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Steigende Zinsen : Warum sich der deutsche Finanzminister weniger Sorgen um Griechenland macht

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Christian Lindner in Athen im Gespräch mit dem griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis Bild: EPA

Die EZB erhöht demnächst die Leitzinsen und fährt die Anleihekäufe weiter zurück. Während Italien in den Fokus rückt, ist Griechenland dank seiner Schuldenstruktur weniger gefährdet.

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          Im Jahr 2014 war zum letzten Mal ein deutscher Finanzminister in Griechenland. Wolfgang Schäuble (CDU) war infolge der Eurokrise in Athen zum Inbegriff der verhassten Sparpolitik und von oben erzwungener Reformen geworden. Acht Jahre später besucht Christian Lindner, gerade ein halbes Jahr im Amt, die griechische Hauptstadt. Er will es anders machen, Wogen glätten, Gräben zuschütten. Demonstrativ lobt der FDP-Chef am Dienstag in Athen die Regierung des südeuropäischen Landes, die in den vergangenen Jahren Veränderungen auf den Weg gebracht und die Staatsfinanzen stabilisiert hat. Zumindest bis die Coronavirus-Pandemie kam.

          „Die griechische Regierung hat große Anstrengungen unternommen“, sagt Lindner. „Das findet unsere ausdrückliche Würdigung.“ Für Griechenland ist es eine wichtige Woche. Am Donnerstag werden die europäischen Finanzminister aller Wahrscheinlichkeit nach beschließen, die verstärkte Überwachung der Reformfortschritte zu beenden. „Das ist ein sehr positives Signal“, so Lindner. Dann gibt es nur noch reguläre Checks.

          Also alles gut? Bei weitem nicht. Griechenland hat mit 193 Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung noch immer den höchsten Schuldenberg aller Mitgliedsländer der Währungsunion. Wenn die Zinsen steigen, so teilweise die Befürchtung, könnte dies zum Problem werden. Wird es aber nicht, sagen viele Griechenland-Kenner und auch Finanzminister Lindner, der sonst häufig betont, die Schulden in Europa müssten sinken.

          „Wirtschaft entwickelt sich recht positiv“

          Kurzfristig gebe es keinen Anlass zur Sorge, sagt Lindner. Er verweist auf die Struktur der griechischen Schulden, die sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat. „Dass die sehr hohen Staatsschulden auch bei steigenden Zinsen finanzierbar sein dürften, liegt vor allem an den gewährten Hilfen der Staatengemeinschaft“, erklärt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „So werden mehr als 60 Prozent der griechischen Staatsschulden von öffentlichen Gläubigern außerhalb Griechenlands gehalten. Außerdem haben die Kredite einen festen Zinssatz und mit durchschnittlich 18,2 Jahren eine sehr lange Laufzeit.“ Nur rund 26 Prozent würden innerhalb der nächsten fünf Jahre fällig. „Die Refinanzierung der Staatsschulden wird durch die gestiegenen Zinsen also nur wenig verteuert.“

          Zu diesem Ergebnis kommt auch der Griechenland-Kenner Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Ein Großteil der griechischen Schulden sei sogar auf 50 Jahre bis 2070 angelegt. „Das sorgt für etwas Ruhe. Deswegen ist das Risiko derzeit begrenzt, auch weil sich die Wirtschaft recht positiv entwickelt.“

          Die Europäische Zentralbank (EZB) will im Juli die Zinsen wieder anheben. Das dürfte Länder unter Druck setzen, die bald größere Teile ihrer Anleihen refinanzieren müssen. In Griechenland ist der Schuldenstand in der Pandemie zwar auch sprunghaft gestiegen, das Land muss aber erzwungen von seinen Geldgebern in der Regel ohne Primärdefizite auskommen – also einen ausgeglichenen Haushalt vor Bedienung von Zinsen vorlegen. Das gehe, weil bei großen Investitionen noch der europäische Corona-Wiederaufbaufonds zur Verfügung stehe, so Kritikos. Wichtig sei die Inflation, die gegenwärtig bei rund acht Prozent liege. „Das hilft natürlich hoch verschuldeten Ländern, denn dadurch sinkt die reale Schuldenlast. Allerdings kann die hohe Inflation auch Hilfen für ärmere Bevölkerungsschichten nötig machen, was wiederum zu Neuverschuldung führen könnte, die Griechenland eigentlich vermeiden will.“ Dann könnten sich die höheren EZB-Zinsen doch noch negativ auswirken.

          Commerzbank-Ökonom Krämer wiederum sagt, 2022 sei noch ein Sonderjahr. „Für das kommende Jahr ist bereits wieder ein Haushaltsüberschuss vor Abzug der Zinszahlungen geplant. Dabei hilft, dass die griechische Wirtschaft wieder in die Wachstumsspur zurückgefunden hat. Inzwischen wurde der Corona-bedingte Einbruch mehr als wettgemacht.“ 2022 sei trotz aller Probleme immer noch ein Wirtschaftswachstum von mehr als drei Prozent zu erwarten. Der inländische Konsum hatte sich zuletzt als Stütze erwiesen. Ab dem Frühjahr rechnen Experten mit einem Schub im Tourismus.

          An den Finanzmärkten sind die Unterschiede zwischen Deutschland und hoch verschuldeten südeuropäischen Staaten zuletzt wieder größer geworden. Beispiel Griechenland: Zum Höhepunkt der Staatsschuldenkrise im März 2012 hatten die Renditeaufschläge zehnjähriger griechischer Staatsanleihen zu vergleichbaren Bundestiteln ein Rekordhoch von gut 32 Prozentpunkten erreicht. In den darauffolgenden Jahren gingen die sogenannten Spreads aber kontinuierlich zurück, bis sie im Sommer 2021 dank der Wertpapierkäufe der EZB zur Bekämpfung der Pandemie-Folgen ihren bisherigen Tiefstwert von weniger als einem Prozentpunkt markierten. Seither sind die Risikoaufschläge wegen der anziehenden Inflation und der erwarteten Zinserhöhungen auf aktuell etwa drei Prozentpunkte gestiegen. Deutschlands Kassenwart Lindner sagt, das könnte mit der Zeit zum Problem werden. Deswegen müsse es das Ziel sein, die Schulden zu reduzieren und dauerhaft tragfähig zu machen.

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