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Was geschah beim Dinner? : Die Nacht, die alles veränderte

Sarkozy will einen permanenten Rettungsmechanismus, der Milliarden an die Länder verteilt, „ohne dass irgendjemand von uns zu Hause um parlamentarische Zustimmung bitten muss.“ Das war die No-bail-out-Klausel. Die Haftung des Euro-Clubs ist da. Merkel will den Schirm auch aufspannen, strittig ist nur seine Größe. Später sagt sie, ob die Bürgschaften 50 oder 70 Milliarden schwer seien, mache keinen Unterschied. Sie habe an größere Summen gedacht. Der Schirm wird 750 Milliarden Euro groß.

Die erste Säule der Währungsunion ist gefallen. Jetzt setzt Sarkozy bei der zweiten an: der EZB. Die Zentralbank muss unabhängig sein, das war die Bedingung der Deutschen für die Aufgabe ihrer geliebten Mark. Die Unabhängigkeit der Bundesbank war legendär. Als Finanzminister Theo Waigel einst nach ihrem Gold griff, brach ein Sturm der Entrüstung los. Ihre Zentralbank ist den Deutschen heilig. Eine Debatte über den Griff der Regierenden nicht nach Gold, sondern gleich nach der gesamten EZB wäre ein Albtraum, weiß Merkel. Das könnte weit mehr Ärger bedeuten als ein paar verlorene Prozentpunkte bei der NRW-Wahl, die ohnehin verloren ist.

Sarkozy sieht die Sache mit der Unabhängigkeit weniger eng. Er verspreche, setzt der Franzose an, außerhalb dieses Raums werde er niemals solche Worte im Munde führen: Aber die EZB müsse der amerikanischen Federal Reserve und der Bank of England folgen und faule Staatsanleihen aufkaufen. Das Tabu ist gebrochen.

Der Italiener Berlusconi, der Portugiese Sócrates und der Spanier Zapatero sagen ihre Sätze zur Unterstützung auf, so wie Sarkozy es nachmittags aufgetragen hat. „Zumindest auf dem Zweitmarkt sollte die EZB Anleihen kaufen“, sagt Berlusconi. Zapatero beteuert, mehr in Spanien zu sparen: „Aber die Märkte glauben uns nicht.“

EZB-Präsident Trichet ist außer sich. Die Staaten befehlen der Zentralbank - unfassbar. Trichet denkt an die Chefs der nationalen Notenbanken, die im EZB-Rat sitzen. Er ist nicht gänzlich gegen Anleihekäufe, aber entstünde der Eindruck, die Politik gebe ihm Befehle, werde der Rat Amok laufen und Anleihekäufe ablehnen. Bundesbank-Chef Axel Weber, weiß Trichet, wird so oder so gegen die Aktion stimmen. „Wir brauchen und werden nicht um Ihre Erlaubnis fragen“, wütet Trichet. Sarkozy ruft dazwischen, aber immer weniger hören ihm zu: „Die EZB muss wissen was wir denken.“ „Nein“, donnert es aus Merkels Richtung. „Lassen Sie die EZB in Ruhe. Wir vertrauen ihnen.“

Was heißt das? Ist Merkel dagegen, dass die Zentralbank Anleihen kauft? Oder ist sie dafür und will nur den Anschein der Unabhängigkeit der Zentralbank aufrechterhalten? Als Merkel eine Agenturmeldung gereicht bekommt, nach der Kommissionspräsident Manuel Barroso öffentlich die EZB zum Kauf gedrängt habe, putzt sie ihn vor versammelter Mannschaft herunter.

Heikel ist der Satz, den eine Quelle Ludlows beim Abschied der Kanzlerin von Trichet gehört haben will: „Wir haben völliges Vertrauen, dass Sie tun werden, was Sie tun müssen.“ Das klingt dann schon gar nicht mehr so viel anders als bei Sarkozy. Im Saal des achten Stocks ist der mit seiner billigen Attacke gescheitert, doch letztlich sind seine Wünsche wahr geworden. Sarkozy lässt sich auf einer eigenen Pressekonferenz feiern, sagt, die Notbeschlüsse gingen zu „95 Prozent auf französische Vorstellungen“ zurück.

Auf dem Weg zur Limousine spricht Merkel keine vier Sätze. Zeit ist teuer. Gerade hat sie welche gekauft, für 750 Milliarden Euro. Und reichen wird das nicht.

Freitag, 18 Uhr: Das Dinner geht später los. Auf den Fluren wird noch gekungelt. 21 Uhr, die Attacke beginnt. „Die EZB muss wissen, was wir denken“, ruft Sarkozy. „Lassen Sie die EZB in Ruhe“, donnert Merkel. Sie will wenigstens den Schein wahren.

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