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Was geschah beim Dinner? : Die Nacht, die alles veränderte

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet kommt an - er ahnt Böses.
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet kommt an - er ahnt Böses. : Bild: ullstein bild

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat hinter sich Tafeln aufstellen lassen. Die Zinskurven der vergangenen Tage sind zu sehen. Trichet sagt ein Wort, das auch den letzten im Raum klarmacht, dass es heute Abend nicht wie vorgesehen nur um die Griechen geht: Lehman.

Die Situation sei vergleichbar mit der im September 2008, als die New Yorker Investmentbank kollabiert war, sagt Trichet. Die Staaten müssten schleunigst ihre Finanzen in den Griff kriegen. Die EZB habe getan, was sie konnte, endet Trichet in einem emotionalen Statement. Die Zentralbanker hätten die Inflation niedrig gehalten, obwohl sich in manchen Staaten die Löhne seit der Euroeinführung mehr als verdoppelt hätten. Die EZB habe ihre Aufgabe erfüllt, wettert ihr Präsident, obwohl überall im Süden die Staaten ihre Ausgaben hätten explodieren lassen. Trichet redet sich in Rage. Er weiß, was Sarkozy vorhat, er schickt seinem Landsmann einen Satz von schonungsloser Offenheit: „Wir haben erledigt, was zu erledigen war. Sie sind es, die Mitgliedstaaten, die versagt haben, ihre Pflichten zu erfüllen!“

Nur Zypern mahnt zur Ruhe

Im Raum bricht sich ein Gefühl Bahn, das noch prägend sein wird für diese Krise: Kontrollverlust. Die Märkte hocken wie ein unsichtbares Monster in der Zimmerecke im achten Stock. Noch 56 Stunden, dann öffnet die Börse in Tokio. Dann könnten die Spekulanten den Euro gänzlich kaputtschießen, das ist die Furcht im Saal. Die Menschen hier sind nur noch eingeschränkt souverän, sie sind Getriebene, zumindest halten sie sich dafür. In der kommenden Woche wird Merkels Entourage die Lesart verbreiten, die Kanzlerin habe in diesem Raum, in dieser Mainacht geraten, die Antwort auf die Krise überlegt anzugehen. Das ist unverfänglich und wirkt nicht hilflos. Die Informanten des Historikers Ludlow erinnern sich jedoch anders an die Kanzlerin. Ausgerechnet der Präsident Zyperns, jenes Landes, das drei Jahre später ebenfalls gerettet wird, mahnt demnach als Einziger zur Ruhe. „Ein paar Tage“, schlägt Zyperns Vertreter vor, sollte sich die Runde Zeit zum Nachdenken nehmen. Merkel schneidet ihm das Wort ab: „Wir haben keine paar Tage. Wir müssen zeigen, was wir vorhaben, bevor die Märkte am Montag öffnen.“ Später wird Merkel mit einem Satz zitiert, der stark ans ihr Wort von der „Alternativlosigkeit“ erinnert: „Wir haben nur einen Schuss.“

Aber worauf? Was soll abgeschossen werden, damit die Börsenmakler glauben, dass die EU es ernst meint mit der Euro-Rettung zu jedem Preis? Dass sie bereit ist, notfalls Gesetze zu brechen? Das ist die Frage. Und Sarkozy gibt die Antwort. Jetzt wird nicht mehr in Hinterzimmern gekungelt. Jetzt geht es offen in die Schlacht, hier am Tisch im achten Stock.

Sarkozy sei „nervös, ungestüm und ohne Selbstzweifel“, schrieb einst sein Amtsvorgänger Jacques Chirac. An diesem Abend will er Geschichte schreiben. „Melodramatisch“, finden die Anwesenden, legt Le Président de la République los: „Die Europäische Union könnte explodieren“. Griechenland? Schnee von gestern. Jetzt stehe ganz Europa auf dem Spiel.

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