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Lehren aus der Krise : Der Kapitalismus lebt

Ist es mit dem kapitalistischen Glanz in Schanghai bald vorbei? Wohl kaum. Bild: AFP

Solidarität statt Eigennutz, Staat vor Privat: Viele rufen in der Krise den Systemwechsel aus. Das ist zu kurz gedacht.

          6 Min.

          Die Corona-Krise ist noch nicht einmal auf ihrem Höhepunkt angekommen, schon ist für viele Leute das Grundübel gefunden: der Kapitalismus. Hätten wir womöglich viel mehr Krankenpfleger, wenn nicht geldgeile Klinikkonzerne die Löhne drücken würden? Hätten Pharmafirmen dem Coronavirus mehr Aufmerksamkeit gewidmet, wenn sie nicht so gewinngetrieben arbeiten würden? Hat die Weltgesundheitsorganisation viel zu wenig Geld bekommen? Und wäre jetzt alles viel einfacher, wenn nicht kapitalistische Egoisten Mehl und Klopapier horten würden? Der Kapitalismus sorge dafür, „dass unser Verständnis vom Gemeinwohl schwindet“, schimpfte SPD-Vize Kevin Kühnert im Interview mit dem „Spiegel“.

          Bei Kühnert mag das nicht überraschen, doch in diesen Tagen scheinen solche Thesen besonders viel Nachhall zu haben. Selbst kühleren Köpfen gilt als sicher: Wenn nicht der Kapitalismus das Problem ist, dann zumindest der Neoliberalismus oder wenigstens die Globalisierung. Schließlich hätte sich das Virus nie in dieser Geschwindigkeit verbreitet, würden nicht ständig so viele Leute um die Welt fliegen. Und würden wir mehr Atemschutzmasken selbst herstellen, dann hingen wir jetzt nicht von Lieferungen aus China ab.

          Schon bevor das Virus genau verstanden ist, herrscht allenthalben Gewissheit: Die Pandemie wäre halb so schlimm, wenn nur unsere Gesellschaft in sich gekehrter, freundlicher und allgemein besser wäre. Jetzt werden das endlich alle erkennen!

          Wo große Gefühle herrschen, wachsen oft auch große Gedanken. Wohlüberlegt sind sie nicht immer. Gelegentlich ist nicht mal klar, auf welcher Ebene die Kritik ansetzt. Höchste Zeit, das Thema systematisch zu durchdenken.

          Verschärft der Kapitalismus die Corona-Krise?

          Eines steht fest: Corona ist nicht vom Kapitalismus erfunden worden. Aber hat der globale Kapitalismus den Kampf gegen das Virus erschwert? Ebola ließ sich in Afrika auch deshalb leichter eingrenzen als Corona, weil der Kontinent nicht so eng mit der restlichen Welt verflochten war. In China dagegen gibt es einerseits noch Wildtiermärkte wie den in Wuhan, wo das Virus nach aktuellen Schätzungen auf den Menschen übergesprungen ist – und andererseits ist das Land entwickelt genug, um internationale Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen.

          Allein in den ersten Wochen, als die chinesische Regierung die neue Epidemie noch nicht wahrhaben wollte, reisten Tausende aus Wuhan in die umliegenden Länder – und sorgten dafür, dass das Virus nicht mehr zu stoppen war. Die Globalisierung beschleunigt die Ausbreitung von Viren, doch sie beschleunigt auch den internationalen Austausch von Wissen über das Virus. Noch besser wäre es, wenn sie sogar zu internationaler Zusammenarbeit im Kampf gegen das Virus führte.

