die dann 70-jährigen Männer eine weitere durchschnittliche Lebenszeit von 23,1 Jahren vor sich haben; die dann 70-jährigen Frauen dürfen im Durchschnitt sogar auf 24,9 weitere Lebensjahre hoffen. Bliebe die Rente mit 67 auch nach 2030 an festgeschrieben, dann hätten die Frauen ein Rentnerdasein von fast 28 Jahren vor sich.

          Rente mit 67 nicht das Ende der Entwicklung

          Für Bomsdorf liegt deswegen auf der Hand, dass die Rente mit 67 nicht das Ende der Entwicklung sein kann. „Ein höheres Renteneintrittsalter sei zwar kein Allheilmittel“, folgert er. Es sei aber „ein notwendiger Baustein auf dem Weg zu einer weiterhin sicheren und leistungsfähigen umlagefinanzierten Rente wie auch zur Stabilisierung des Arbeitsmarkts“. An einer Erkenntnis führe angesichts des demographischen Wandels jedenfalls kein Weg vorbei: „Länger leben, weniger arbeiten und dennoch eine höhere Rente beziehen – das wird nicht funktionieren.“

          Die amtliche Sterbetafel, die das Statistische Bundesamt jüngst aktualisiert hat, weist geringere Lebenserwartungen aus. Sie misst etwa den heute 52-jährigen Männern eine durchschnittliche Restlebensdauer von 28 Jahren zu; für heute 67-jährige Männer sind es gut 16 Jahre. Das liegt am Konzept der sogenannten Periodensterbetafel, für die künftige Lebenserwartungen direkt anhand der gegenwärtigen Sterbehäufigkeiten hochgerechnet werden. So bleibt unberücksichtigt, dass sich der Trend steigender Lebenserwartungen auch auf die verbleibende Lebenszeit heutiger Generationen auswirkt. Die Behörde weist selbst auf den Unterschied hin; ihre Werte sind damit eher als Untergrenze einer Prognosebandbreite zu sehen.

          Bomsdorfs Berechnungen liefern indes weitere Eindrücke davon, wie sich die Gesellschaft wandelt. So werden voraussichtlich mehr als 80 Prozent der heutigen Babys mindestens 85 Jahre alt und damit einen Blick ins 22. Jahrhundert werfen können. Jedes vierte neugeborene Mädchen und jeder sechste neugeborene Junge wird voraussichtlich sogar 100 Jahre alt.

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