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Schlange stehen : Warten im Kapitalismus

Niemand steht gerne in der Warteschlange, oder? Bild: plainpicture/Viviana Falcomer

Seit dem Untergang der DDR mussten wir nirgends mehr anstehen. Jetzt geht es wieder los – im Restaurant, auf dem Flughafen, überall. Wie konnte es so weit kommen?

          7 Min.

          Viele Wochen im Voraus hatten wir reserviert für das Restaurant in Harlem, in einer Gegend, in die wir uns bei unserem ersten New-York-Besuch vielleicht noch gar nicht hineingetraut hätten. Und natürlich dachten wir, die Vorbestellung sichere uns einen Tisch, ganz so wie es auch in Berlin früher einmal gewesen war. Aber der Anruf garantierte nur einen Platz in der Warteschlange. Für die folgenden zwei Stunden hatten wir uns mit dem Vorraum zu begnügen. Den Durchgang zum Speisezimmer bewachte eine Dame, die eigens fürs Besänftigen der Wartenden eingestellt worden war. Während des Ausharrens gab es Live-Musik, nicht einmal die schlechteste, aber den Hunger stillte das nicht.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Klar, als Geheimtipp geht das „Red Rooster“ längst nicht mehr durch, und Marcus Samuelsson, der schwedisch-amerikanische Küchenchef äthiopischer Abstammung, ist alles andere als ein Unbekannter. Müsste man sich nur hier ganz hinten anstellen, wäre die Welt noch in Ordnung. Aber jeder, der zuletzt einmal in New York gewesen ist, weiß: In der Stadt verbringt man seine halbe Lebenszeit in Warteschlangen. Es beginnt bei der Einreise am Flughafen, es setzt sich beim Museumsbesuch fort, selbst für das schnöde Gebräu der Kaffeehaus-Kette Starbucks muss man sich einreihen.

          Comeback der Warteschlange

          Und nicht nur das: Rings ums Warten ist eine ganze Industrie entstanden. Der Beruf des Warteschlangen-Managers oder der -Managerin (oft sind es Frauen) ist ein wachsendes Metier, nicht nur in Restaurants gibt es sie. Überall ordnen, beruhigen, deeskalieren sie, ob es nun am Airport ist oder im Museum of Modern Art. Längst bieten sich auch Dienstleister an, die den Platz beim Anstehen freihalten, also ihre vergleichsweise kostengünstige Zeit an Besserverdienende verkaufen. In Disneyland, so ist zu hören, werden bereits die Wartenden mit einem Unterhaltungsprogramm bespaßt.

          Längst ist das Phänomen auch nach Deutschland geschwappt. Wochenendtermine in mittelprächtigen Berliner Restaurants müssen bisweilen drei Monate im Voraus reserviert werden, vor Dönerbuden aus dem „Lonely Planet“-Reiseführer reicht die Warteschlange bisweilen um den halben Häuserblock, der Frankfurter Flughafen beschäftigt jetzt ebenfalls Personal zum Besänftigen der Wartenden, weil es an Bewerbern für die Sicherheitskontrolle selbst oft fehlt. Ganz zu schweigen von altbekannten Ärgernissen wie der Hotline bei der Autovermietung, dem Anstehen auf dem Postamt oder im Reisecenter der Bahn, das anders als ähnlich überlastete Facharztpraxen keine Termine im Voraus vergibt. Nur bei den lange kritisierten Bürgerämtern der Hauptstadt läuft es inzwischen wie geschmiert.

          Wie aber kommt es, dass ausgerechnet im hochentwickelten Kapitalismus die Warteschlange zurückkehrt, als eine Untote gewissermaßen, die doch vor drei Jahrzehnten mit dem real existierenden Sozialismus untergegangen schien? Dass diese Wiederauferstehung ausgerechnet in den Vereinigten Staaten ihren Ausgang nahm, dem Land, in dem einer verbreiteten Annahme zufolge doch mehr als andernorts das Geld den Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage herstellen sollte? Und das in einer Zeit, die durch allumfassende Beschleunigung geprägt ist, wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa schon vor 15 Jahren konstatierte?

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