https://www.faz.net/-gqe-78wgh

Was geschah beim Dinner? : Die Nacht, die alles veränderte

Sarkozy und der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi.
Sarkozy und der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. : Bild: Ullstein bild

Auch der Brite Peter Ludlow ist kein ganz unabhängiger Kopf. Der Geschichtsprofessor lebt seit dreißig Jahren in Brüssel. Er war Gründungsdirektor des „Centre for European Policy Studies“ und ist von der Idee eines geeinten Europas überzeugt. Aber Ludlow ist auch Brüssels Insider schlechthin. Nach jedem Gipfel spricht der Historiker mit jenen, die zumindest in zweiter Reihe dabei waren - und schreibt einen Essay. Am Abend des 7. Mai hatten die Staatschefs anders als sonst jeder einen persönlichen Helfer hinter sich sitzen: die Nacht ist die Mutter aller Euroschlachten. Nach ihr gelten die Prinzipien der Währungsunion nicht mehr, an ihre Stelle war die Zahl von 750 Rettungsmilliarden gerückt.

Sarkozy will die Südländer geschlossen in die Schlacht führen

Der Ärger von Juncker zu Sitzungsbeginn ist der Anfang einer erbitterten Debatte zwischen Europas armem Süden und dem reichen Norden. Juncker ist Norden. Als Mitglied des Europäischen Rats, sagt er, erwarte er etwas anderes, als über die Medien erfahren zu müssen, worüber die Staatschefs in ihren Klüngelrunden verhandeln. Das geht gegen Sarkozy.

Der Franzose hat an diesem Tag schon einen Termin mit dem portugiesischen Ministerpräsidenten José Sócrates in Brüssel hinter sich. Das Treffen war lange geplant. Als klar ist, dass Freitag wieder Gipfel-Tag ist, verabreden sich die beiden Staatschefs in der EU-Hauptstadt. Das passt gut, weil Sarkozy einen Plan hat: Er will die Südländer der Union, die sogenannten „Olivenstaaten“, am Abend geschlossen in die Schlacht um den Euro führen.

Noch in der Nacht feiert sich Sarkozy vor der Presse als Sieger.
Noch in der Nacht feiert sich Sarkozy vor der Presse als Sieger. : Bild: picture alliance / dpa

Das erste Ziel des Angriffs ist die so genannte „No-bail-out-Regel“: Kein Mitgliedstaat oder die EU als Ganzes darf für die Schulden anderer Mitgliedstaaten haften. Zum Teil ist diese Regel schon gefallen, doch die kollektive Haftung des Euro-Clubs gibt es noch nicht. Das zweite Prinzip, ebenso zum Abschuss freigegeben, ist die Unabhängigkeit der EZB. Diese soll fallen, so will es Sarkozy. Die Währungshüter sollen massenhaft griechische, spanische, portugiesische Anleihen kaufen. Das wäre dann direkte Staatsfinanzierung, ein weiteres Tabu, das Deutschland eingefordert hat, bevor Helmut Kohl die D-Mark aufgab.

Wenn die EZB nicht von sich aus Anleihen kaufe, müsse sie eben dazu gezwungen werden, findet Sarkozy. Von ihm. Von Berlusconi, mit dem Sarkozy nach Sócrates konferiert. Vom spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero, mit dem sich Sarkozy als Drittes trifft. Auch mit Van Rompuy spricht Sarkozy.

Der Ratspräsident erstarrt, als Juncker die Geheimdiplomatie offen auf den Sitzungstisch pfeffert. Kein Wort bringt er mehr hinaus. Sarkozy stört die Schelte wenig. Er, das ist jedem hier im Raum klar, ist der Anführer der Olivenstaaten. Gleich kann die Attacke beginnen. Zunächst legt der Grieche Papandreou seine miese Lage dar. Besser: die Niederlage. Die Rendite zehnjähriger griechischer Staatsanleihen ist am Vormittag durch die Decke gegangen. Griechenland bekommt von den Märkten kein Geld mehr. Die Rettungsmilliarden haben nicht geholfen. Papandreou spricht nüchtern, seine Fakten sind grauenvoll. An Dantes Inferno fühlt sich einer der Zuhörer erinnert: die neun Höllenkreise aus der Göttlichen Komödie zur Verdammnis jener, die für ihre Sünden verurteilt sind. In der Hölle ist noch viel Platz.

Weitere Themen

NRA beantragt Gläubigerschutz Video-Seite öffnen

Waffenlobby : NRA beantragt Gläubigerschutz

Die einflussreiche Waffenlobbyorganisation National Rifle Association geht in den Konkurs. Damit will die NRA nach eigenen Angaben einem drohenden Auflösungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft an ihrem Sitz in New York entgehen

Topmeldungen

Anstehen für den Sauerstoff: Nach dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems in der Amazonas-Metropole Manaus hat Brasiliens Luftwaffe Sauerstoff geliefert.

Corona-Krise in Brasilien : Wo Sauerstoff zur Luxusware wird

In Brasiliens Amazonas-Metropole Manaus ereignen sich dramatische Szenen. Die Krankenhäuser sind überlastet, Särge werden abtransportiert, Patienten ausgeflogen – und der Preis für Sauerstoff schnellt hoch. Im Volk regt sich Unmut.
Ganz schön neblig: Der Covid-19-Impfstoff muss in Spezialkühlschränken aufbewahrt werden bei mehr als eisigen Temperaturen.

Corona-Impfung : Was man über mögliche Nebenwirkungen weiß

In Deutschland wird gegen Covid-19 geimpft. Die Impfstoffe sind neu und vielen nicht geheuer, sie fürchten gar Langzeitfolgen. Dabei ist über unerwünschte Begleiterscheinungen der Spritze schon viel bekannt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.