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Corona-Rezession : Was ist jetzt wichtiger: Klimaschutz oder Arbeitsplätze?

Bild: dpa

Europa will mit dem grünsten Konjunkturprogramm der Welt die Wirtschaft wieder aufrichten und den Klimaschutz voranbringen. Doch es gibt da ein Dilemma.

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          Eigentlich fing das Jahr für Martin Kopp gut an. Der Chef eines mittelständischen Heizungsbautriebs im niedersächsischen Helmstedt freute sich darüber, dass neue staatliche Fördergelder für den Austausch alter Heizungen sein Geschäft ankurbelten. „Wir hatten einen richtigen Run im Januar“, berichtet Kopp. Das Spezialgebiet seines Unternehmen sind nämlich Hackschnitzel-Holzheizungen, und die passen bestens zum Förderziel der Bundesregierung, für mehr Klimaschutz beim Wohnen zu sorgen. Nur leider währte die Freude nicht lange. „Dann kam nämlich Corona, und es wurde stiller und stiller“, sagt Kopp.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit das Virus auch in Deutschland zugeschlagen hat, gingen die Kundenanfragen rapide zurück. Überrascht hat das den Handwerker nicht wirklich. In seinem Metier gebe es eine einfache Regel, sagt Kopp: Niedrige Energiepreise sind schlecht fürs Geschäft. „Wenn Erdgas billig ist, dann rechnet sich die Umstellung auf Hackschnitzel weniger.“ Für das Gros seiner Kunden sei nun mal beim Heizen vor allem der Geldbeutel entscheidend und erst in zweiter Linie der Klimaschutzgedanke. Wegen der Corona-Wirtschaftskrise sind die Öl- und Gaspreise auf dem Weltmarkt stark gefallen. Also verzichten viele auf den Einbau einer regenerativen Heizung.

          Die Auftragsflaute des Heizungsbauers aus Helmstedt ist nur eine kleine Facette. Aber sie lenkt den Blick auf eine große Frage: Was bedeutet die Corona-Krise der Weltwirtschaft für eine der längerfristig größten Herausforderungen der Menschheit – den Klimaschutz? Werden wir uns die notwendigen hohen Investitionen für den Klimaschutz überhaupt noch leisten können? Verlieren wir wegen der Wirtschaftskrise von heute die drohende Klimakrise von morgen aus den Augen?

          Den Schaden durch den Klimawandel werden vor allem künftige Generationen tragen müssen, aber die haben heute keine Wählerstimmen. Deshalb haben Politiker einen starken Anreiz, im Zweifel dem Kampf gegen die Corona-Rezession Vorrang gegenüber dem Klimaschutz zu geben. Der Energieökonom Dieter Helm von der Universität Oxford sagt es schonungslos: „Die Leute werden weniger bereit sein, für künftige Generationen zu bezahlen.“

          EU will das grünste Konjunkturprogramm der Welt

          Aber es gibt auch eine andere, optimistischere Sicht: „Wir können diese Pandemie-Krise in eine Chance verwandeln“, verspricht Ursula von der Leyen, die Präsidentin der EU-Kommission. Denn wenn in Europa schon gigantische staatliche Hilfsprogramme aufgelegt werden, um die am Boden liegenden Unternehmen zwischen Neapel und Helsinki wieder aufzurichten, können wir dann mit dem vielen Staatsgeld nicht auch gleich eine neue klimaschonendere Wirtschaft bauen?

          Nächste Woche will die EU-Kommission ihren Vorschlag für das grünste Corona-Wiederaufbauprogramm der Welt veröffentlichen. Auch in Deutschland werben führende Ökonomen für eine Verknüpfung von Konjunkturhilfen und Klimaschutz. Dazu raten etwa der wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums und die Wirtschaftsweisen des Sachverständigenrats. Doch es gibt auch Gegenstimmen. „Meine Befürchtung ist, dass nun in Deutschland und Europa noch viel mehr Geld in ineffiziente Klimaschutzanstrengungen gepumpt wird“, sagt der Magdeburger Umweltökonom Joachim Weimann. „Ich glaube nicht, dass wir die Konjunktur nach Corona in Schwung bringen, indem wir jetzt mit viel Staatsgeld den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien oder den Bau von Elektroauto-Fabriken fördern“, warnt Weimann. Stattdessen müsse Europa beim Klimaschutz sehr viel konsequenter als bisher auf den Handel von Emissionsrechten setzen.

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