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Forderung hoher Renten : Spiel mit der Angst

  • -Aktualisiert am

Armut im Alter: In Deutschland ist das gerade ein Dauerthema. Zurecht? Bild: dpa

Die Panik vor massenhafter Altersarmut ist groß. Nicht nur Linkspartei und Gewerkschaften warnen. Dabei verstellt die Angst den Blick auf die wirklich wichtigen Probleme.

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          Es gibt eine Botschaft, die man in diesen Tagen nicht oft genug betonen kann: Altersarmut ist hierzulande derzeit kein drängendes Problem. Zahlen belegen das eindeutig, sie finden sich sogar im Entwurf des neuen Armuts- und Reichtumsberichtes von Sozialministerin Andrea Nahles, die schon aufgrund ihres Amtes nicht im Verdacht steht, soziale Nöte klein zu reden – so sie denn existieren.

          Das Problem ist allerdings, dass viele Menschen das nicht glauben. Obwohl nur 3 Prozent der Bürger im Alter von 65 Jahren und älter Grundsicherung beziehen und damit im Vergleich zur Gesamtbevölkerung unterdurchschnittlich wenige, schätzen zwei von drei Befragten das Risiko der Altersarmut in der Bevölkerung als hoch oder sehr hoch ein. Auch das ist eine Erkenntnis aus dem Armuts- und Reichtumsbericht, die zeigt: Macht sich Angst breit, ist diese mit Fakten nur schwer wieder einzufangen.

          Riskant wird es, wenn auf Basis unbegründeter Ängste Politik gemacht wird – und die eigentlichen Herausforderungen aus den Augen verloren werden. Genau das ist im anstehenden Bundestagswahlkampf zu befürchten. Schon seit einigen Monaten laufen sich Linkspartei und Gewerkschaften warm und trommeln für eine „Stabilisierung“ des gesetzlichen Rentenniveaus. Sie wollen den derzeitigen Wert von 48 Prozent für die Zukunft festschreiben. Noch lieber würden sie ihn erhöhen, Ziel sind 50 Prozent.

          Die Renten steigen

          Ausgeblendet wird häufig, dass ein sinkendes Rentenniveau keineswegs bedeutet, dass die tatsächlich ausgezahlten Renten sinken. Diese sind im vergangenen Jahr sogar so kräftig gestiegen wie lange nicht. Ein sinkendes Rentenniveau besagt lediglich, dass die Renten nicht so stark steigen wie die Löhne. Das ist politisch auch gewollt, wenn die Zahl der Rentner schneller steigt als die der Beitragszahler: Anfang der Jahrtausendwende hat die damalige Bundesregierung aufgrund der demographischen Entwicklung deshalb den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor eingeführt.

          Dieser würde durch eine Erhöhung des Rentenniveaus faktisch wieder abgeschafft, was zu enormen Kosten für die heute Jungen führen würde. Die Verantwortung dafür liegt nicht allein bei der Linkspartei und den Gewerkschaften, sie ist auch Vizekanzler Sigmar Gabriel und dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer zuzuschreiben, welche die Debatte vor einem Jahr angestoßen haben. Befeuert wird die öffentliche Diskussion zudem durch regelmäßig verbreitete Schreckensmeldungen, wonach angeblich jedem zweiten Deutschen Altersarmut drohe.

          Das behauptete im vergangenen Frühjahr etwa der Westdeutsche Rundfunk, der in seinen Berechnungen jedoch unterstellte, dass die Lehrlinge von heute im Jahr 2030 nicht mehr verdienen als während ihrer Ausbildung. Als ähnlich hanebüchen ist eine kurz vor Weihnachten von der Linkspartei verbreitete Datenübersicht zu bewerten. Trotzdem werden wohl leider nicht die methodischen Unzulänglichkeiten solcher Meldungen in Erinnerung bleiben, sondern deren Alarmismus – auch, weil viele Menschen sich dadurch in ihren Ängsten bestätigt fühlen.

          Keine geradlinigen Erwerbsbiographien mehr

          Natürlich ist jeder Fall, in dem jemand im Alter von seiner Rente nicht leben kann, einer zu viel. Und es stimmt auch, dass die Zahl der Bezieher von Grundsicherung im Alter künftig steigen wird. Seriöse Schätzungen gehen von um die 6 Prozent bis zum Jahr 2030 aus. Das hat auch damit zu tun, dass Erwerbsbiographien nicht mehr so gradlinig verlaufen wie früher, etwa weil Angestellte häufiger Auszeiten nehmen um ihre Kinder großzuziehen. Doch selbst dann wäre der Anteil immer noch gering gemessen an den Gruppen, die tatsächlich ein hohes Armutsrisiko haben und über all die Panikmache vor drohender Altersarmut in Vergessenheit geraten: Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und deren Kinder, Selbstständige und Geringqualifizierte.

          Das sind diejenigen, um die es sich zu kümmern gilt. Rezepte wären durchaus vorhanden, doch rennt die Bundesregierung in die falsche Richtung, wenn sie beispielsweise die Zeitarbeit als atypische Beschäftigung verteufelt und mit hohen Hürden versieht. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass die Zeitarbeit es schafft, Langzeitarbeitslose wieder in Beschäftigung zu bringen. Auch für Geringqualifizierte können Zeitarbeit und Minijobs einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen, für Alleinerziehende wäre insbesondere ein flächendeckender Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen hilfreich.

          Arbeit ist eben immer noch der beste Schutz gegen Armut – selbst wenn sie nicht aus einem regelmäßigen Acht-Stunden-Tag besteht. Was den besonders armutsgefährdeten Gruppen hingegen sicher nicht hilft, ist eine Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus. Zum einen würden davon hauptsächlich gutverdienende Fachkräfte profitieren. Zum anderen, und das ist noch gravierender, müssten dann auch die Beitragssätze steigen: für ein dauerhaftes Rentenniveau von 46 Prozent Nahles’ Prognose zufolge auf 25 Prozent im Jahr 2045. Die Lasten für die Arbeitgeber würden so weiter zunehmen und damit auch die Hürden, Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte in Beschäftigung zu bringen. Das wäre der falsche Weg.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

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