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Renten-Streit : Mehr alte Menschen beziehen Stütze

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An der Lebensmitteltafel: Immer mehr Menschen droht Armut im Alter, warnen zumindest die Sozialverbände in Deutschland schon seit Jahren. Bild: dpa

Droht breiten Schichten in Deutschland Armut im Alter? Die Frage steht im Mittelpunkt des neuen Renten-Streits. Das Statistische Bundesamt legt dazu eine wichtige Zahl vor.

          Droht breiten Schichten in Deutschland Altersarmut? Die Frage steht im Mittelpunkt der neuen Renten-Debatte. Nun hat das Statistische Bundesamt eine wichtige Kenngröße veröffentlicht, die gerade diejenigen ins Feld führen, die davor warnen.

          Demnach hat sich die Zahl der Menschen, die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung beziehen, im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent erhöht. Ende des vergangenen Jahres erhielten demzufolge mehr als eine Millionen Bürger (rund 1.038.000) ab 18 Jahren Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB XII). Ein Jahr zuvor waren es noch rund 40.000 weniger gewesen.

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          Sozialverbände fordern auch auf Basis dieser Zahlen die Bundesregierung auf, umgehend eine Rentenreform auf den Weg zu bringen und gegen die aus ihrer Sicht drohende Altersarmut für viele Menschen vorzugehen. Auch führende Regierungspolitiker haben in ihrer gerade begonnen neuen Renten-Diskussion besonders das Rentenniveau in den Blick genommen. CSU-Chef Horst Seehofer und Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) preschten voran und forderten eine Rentenreform - mittlerweile scheint die Koalition insgesamt bereit, womöglich noch in diesem Jahr Anpassungen am Rentensystem vorzunehmen.

          Ende des vergangenen Jahres bekamen laut der amtlichen Statistik rund 536.000 Menschen die Grundsicherung im Alter ausbezahlt. Knapp 502.000 der Empfänger unterhalb der Altersgrenze erhielten die Leistungen aufgrund voller Erwerbsminderung.

          „Klar ist, dass das sinkende Rentenniveau einerseits und die Lücken in den Erwerbsbiographien der heutigen Beschäftigten andererseits zu einem weiteren Anstieg von Altersarmut führen werden“, kommentierte der Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler diese Zahlen. Hier müsse gehandelt werden.

          „Die Rente muss zum Leben reichen“

          Die einzige Möglichkeit, diese Entwicklung zu stoppen, ist laut Stadtler die längst überfällige Rentenreform. „Insbesondere muss die weitere Absenkung des Rentenniveaus gestoppt und die Beitragsleistungen von Geringverdienern besser bewertet werden.“ Andernfalls drohe in ein paar Jahren Millionen Rentnern der Gang zum Sozialamt.

          Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband sprach von alarmierenden Zahlen und forderte die Regierung zum Handeln auf. Neben einer Anhebung und Stabilisierung des Rentenniveaus auf 50 Prozent sei die Rente endlich nach unten hin „armutsfest“ auszugestalten, forderte der Verband.

          Aus Sicht des Sozialverbandes Deutschland VdK ist die Lage noch viel dramatischer als es die neuen Zahlen erkennen lassen. „Wir gehen von einer hohen Zahl an Menschen aus, die Grundsicherung aus Scham nicht beantragen, obwohl sie eigentlich ein Anrecht darauf hätten“, sagte Verbands-Präsidentin Ulrike Mascher. Sie forderte: „Die Rente muss zum Leben reichen.“

          Zunächst müssen ihrer Ansicht nach die Regelsätze der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung auf den Prüfstand. „Sie orientieren sich derzeit am Bedarf eines 30-jährigen, gesunden Mannes und widersprechen der Lebenswirklichkeit von durch Krankheit erwerbsgeminderten oder älteren Menschen“, so die VdK-Präsidentin.

          Ein Argument gegen Altersarmut

          Ein anderes Argument, das in der Debatte um Altersarmut eher selten vorgebracht wird, bezieht sich auf die tatsächliche Entwicklung der Renten. Der aktuelle Rentenbericht der Ministerin Nahles (SPD) sagt zum einen voraus, dass die turnusmäßigen Rentenerhöhungen bis 2029 – so weit reicht der amtliche Prognosezeitraum – im Durchschnitt mehr als 2 Prozent im Jahr betragen werden.

          Damit wird es auf Dauer zwar nicht so viel sein wie in diesem Jahr; diesmal erwartet die 20 Millionen Rentner eine Rekorderhöhung um 4,25 Prozent im Westen und 5,95 Prozent im Osten. Doch in der Summe ergibt sich ein erklecklicher Anstieg: Den amtlichen Modellrechnungen zufolge „steigen die Renten bis zum Jahr 2029 um insgesamt rund 41 Prozent an“, heißt es in dem Bericht.

          Die Steigerungen werden damit auch klar über der absehbaren Inflationsrate liegen. Zum Vergleich: In den vergangenen 15 Jahren, also seit dem Jahr 2000, haben sich die Verbraucherpreise um insgesamt 25 Prozent erhöht. Schreibt man diese Entwicklung in die Zukunft fort, folgt daraus: Im Jahr 2029 werden die Renten auch real, also preisbereinigt, mindestens 15 Prozent mehr wert sein als heute. Verschärfte Altersarmut folgt daraus nicht.

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