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Arbeitskräftemangel : Was die Vollbeschäftigung aus Deutschland macht

  • -Aktualisiert am

Deutschlands größtes Problem ist erst mal gelöst

Ein solcher Mangel an Arbeitskräften wäre früher undenkbar gewesen. Seit der Rezession der 70er-Jahre stieg die Arbeitslosigkeit in Deutschland, abgesehen von konjunkturellen Schwankungen, immer an. Arbeitslosigkeit zählte zu den größten sozialen Problemen in Deutschland. Das hat die Gesellschaft geprägt. Zuletzt machte sich das in den Nuller-Jahren bemerkbar. 2005 suchten fünf Millionen Menschen nach Arbeit. Gerhard Schröder versuchte mit seiner „Agenda 2010“ den Arbeitsmarkt zu reformieren, unter anderem durch die Einführung von Minijobs und Harzt IV. Da die Zahlen sich nicht direkt verbesserten, rebellierte seine Partei und er verlor das Kanzleramt. Danach allerdings begann die Arbeitslosigkeit zu sinken, und es zeichnet sich eine gesellschaftliche Wende ab. Eine Umfrage der R + V Versicherungen zu den größten Ängsten der Deutschen ergab, dass nur noch 27 Prozent die eigene Arbeitslosigkeit fürchten. Zehn Jahre vorher gaben noch 67 Prozent der Befragten den Verlust ihrer Arbeit als ihre größte Angst an. Eines der größten sozialen Probleme Deutschlands scheint weitgehend gelöst.

Entsprechend benehmen sich die Deutschen: Tim Böhme studiert im siebten Semester Fahrzeugtechnik an der Technischen Hochschule in Köln. „Gedanken um einen Arbeitsplatz macht man sich eigentlich nicht“, erzählt er, „Viele lassen sich im Studium Zeit, studieren zwölf oder vierzehn Semester.“ Das liegt zum Teil an den harten Klausuren, zum Teil aber auch an der entspannten Haltung vieler Studenten – sie wissen, dass ihr Beruf gefragt ist.

Um bei den richtig guten Autobauern zu arbeiten, muss man sich trotzdem anstrengen. „Für mein Praxissemester habe ich 40 Bewerbungen losgeschickt und wurde nur dreimal zum Gespräch eingeladen, obwohl meine Noten gut sind“, sagt Böhme. In der Fahrzeugbranche mangelt es nämlich vor allem an hoch qualifizierten Arbeitskräften mit Universitätsabschluss, also an Experten. Um eine richtig gute Position zu finden, müssen Bewerber ihr Können immer noch unter Beweis stellen. Tim Böhme ist das gelungen, er konnte ein Praktikum bei Mazda absolvieren. Und wenn man einmal drin ist, ist es leichter: „Nach dem Bachelor brauche ich nur noch anzurufen, und die übernehmen mich.“

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Doch während die einen das Leben lockerer angehen lassen können, wächst bei den anderen der Stress. Alfred Schwarz ist S-Bahn-Lokführer bei der Deutschen Bahn. Oft fährt er die S1-Strecke von Wiesbaden bis Rödermark-Oberroden, oft hat er Nachtschicht. So auch an diesem Tag. Eine Station vor der letzten Haltestelle seiner Schicht packt er seine Sachen zusammen und zieht schon einmal seine Jacke an. Doch die Ablösung wartet noch nicht auf dem Gleis. Also steigt er aus, wartet ein paar Minuten und ruft den Disponenten an, der sich um die Vertretung kümmert. Er erfährt: Der Kollege fällt aus, es geht erst mal weiter für ihn. „So geht es oft“, erzählt Schwarz, der eigentlich anders heißt, aber diese Zustände nicht mit echtem Namen schildern will. Die Deutsche Bahn sucht momentan fast verzweifelt nach Lokführern. Auf 100 offene Stellen für Fahrzeugführung im Personenverkehr kommen laut Bundesagentur für Arbeit nur 44 registrierte arbeitslose Lokführer.

Dadurch muss das bestehende Personal flexibel sein und oft mehr arbeiten. Lokführer wie Schwarz nehmen weniger Pausen, arbeiten länger und gehen seltener in den Urlaub, da die Bahn ihnen ihre freie Zeit abkauft. Auch persönlich merkt Schwarz den höheren Druck: „Meine Freunde fragen gar nicht mehr, ob ich Zeit habe auf Veranstaltungen zu gehen. Man kann nichts planen, ständig muss man Kollegen ablösen.“ Jetzt schaut er sich nach anderen Berufen um, wo der Schichtdienst weniger anstrengend ist. Da Personal auch in anderen Bereichen der Bahn gesucht wird, dürfte das für ihn aber kein großes Problem sein.

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