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Enttäuschte Erwartungen : Japanische Geldpolitik nach Chamäleonart

Haruhiko Kuroda experimentiert viel in seiner Geldpolitik, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Bild: AFP

Mit einem Paukenschlag begann Japans Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda 2013 eine aggressive quantitative Lockerung. Im Laufe der Jahre ändert er seine Strategien. Großer Erfolg damit bleibt ihm bisher verwehrt.

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          Zum historischen Tag macht die Bank von Japan keine Schlagzeilen. In der kommenden Woche wird Japans Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda der am längsten amtierende Zentralbankchef des Landes. Mit aggressiven Ankäufen von Staatsanleihen war Kuroda 2013 angetreten, um dem Land die Deflation auszutreiben. Doch nach achteinhalb Jahren begeht die Bank das Jubiläum unspektakulär. Am Mittwoch ließ sie die expansive Geldpolitik unverändert und beschloss wie erwartet ein kompliziertes „grünes“ Kreditprogramm, um Unternehmen beim ökologischen Umbau zu helfen. Große Worte waren damit nicht mehr verbunden.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der Unterschied zwischen dem geldpolitischen Paukenschlag 2013 und der bescheidenen Nüchternheit heute verdeutlicht, wie sehr die Bank von Japan die Erwartungen enttäuscht hat. „Die vergangenen Jahre haben bewiesen, dass die Geldpolitik nicht effektiv war, um die wirtschaftlichen Probleme Japans zu lösen“, sagt Martin Schulz, Chefökonom von Fujitsu. Wichtigster Indikator dafür ist, dass die Bank ihre selbst gesteckten Ziele meilenweit verfehlt hat. Das Inflationsziel von 2 Prozent, das Kuroda binnen zwei Jahren erreicht haben wollte, liegt in weiter Ferne irgendwann nach 2023. Immerhin erkennt die Bank heute keine deflationären Tendenzen mehr in der Wirtschaft. Das Wachstum erwartet sie in diesem Jahr als Gegenreaktion zum Pandemie-Einbruch mit fast 4 Prozent. Mittelfristig soll es aber wieder auf knapp über 1 Prozent sinken. Eine dauerhafte Wachstumsverbesserung hat die expansive Geldpolitik nicht gebracht.

          Neue Manöver

          Kuroda trat an zu einer Zeit, in der der Vorsitzende der amerikanischen Federal Reserve, Ben Bernanke, die Finanzmärkte durcheinanderwirbelte mit der Idee, die Anleihekäufe zu verringern. In Europa wütete die Eurokrise, und der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, versprach zu tun, „was immer nötig ist“, um den Euro zu retten. In dieser Gemengelage begann Kuroda mit dem in den Worten von Schulz „größten makroökonomischen Experiment“. Der Japaner setzte auf drastische quantitative Lockerung und wollte die Geldbasis binnen zwei Jahren verdoppeln. Der Yen wertete ab, die Anleger in Aktien jubelten, die Gewinne stiegen, doch die Erholung blieb wackelig, und Inflationsdruck kam nicht recht auf.

          Bild: F.A.Z.

          Wie ein Chamäleon wechselte Kuroda drei Jahre später von der quantitativen Steuerung zu negativen Zinsen und überraschte mit der neuen Zinskurvenkontrolle, als die Marktverzerrungen durch die Käufe von Anleihen und Wertpapieren größer wurden und sich Grenzen der quantitativen Expansion abzeichneten. Seit 2020 pumpt die Bank von Japan in einem Sonderprogramm Kredite in die Wirtschaft, um von der Pandemie betroffene Unternehmen zu unterstützen. Das hat die Bilanz der Zentralbank noch einmal drastisch geweitet. Alle Ausleihungen der Bank beliefen sich zuletzt auf 133 Billionen Yen (eine Billion Euro).

          Kuroda habe alle Instrumente in seinem Arsenal genutzt, um Nachfrage und Wachstum zu stützen, kommentiert der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard. „Das war nicht genug, um die Inflation zurückzubringen. Aber es ist das meiste, was die Bank tun konnte.“

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