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Weltwirtschaftsforum : Der Krieg kommt nach Davos

Trügerische Idylle: In Davos stehen Krieg und Corona im Fokus. Bild: AP

Das Treffen in den Schweizer Alpen steht unter dem Einfluss des Angriffs auf die Ukraine. Daher wird auch keine russische Delegation teilnehmen. Die Premiere im Mai wirft zudem Probleme für Aktivisten auf.

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          Der populärste Teilnehmer des diesjährigen Weltwirtschaftsforums tritt die Reise in die Schweizer Alpen gar nicht an. Wolodymyr Selenskyj wird an diesem Montag für seine Rede vor den Teilnehmern in Davos und den Zuschauern in aller Welt aus Kiew zugeschaltet werden. Ausgeschlossen, dass der Präsident der Ukraine, der seit Kriegsbeginn eisern die Stellung in der schwer umkämpften Heimat hält, ausgerechnet für eine Reise in die malerische Schweizer Bergwelt seinen Kurs ändern könnte. Dennoch werden seine Botschaften an die Welt die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Denn der Angriffskrieg Russlands und seine Folgen drängen mit aller Macht auf die Agenda des 52. Weltwirtschaftsforums, das wegen der Pandemie erstmals im Mai und nicht im Januar stattfindet.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Die Ukraine wird mit einer großen Delegation aus Politikern und Wirtschaftsvertretern vor Ort sein, der gleich mehrere Minister angehören, darunter der populäre Vizepremier und Digital­minister Mychajlo Fjodorow. Auch die Klitschko-Brüder werden vor Ort sein. Dagegen gibt es diesmal keine russische Delegation. Schon im Februar hatten die Organisatoren den Aggressor explizit aus­geladen. Beachtlich für eine Orga­nisation, deren Gründer Klaus Schwab stets die Einstellung vertreten hat, man müsse den Dialog mit allen relevanten Parteien pflegen, und der selbst regel­mäßig persönlichen Austausch mit Putin hatte. Forumsdirektor Alois Zwingli sprach von einer schnellen Entscheidungsfindung. „Für uns war sofort klar: Wir sind solidarisch mit der Ukraine“, sagte er der Schweizer Zeitung „Blick“. Mit einer diplomatischen Friedensini­tiative sei deshalb schon aufgrund der Ab­wesenheit der Russen nicht zu rechnen. Dafür soll aber laut dem früheren Holcim-Manager Zwingli über die humanitären Folgen dieses Krieges gesprochen werden sowie über die Frage, wie ein wirtschaftlicher Wiederaufbau nach dem Ende der Kampfhandlungen aussehen kann.

          Ein Raum für Debatten

          Der Krieg in der Ukraine drängt damit andere, ebenfalls wichtige Themen zwangsläufig ein Stück in den Hintergrund. Dennoch versucht das Weltwirtschaftsforum ein halbes Dutzend drängender Herausforderungen in den Fokus der Veranstaltungen zu schieben: Eng mit dem Kampf gegen die Klimakrise verbunden ist der Wandel der klassischen In­dustrien hin zu mehr Nachhaltigkeit in der Produktion. Fast schon in den Hintergrund geraten ist derzeit die Corona-Pandemie, deren Folgen aber sowohl für den Gesundheitssektor als auch für die Weltwirtschaft enorm sind. Die Frage, woher künftige Wachstumsimpulse kommen sollen, scheint angesichts galoppierender Inflationsraten in vielen Ländern dringender denn je. Nicht nur wegen der Zinspolitik dürfte die Rede von EZB-Präsidentin Christine Lagarde mit Spannung erwartet werden.

          Das Thema der Verteilungsgerechtigkeit schließlich ist nicht nur in vielen Entwicklungsländern aktuell von hoher Bedeutung. Die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam kritisierte im Vorfeld, dass viele Superreiche von der Corona-Krise, etwa durch Aktiengeschäfte, besonders profitiert hätten. Von den fast 2670 Milliardären auf der Welt seien 573 seit Beginn der Pandemie hinzugekommen, hieß es im Vorfeld. Dagegen drohe eine Viertelmilliarde Menschen in extreme Armut abzurutschen. An die Globalisierungskritiker, für die das Treffen in den Alpen traditionell ein rotes Tuch ist, wandte sich auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vor seiner Abreise nach Davos in einer Mitteilung.

          Bei aller berechtigten Kritik biete das Weltwirtschaftsforum auch Raum für kontroverse und kritische Debatten über diese Fragen. Habeck wird an ei­nem Forum zur Energieversorgung und -sicherheit teilnehmen. Für Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wird sein Debüt in Da­vos auch der erste öffentliche Auftritt vor einem internationalen Publikum in seinem Amt sein. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg reisen in die Schweiz. Fehlen wird dagegen US-Präsident Joe Biden, der auf einer Asienreise unter anderem Japan und Südkorea be­sucht. Aus der deutschen Wirtschaft werden Dax-Manager wie Herbert Diess (Volkswagen), Frank Appel (Deutsche Post) oder Christian Klein (SAP) erwartet.

          Dagegen fehlen bekannte Gesichter aus den Reihen der Klimaaktivisten. Allen voran die Schwedin Greta Thunberg, deren Popularität einst in Davos ei­nen großen Schub erlangte. Insgesamt muten die angekündigten Aktivitäten der Aktivisten vergleichsweise bescheiden an. Im Vorfeld war aus deren Reihen die Erklärung zu hören, dies habe mit dem Datum im Mai zu tun: Viele Jugendliche schreiben derzeit ihre Abschlussprüfungen. Dann muss die Weltpolitik warten.

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