          Der Kapitalismus bringt neue Medikamente

          Kann man das dem Kapitalismus wirklich zur Last legen? Einer seiner verständigsten Kritiker ist Oliver Nachtwey, Soziologe an der Universität Basel, bekennender Sozialist – und Diplom-Volkswirt. Nachtwey findet: An allen möglichen Stellen fehlen der kapitalistischen Welt Reserven, die sie krisenfester machen. Mehr Geld fürs Gesundheitssystem oder mehr soziale Sicherheit sind für Nachtwey Beispiele, wie die Welt auch für unvorhergesehene Schwierigkeiten besser gerüstet wäre. „Wenn eh fast alles dicht ist, könnte man auch nützliche Dinge tun, zum Beispiel überlegen, was das Ganze mit dem Kapitalismus zu tun hat“, sagte er schon vor zwei Wochen. „Warum die Pharmaindustrie keine Forschung mehr zum Sars-Virus betrieben hat, das den gleichen Stamm wie das Coronavirus hat. Man könnte auch überlegen, warum der Markt weder genug Desinfektionsmittel noch ein ausreichendes Gesundheitssystem geschaffen hat.“ Da spricht Nachtwey echte Mängel im Gesundheitssystem an, die jetzt tatsächlich zum Problem werden.

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          Wer verteidigt in diesen Tagen noch den Markt gegen solche Vorwürfe? Auf jeden Fall Linda Teuteberg, die Generalsekretärin der FDP. Die Brandenburgerin hat noch erlebt, wie schlecht die Krankenhäuser in der DDR waren und wie leer die Regale – auch ohne Hamsterkäufe. „Die Faszination für sozialistische Ideen beruht auf einem Fehlschluss: Die unvollkommenen Ergebnisse der real existierenden Marktwirtschaft werden einfach mit dem idealisierten Bild eines Reißbrett-Sozialismus verglichen“, analysiert sie. „Was schlecht läuft, legt man dem Kapitalismus zur Last. Die Vorzüge nimmt man als gegeben.“ Ganz vorne steht für sie seine Innovationskraft, die zum Beispiel immer wieder neue Medikamente hervorbringt – in der Staatswirtschaft seien die so nicht entstanden. Die Globalisierung dieses Wirtschaftssystems habe dann Milliarden Menschen aus der Armut geholt.

          Warum der Kapitalismus nicht untergeht

          Welche Ansicht wird sich durchsetzen? Ist der Kapitalismus tatsächlich am Ende? Nein, glaubt Francesco Boldizzoni. Es gebe schon Reformdruck, vor allem in Ländern mit wenig sozialer Sicherung wie in den Vereinigten Staaten. Der in Norwegen lehrende Italiener hat die Geschichte des Kapitalismus analysiert. Im Mai veröffentlicht Boldizzoni sein neues Buch „Prognosen vom Ende des Kapitalismus: Intellektuelle Missgeschicke seit Karl Marx“.

          Boldizzoni ist kein Liberaler, aber er zeichnet nach, wie der Kapitalismus seit mehr als 150 Jahren immer wieder totgesagt wird – und trotzdem immer weiterlebt. Er sei einfach das Produkt der westlichen Gesellschaft, resümiert der Wissenschaftler. Sie halte einerseits Hierarchien aus und gebe andererseits dem Einzelnen große Freiheiten. Boldizzonis Analyse zeigt: Es ist nicht so sehr der Kapitalismus, der die Menschen egoistisch macht. Sondern der westliche Individualismus führt dazu, dass hier der Kapitalismus vorherrscht.

          Damit löst sich auch das Rätsel, warum ausgerechnet in der Krise der Staat alles regelt: Die Krise ist nicht die Stunde des Individualismus. Selten unterscheiden sich die Prioritäten der Einzelnen so wenig voneinander wie jetzt. Gesund bleiben, die Krankenhäuser nicht überlasten und dabei das Land möglichst gut am Laufen halten – viel mehr Interessen haben die Leute im Moment nicht, das reicht von Arm bis Reich und von links bis rechts.

          Eine neue Welt entsteht so noch lange nicht. Solidarität und Rücksichtnahme, viel gelobt und für die meisten Utopien unabdingbar, funktionieren nicht mal unter diesen Bedingungen perfekt. Hamsterkäufe und Corona-Partys zeigen schnell, dass auch jetzt noch viele Menschen erst mal an sich selbst denken. Wenn sich die Krise irgendwann wieder beruhigt, werden die Wünsche und Lebensstile schnell wieder auseinanderlaufen. Dann bekommt der Staat die Wirtschaft nicht mehr so gut geregelt.

