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Lebensmittelverschwendung : Wozu containern?

Im Supermarkt Lestra in Bremen ist Containern erlaubt. Bild: dpa

Den Händlern wird oft Lebensmittelverschwendung vorgeworfen – doch das greift zu kurz. Denn am meisten weggeworfen wird woanders.

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          Boris Burghart ist sich sicher: „Wer verhindert, dass Lebensmittel verschwendet werden, tut nichts Verwerfliches“, sagt der Rechtswissenschaftler, der im Vorstand der Gesellschaft für Freiheitsrechte sitzt. Die finanziert Gerichtsverfahren und hat gerade zwei Studentinnen dabei geholfen, in Karlsruhe eine Verfassungsbeschwerde gegen ihre Verurteilung einzureichen. Die jungen Frauen wurden Anfang des Jahres des Diebstahls schuldig gesprochen, weil sie Obst, Gemüse und Joghurt aus einem Müllcontainer eines Supermarktes in Bayern genommen hatten. Sie hatten den Mülleimer dafür mit einem Vierkantschlüssel geöffnet. Burghart findet: „Containern ist kein Diebstahl.“

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Die Rechtslage ist bislang aber eindeutig: Das sogenannte Containern kann als Diebstahl oder Hausfriedensbruch bestraft werden, auch wenn die Supermärkte die Lebensmittel in die Tonne geworfen haben. Gleichwohl gibt es seit Jahren eine öffentliche Debatte über Lebensmittelverschwendung, in der die Händler häufig im Mittelpunkt stehen. Dabei hat das Thünen-Institut in Braunschweig schon vor vier Jahren ermittelt, dass der Handel an Lebensmittelabfällen den geringsten Anteil hat. Die meisten Abfälle entstehen erst in den Haushalten, dort gibt es auch die meisten vermeidbaren Abfälle. Nur gut vier bis fünf Prozent der in Deutschland entsorgten Nahrungsmittel fallen im Handel an.

          99 Prozent der Lebensmittel werden verkauft

          Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) hält eine Legalisierung des Containerns deshalb auch nicht für zielführend. Die Rewe-Gruppe, zu denen auch die Penny-Discountmärkte gehören, verkauft nach eigener Angabe im Jahresschnitt 99 Prozent ihrer Lebensmittel. Es komme grundsätzlich selten zum Containern, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Weil Lebensmittel im Müll aber verschmutzt sein könnten, die Kühlkette unterbrochen sei oder sich auch schon unsichtbare Schimmelsporen bilden können, seien die Mitarbeiter angehalten, die Müllcontainer zu sichern. Auch Aldi Süd teilt auf Anfrage mit, dass Containern „nicht geduldet“ werde.

          Auch mal an der Milch riechen

          Anfang 2019 hat die Bundesregierung eine Strategie zur Lebensmittelverschwendung verabschiedet, wonach die Lebensmittelabfälle bis 2030 halbiert werden sollen. Erst in dieser Woche wurde ein Dialogforum für den Groß- und Einzelhandel gegründet. Das Landwirtschaftsministerium fördert zudem eine Online-Plattform, auf der die Kommunikation von Lebensmittelhändlern und der Tafel vereinfacht werden soll. Die Händler arbeiten nämlich seit Jahren mit den Tafeln zusammen, Rewe etwa schon seit 1996. Dort landen die meisten der Produkte, die von den Händlern nicht mehr verkauft werden. Gleichwohl versuchen sie auch mit immer mehr Hinweisen die Verbraucher zu sensibilisieren: So hat Aldi Süd auf seine Milchprodukte eine Aufforderung gedruckt, dass Kunden ruhig riechen sollen, ob die Milch noch gut ist – und sich nicht nur vom Mindesthaltbarkeitsdatum leiten lassen.

          Viele Händler reduzieren zudem die Preise, wenn das Verfallsdatum näher rückt, Edeka hat eine interne Warenbörse für verderbliche Produkte für Kaufleute angelegt. Geforscht wird nicht nur in Ministerien und Handelszentren: Gemeinsam mit schwedischen, finnischen und norwegischen Forschern arbeitet die Fachhochschule Münster an Strategien, wie Lebensmittelabfall als Rohstoff für die weiterverarbeitende Industrie verwendet werden könnte. Gerade in der Abkehr von fossilen Rohstoffen ist das etwa für die chemische Industrie interessant.

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