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Arbeitskräftemangel : Was die Vollbeschäftigung aus Deutschland macht

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Von einem flächendeckenden Fachkräftemangel kann in Deutschland keine Rede sein - ein Ende ist allerdings auch nicht in Sicht. Bild: Picture-Alliance

In der Kita fehlen die Erzieher, auf dem Bau geht’s nicht voran, der Arzt spricht fast kein Deutsch: Deutschland mangelt es an Arbeitskräften. Das ändert einiges in diesem Land.

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          Im Herbst eröffnete die Kindertagesstätte „Am Hafen“ in Offenbach am Main. Es sollte ein Pilotprojekt werden. Die Struktur ist architektonisch modern, die Kita hat Sportplatz, Turnhalle und so genannte Funktionsräume, in denen die Kinder malen, werkeln und basteln können. Kurz: Es ist ein innovatives pädagogisches Konzept, die Kleinen sollen sich frei entfalten. Doch die Eltern sind unzufrieden. Seit der Eröffnung läuft der Betrieb immer noch nicht ganz flüssig, es sind einfach keine qualifizierten Erzieher zu finden. Abhilfe wird mit Personal aus anderen Kitas geschafft. „Ich bringe mein Kind in die Kita und gebe es an ein unbekanntes Gesicht ab“, sagt Stephanie Seeger, eine Elternbeirätin. Ihr dreijähriger Sohn besucht den „Hafen“ seit letztem Jahr. Die Kita selbst bestreitet nicht, dass Personal fehlt. Mehrmals mussten die Eltern sich in der Vorweihnachtszeit frei nehmen und ihre Kinder zu Hause betreuen, weil Erzieher krank wurden oder gekündigt hatten. Manchmal wurde eine Erzieherin schwanger.

          Dabei sollte die Modell-Kita eigentlich bis 22 Uhr geöffnet bleiben. „Als von den längeren Öffnungszeiten die Rede war, mussten wir Eltern erstmal schmunzeln“, sagt Mutter Stephanie Seeger, „Der Betrieb funktioniert ja noch nicht einmal in den normalen Öffnungszeiten.“ Manchmal sei ein Erzieher allein für 25 Kinder zuständig. Die besonderen pädagogischen Angebote könnten so nicht richtig genutzt werden, es fehle an Aufsichtspersonen. „Durch die fehlende Struktur sind die Kinder verunsichert und gestört. Oft kommt mein Sohn gereizt nach Hause“, berichtet Seeger. Das 22-Uhr-Projekt ist schon wieder gestrichen. „Wir Eltern wollen jetzt einfach, dass es läuft. Es heißt ja nicht nur Betreuung, sondern auch Bildung und Erziehung.“

          Deutschland fehlen die Arbeitskräfte

          Stephanie Seeger ist eine von vielen Deutschen, die darunter leidet, dass in Deutschland Arbeitskräfte fehlen. Denn der deutschen Wirtschaft geht es so gut wie schon lange nicht mehr. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt, die Zahl der Menschen mit sozialversicherungspflichtigen Stellen, auch die Zahl der unbefristeten Arbeitsverträge wächst. Die Arbeitslosenquote steht auf dem Rekordtief von 5,7 Prozent. Damit haben viele Regionen Vollbeschäftigung, auch Deutschland als ganzes hat den Zustand fast erreicht – alles unter 3 Prozent Arbeitslosenquote gilt als Vollbeschäftigung; eine Quote von Null ist in der Regel nicht zu erreichen, immer ist ein kleiner Teil der Deutschen auf der Suche nach einer neuen Stelle.

          Nicht nur die gute Konjunktur führt zu Personalmangel. Heute schon reicht der Nachwuchs in vielen Berufen nicht mehr, um die Rentner zu ersetzen. Besonders qualifizierte Fachkräfte werden gesucht, also Berufe, für die fundierte Fachkenntnisse benötigt werden, zum Beispiel ein Berufsschulabschluss. Dann müssen die Unternehmen eben die Löhne erhöhen, sagen viele – doch das hilft immer nur dem einen Unternehmen, der neue Unternehmer des einen Unternehmens reißt dann eine Lücke bei einem anderen.

          Das Ergebnis spüren nicht nur Eltern in der Kita, sondern auch Eigenheim-Besitzer. Wer einen Handwerker in Deutschland sucht, muss mitunter lange warten. Im letzten Jahr hatte jeder fünfte Deutsche Schwierigkeiten, stellt das Institut für Demoskopie Allensbach fest.

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