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Gesundheitsversorgung : Was steckt hinter der Rekordzahl der Krankenversicherten?

Röntgenbild einer Lunge im Vivantes Klinikum Neukölln. Bild: dpa

Mit 72,7 Millionen Menschen zählen die 112 gesetzlichen Krankenkassen so viele Versicherte wie noch nie. Das hat mehrere Gründe – einer sticht aber besonders heraus.

          Die Zahl der gesetzlich Krankenversicherten ist auf ein neues Rekordhoch geklettert. Mit 72,7 Millionen Versicherten zählten die 112 Krankenkassen laut Bundesgesundheitsministerium 800.000 Kunden mehr als noch am Ende des vergangen Jahres. Der Zuwachs ist fast ausschließlich das Ergebnis der Zuwanderung nach Deutschland - nach dem Abflauen der Flüchtlingswelle hat er sich in diesem Jahr wieder leicht abgeschwächt. Der Saldo der Wechsler aus der und in die private Krankenversicherung, die im Streit um die Bürgerversicherung politisch wieder stärker in den Vordergrund rückt, fällt in dieser Rechnung hingegen nicht ins Gewicht.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Nach letzten Zahlen der Kassen, die das Bundesgesundheitsministerium bestätigte, waren am 1. Dezember 72,7 Millionen Menschen in Deutschland gesetzlich krankenversichert. Dazu zählen die Mitglieder, die eine sozialversicherungspflichtige Arbeit haben, deren mitversicherte Angehörige wie Ehegatten und Kindern sowie all jene Personen, die staatliche Hilfen wie Arbeitslosengeld beziehen. Dazu gehören auch alle anerkannten Flüchtlinge.

          Die Gesundheitskosten von nicht anerkannten Asylbewerbern werden durch den Staat direkt finanziert. Für Bezieher von Hartz IV zahlt der Bund den Kassen einen Zuschuss, der allerdings nicht annähernd kostendeckend ist.

          Zuwanderer weniger krank

          Auch die Zahl der zahlenden Mitglieder in der GKV hat zum Jahresende mit 56,5 Millionen einen neuen Höchststand erreicht. Er liegt laut Daten des Gesundheitsministeriums um 700.000 Mitglieder über dem Vorjahresniveau. Hier schlägt sich auch die seit Jahren gute Lage auf dem Arbeitsmarkt nieder, die in manchen Bereichen bereits zu einem echten Mangel an Arbeitskräften geführt hat. Das wiederum lockt immer mehr Menschen der „stillen Reserve“, etwa Hausfrauen, auf den Arbeitsmarkt, was die Zahl der Mitglieder steigen lässt, aber nicht die der Versicherten, da sie ja vorher beitragsfrei mitversichert waren.

          Die gute Wirtschaftslage zieht auch vermehrt Arbeitskräfte aus dem Ausland an. Bereits im Sommer hatte die Vorsitzende des Kassenverbands, Doris Pfeiffer, auf einen doppelten Effekt durch die jungen Zuwanderer verwiesen, die hierzulande eine Arbeit finden, denn: Die neuen Mitglieder zahlen nicht nur Beiträge, sie sind auch weniger krank als ihre deutschen Altersgenossen. Auswertungen des Kassenverbands zeigten, dass die Ausgaben für sie im Schnitt höchstens halb so hoch ausfielen. Die Zuwanderung ist laut Pfeiffer „ein sehr deutlicher Grund dafür, dass die Ausgaben nicht so stark steigen, wie erwartet“.

          Hinzu komme, ein demographischer Effekt. „Die GKV wächst und altert nicht mehr“, analysierte die Kassenchefin. Schon seit dem Jahr 2014 sei der Altersdurchschnitt der gesetzlichen Krankenversicherten stabil. Die Kassen freuten sich jedes Jahr über Hunderttausende Neuzugänge: 2015 waren es 630.000, 2016 dann 900.000. Im Laufe dieses Jahres wurden dann bis Anfang Dezember 800.000 Neuzugänge registriert.

          Neben der durch die Bundesagentur für Arbeit unterstützen These der starken Arbeitszuwanderung aus der EU spielen weitere Effekte eine Rolle. Hier kommt dann auch die private Krankenversicherung ins Spiel. Denn viele „kleine Selbständige“, die bisher privat versichert waren, nutzen die gute Konjunktur, um besser bezahlte Stellen als Angestellte anzunehmen. Gleichwohl verdienen sie dabei meist zu wenig, um als Angestellte in der Privatversicherung bleiben zu dürfen. Die Verdienstgrenze beträgt in diesem Jahr 4800 Euro im Monat und steigt ab Januar auf 4950 Euro. Nur wer mehr verdient, darf sich privat gegen Krankheit versichern. Alle anderen müssen auf staatliche Anweisung in einer gesetzlichen Kasse sein.

          Zehntausende fallen jedes Jahr weg

          Das gilt auch für Privatversicherte, die zeitweilig unter die Einkommensgrenze fallen, etwa, weil sie Kinder erziehen oder wenn die privatversicherten Kinder nach Ende der Ausbildung (oder ab dem 25. Lebensjahr) sich selbst absichern müssen. Da die – solange sie keine Beamte werden – oft schon aus Gründen des niedrigen Einkommens in die gesetzliche Kasse gehen müssen, verliert die Privatversicherung jedes Jahr mehrere Zehntausend Mitglieder. Diese Wechsel sind demnach staatlich veranlasst, mit dem Wettbewerb um besser Leistungen oder günstigere Preise haben sie nicht zu tun.

          Um ihren Bestand an Kunden zu halten, muss die Privatversicherung diese staatlich verordneten Aderlasse jedes Jahr zumindest ausgleichen. Das fällt ihr umso schwerer, als die Jahrgänge der Dreißigjährigen, aus denen sie ihre Mitglieder in der Regel rekrutiert, aus demographischen Gründen zunehmend schmaler ausfallen.

          Zudem hat die Regierung auch die Versicherungspflichtgrenze in den vergangenen Jahren deutlich erhöht und damit die Abwanderung von der gesetzlichen in die private Versicherung begrenzt. Nach Daten der PKV verließen im vergangen Jahr 130.200 Menschen die PKV Richtung GKV, während 129.100 den umgekehrten Weg einschlugen. Der Nettoverlust von 1100 Kunden an die PKV sei damit der niedrigste seit dem Jahr 2012 gewesen, heißt es in der PKV. Einschließlich der Verluste durch Todesfälle war die Zahl der Kunden 2016 um 14.600 oder 0,2 Prozent gesunken. Die Branche erwartet für das jetzt endende Jahr eine Stabilisierung auf dem Niveau von knapp 8,8 Millionen Krankenvollversicherten.

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