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Altersvorsorge : Betriebsrenten müssen für beide Seiten stimmen

  • -Aktualisiert am

Geringverdiener, die zusätzliche Alterseinkünfte besonders brauchen, handeln nicht danach. Bild: dpa

Nur 60 Prozent der Beschäftigten hierzulande sparen in der betrieblichen Altersvorsorge – vor allem Geringverdiener gehören nicht dazu. Was ist zu tun? Ein Gastbeitrag.

          „Fast die Hälfte der befragten Deutschen im mittleren Alter macht sich Sorgen, dass ihre Altersvorsorge nicht ausreicht.“ Unter Geringverdienern sind es sogar mehr als zwei Drittel. So stand es in der F.A.Z. im Herbst vergangenen Jahres. Und: Drei Viertel der Befragten sorgen nicht für das Alter vor. Die Menschen wissen also, dass die gesetzliche Rente für ein gesichertes Alter nicht ausreicht und zusätzliche Vorsorge nötig ist. Trotzdem sparen nur 60 Prozent der Beschäftigten in der betrieblichen Altersvorsorge, und es gibt kaum Zuwachsraten. Die Verteilung hängt zudem ab von der Branchenzugehörigkeit und Betriebsgröße. Je größer das Unternehmen, desto häufiger die Vorsorge; je niedriger das Einkommen desto seltener.

          Gerade also diejenigen, die aufgrund ihres geringen Verdienstes zusätzliche Alterseinkünfte besonders brauchen, handeln nicht danach. Und das, obwohl sie sogar ein Recht auf betriebliche Vorsorge haben. Warum ist das so? Die Gründe sind vielfältig: die Komplexität der Durchführungswege, der volle Beitrag zur Kranken- und Pflegeversicherung in der Auszahlungsphase und die Anrechnung auf die Grundsicherung. Auch die niedrigen Zinsen und die Diskussion um die hohen Kosten einer kapitalgedeckten Altersvorsorge haben diese Säulen unserer Altersvorsorge nicht gefördert.

          Was ist konkret zu tun?

          Auch auf der Seite der Arbeitgeber sind die Sorgen vielfältig – je nachdem, was sie ihren Arbeitnehmern anbieten. Die Mutter aller Durchführungswege – die Direktzusage – belastet in Niedrigzinszeiten den Gewinn. Die Komplexität der fünf Durchführungswege, der gefürchtete Verwaltungsaufwand und die Sorge um nicht überschaubare Haftungsrisiken lassen gerade Arbeitgeber kleinerer Unternehmen zurückschrecken.

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          Damit liegen die Ansatzpunkte für eine Reform der betrieblichen Altersvorsorge auf der Hand: Nur wenn der Beitragszahler weiß, dass das Weniger von heute das Mehr von morgen ist und der Arbeitgeber sich von der Bürokratie nicht überrollt fühlt, werden sie ja zur Vorsorge sagen. Es muss sich also für beide Seiten lohnen. Was ist konkret zu tun?

          Wir müssen Gewissheit schaffen, dass sich die Sparanstrengungen für das Alter lohnen und das Risiko überschaubar ist. Eine Neuregelung soll insbesondere Geringverdiener von der betrieblichen Altersvorsorge überzeugen. Die Beiträge für die Entgeltumwandlung werden aktuell mit 4 Prozent der Beitragsbemessungsgrenze von der Steuer freigestellt. Einen Steuervorteil hat aber nur, wer Steuern zahlt. Das ist gerade bei Geringverdienern nicht der Fall. Deshalb schlagen wir vor, das Prinzip der Riester-Rente – hohe Förderbeträge bei geringen eigenen Leistungen – auch bei der betrieblichen Altersversorgung anzuwenden.

          Arbeitgeber häufig verunsichert

          Bezieher niedriger Einkommen lehnen eine Altersvorsorge häufig auch ab, weil die Erlöse später mit der Grundsicherung im Alter verrechnet werden. Das mühsam Ersparte würde dann aufgezehrt, so die Befürchtung. Hier sollten wir prüfen, ob bei einer lebenslangen Vorsorgeleistung die Eigenbeiträge von der Anrechnung ausgenommen werden.

          Eine dritte Barriere bei den Arbeitnehmern ist der volle Beitrag für die Kranken- und Pflegeversicherung auf die Leistungen aus der betrieblichen Altersvorsorge in der Auszahlungsphase. Eine älter werdende Gesellschaft kann auf diese Beiträge allerdings nicht verzichten. Wir schlagen vor, in Höhe der Beitragssätze den Arbeitnehmern einen Zuschuss zu ihrer Altersversorgung zukommen zu lassen. Zwei Drittel der Arbeitgeber gehen diesen Weg heute schon freiwillig. Sie wissen, dass das für sie und den Arbeitnehmer vorteilhaft ist.

          Arbeitgeber sind häufig durch die Komplexität der steuerlichen und sozialen Regelungen verunsichert. Sie befürchten Versäumnisse aus Unkenntnis und dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Mehr Rechtssicherheit würde diese Sorgen nehmen.

          Reformbedarf bei der betrieblichen Altersvorsorge

          Heute sind bis zu 4 Prozent der Beitragsbemessungsgrenze bei der Entgeltumwandlung steuerlich freigestellt. Weitere 1800 Euro können zusätzlich gefördert werden. Das Zusammenfassen beider Komponenten durch einen einheitlichen Förderrahmen von 6 Prozent beziehungsweise einen einheitlichen Durchführungsweg schafft mehr Transparenz und Flexibilität. Dies würde die betriebliche Altersvorsorge für Arbeitgeber deutlich vereinfachen. Schon heute nehmen viele Arbeitgeber ihre soziale Verantwortung wahr und engagieren sich in der betrieblichen Altersvorsorge. Sie erkennen dieses Instrument als ein unabdingbares sozialpolitisches Bindeglied zwischen Unternehmen und Belegschaft. Das gilt es zu erhalten.

          Die niedrigen Zinsen haben – neben der demographischen Entwicklung – den Reformbedarf der betrieblichen Altersvorsorge und die Sorge vor Altersarmut weiter erhöht. Wir haben die Pflicht, das Vertrauen in die kapitalgedeckte Altersvorsorge zu stärken. Geschehen kann das nur mit einer soliden und realistischen Reform. Die gesetzliche Rente muss die Basis unserer Altersversorgung bleiben. Doch sie ersetzt nicht eine ergänzende kapitalgedeckte Vorsorge. Eine älter werdende Gesellschaft muss stärker selbst für morgen vorsorgen. Unsere Kinder werden es uns danken.

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