          Aus Grundsatzmängeln werden Detailprobleme

          Wenn der Kapitalismus aber so gut zur westlichen Gesellschaft passt, dann werden aus angeblichen Grundsatzmängeln des Systems nur Regelungsprobleme im Detail. Die internationalen Lieferketten sind nicht zuverlässig? Da muss man nicht gleich die Globalisierung abschaffen. Oft wird es ausreichen, wenn Unternehmen für ihre kritischen Vorprodukte nicht nur zwei Lieferanten in China haben, sondern vielleicht drei Lieferanten in unterschiedlichen Ländern.

          Pharmakonzerne entwickeln zu wenig Impfstoffe und Antibiotika, die Pandemien verhindern können? Dann müsse der Staat in seinen Verträgen mit den Unternehmen darauf achten, dass auch an solchen Mitteln geforscht wird, findet die linke Ökonomin Mariana Mazzucato. Krankenpfleger haben zu schlechte Arbeitsbedingungen? Vielleicht muss man gar nicht das ganze Gesundheitssystem ändern, womöglich reiche nach der Krise zusätzliches Selbstbewusstsein der Krankenpfleger und ein ganz herkömmlicher Streik, vermutet der Soziologe Oliver Nachtwey. Deutschland fehlt es an Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken? Niemand widerspricht dem Vorschlag, künftig größere Vorräte anzulegen. „Das ist eine Frage des Katastrophenschutzes, und der ist auch für mich als Liberale eine Kernaufgabe des Staates“, sagt FDP-Generalsekretärin Teuteberg.

          Markt ohne Staat? Staat ohne Markt?

          Wahr ist: Niemand will sich in diesen Tagen den Markt ohne den Staat vorstellen. Den Staat ohne den Markt aber vielleicht auch nicht. Die örtlichen Gesundheitsämter sind völlig überlastet. In der Krise schaffen es einige nicht mal, am Samstag und Sonntag noch Infiziertenzahlen zu melden – dabei wären aktuelle Daten wichtig, um über den Umgang mit der Krise zu entscheiden. Auch private Unternehmen der Gesundheitsbranche haben in diesen Tagen viel zu viel zu tun. Sie organisieren aber Dreischichtbetriebe rund um die Uhr, und wo die traditionellen Betriebe es nicht schaffen, da springen eben andere Unternehmen bei. Staubsauger-Hersteller konstruieren Beatmungsgeräte, Matratzenproduzenten nähen Atemschutzmasken, Chemiekonzerne mischen Desinfektionsmittel. Kaum noch zu überschauen sind die Versuche, Corona-Schnelltests auf den Markt zu bringen. Mindestens einer davon wird hoffentlich bald Erfolg haben.

          Deutschland hat ein Mischsystem zwischen Markt und Staat, in dem zwar Krankenhäuser privat betrieben werden, ihre Bezahlung aber weitgehend von staatsnahen Organisationen geregelt wird. An Geldmangel im Krankenhaus ist jedenfalls nicht der Markt schuld. Gleichzeitig steht das deutsche System im Vergleich mit anderen Ländern ganz gut da: Weder das fast komplett privatisierte Gesundheitssystem Amerikas noch der staatliche National Health Service Großbritanniens wirken, als seien sie auf die Krise besser vorbereitet.

          Kaum jemand hat in den vergangenen Jahren so deutlich vor einer neuen Pandemie gewarnt wie der Kapitalist Bill Gates. Doch so laut er rief, so einfach waren seine Forderungen: funktionierende Gesundheitssysteme in armen Ländern, regelmäßige Epidemie-Übungen und Eingreiftruppen von Medizinern, die an Seuchenherden schnell helfen können. Da geht es nicht um einen Systemwechsel, sondern nur um besseres Management.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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