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Demographischer Wandel : Deutschland schrumpft nicht mehr

Neben der Einwanderung hält auch eine steigende Geburtenrate den Bevölkerungsschwund auf. Bild: dpa

Die Regierung geht davon aus, dass mehr Einwanderer und Kinder die Bevölkerungszahl stabilisieren. Ein großes Risiko bleibt aber bestehen.

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          Lange Jahre galt der demographische Wandel in Deutschland als gesichert. Die Kernaussage lautete: Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wird die Bevölkerung erheblich schrumpfen und altern. Doch am Mittwoch vollzog die Bundesregierung eine drastische Kehrtwende. „Die hohe Nettozuwanderung insbesondere jüngerer Menschen wird voraussichtlich dazu führen, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis Mitte der 2030er Jahre in deutlich geringerem Maße zurückgeht als bislang erwartet“, heißt es im neuen Demographiebericht des Bundesinnenministeriums. Vergleichbares gelte sogar für den Zeitraum bis zum Jahr 2060. Das ist erstaunlich, schließlich hatten frühere Prognosen einen Rückgang der Bevölkerungszahl in dieser Spanne auf weniger als 70 Millionen Menschen vorausgesagt.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Diese offiziellen Schätzungen standen jedoch schon länger in der Kritik. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hatte schon Mitte vergangenen Jahres eigene Berechnungen vorgelegt, welche die hohe Zuwanderung der vergangenen Jahre berücksichtigte. Im Jahr 2015 lag die Nettozuwanderung bei 1,1 Millionen Menschen, 2016 betrug sie noch rund 750.000. Auch andere Forschungsinstitute stellten ähnliche Berechnungen an. Das Statistische Bundesamt hielt jedoch bislang an seiner Einschätzung fest, dass für Deutschland langfristig nur ein jährliches Plus von 200.000 Personen zu erwarten sei. Als die Behörde vergangene Woche meldete, dass die deutsche Bevölkerung auf fast 83 Millionen Menschen gewachsen ist, plädierten Wissenschaftler in der F.A.Z. für ein Szenario mit langfristig 300.000 Personen. Genau diese Zahlen liegen dem neuen Bericht nun zu Grunde.

          Ob damit allerdings auch Entwarnung gegeben werden kann für die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme, ist weiter fraglich. Entscheidend dafür ist die Frage, wie junge Zuwanderer in den Arbeitsmarkt integriert werden und zu Beitragszahlern gemacht werden können. Während dies etwa bei Zuwanderern aus der Europäischen Union relativ gut gelingt, zeichnet sich für die Gruppe der Flüchtlinge ein anderes Bild ab. „Nach den vorliegenden Erfahrungen wird dies nicht einfach sein und länger dauern als zunächst erhofft“, heißt es in dem Bericht.

          Höhere Geburtenrate kann Alterung nicht aufhalten

          Neben der Zuwanderung dämpft künftig auch der Anstieg der Geburtenrate den Rückgang der Bevölkerung. Während der Geburtsjahrgang 1968 mit 1,49 Kindern je Frau die bisher niedrigste Kinderzahl der Geschichte ausweist, steigt der Wert mit den folgenden Jahrgängen wieder. Für Frauen des Jahrgangs 1973 beträgt er zum Beispiel schon 1,56 und für das Geburtsjahr 1980 zeichnet sich ein Wert von 1,6 Kindern ab.

          An einer Einschätzung der Bevölkerungsforscher wird sich jedoch nichts ändern: an der deutlichen Alterung der Bevölkerung. Dies zeigt sich am Altenquotient, der beschreibt, wie viele Menschen über 65 Jahre auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 bis 64 Jahren kommen. Während dies im Jahr 2015 noch 35 Personen waren, liegen die Prognosen allein für das Jahr 2035 schon zwischen 40 und 50 Personen.

          Für die Entwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung sind diese Annahmen von hoher Bedeutung. „Den Schwerpunkt der Alterung und eine besondere Herausforderung stellen die Babyboomer-Generationen dar“, heißt es in dem Bericht. Gemeint sind die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1969. In den kommenden Jahren werden rund 13 Millionen Menschen aus dieser Kohorte die Regelaltersgrenze erreichen. Derzeit beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes in Deutschland bei der Geburt 78,2 Jahre, die einer Frau sogar 83,1 Jahre. Allerdings schließt sich seit dem Jahr 2000 die Lücke für die Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern langsam.

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