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Wettstreit um Talente : Deutschland verliert seine Einsteins

  • -Aktualisiert am

Albert Einstein kritisiert im Februar 1950 im amerikanischen Fernsehen das Wettrüsten zwischen Washington und Moskau. Bild: AFP

Warum kommen Google, Amazon und Facebook nicht aus Deutschland? Das hat auch zu tun mit den Chancen, die Mädchen oder Kinder in armen Elternhäusern haben. Ein Gastbeitrag.

          Warum kommen Google, Amazon und Facebook nicht aus Deutschland? Eine typische Antwort auf diese Frage ist Deutschlands unversöhnliche Haltung gegenüber dem Scheitern. Während in den Vereinigten Staaten Scheitern als Nebenprodukt des Erfolgs angesehen wird, wird das Scheitern in Deutschland nie verziehen.

          Aber es gibt einen weiteren, viel beunruhigenderen Grund für das Fehlen von Hightech-Unternehmen in Deutschland: die verlorengegangenen Einsteins, die potentiellen Pioniere, die aus den talentiertesten Kindern aus benachteiligten Elternhäusern hätten hervorgehen können.

          In einem Bericht der Industrieländerorganisation OECD bescheinigt diese Deutschland mit die niedrigste soziale Mobilität in der OECD. Der Bericht zeigt, dass der elterliche Hintergrund entscheidend für das Erreichen des sozialen Status in der nächsten Generation ist.

          Deutschland weist eine Elastizität der intergenerationellen Mobilität von 50 Prozent auf. Das bedeutet: Hat ein Vater ein doppelt so hohes Einkommen wie ein anderer, verdient der Sohn von ersterem Vater 50 Prozent mehr als der Sohn des anderen Vaters. Je höher diese Elastizität, desto größer ist die Einkommensbeständigkeit über die Generationen hinweg und umso niedriger die soziale Mobilität. Die OECD weist im Durchschnitt eine Elastizität von 38 Prozent auf. Auch scheint die soziale Mobilität in der jüngsten Generation X sogar abgenommen zu haben.

          Weniger Mädchen als Jungen

          Ungleichheit in den Möglichkeiten ist zutiefst unfair. Aber die soziale Mobilität einer Gesellschaft sollte uns auch aus einem anderen Grund nicht kaltlassen: Sie bestimmt die Innovationsrate und damit das Wachstum eines Landes. Die Ungleichheit in den Möglichkeiten bestimmt die absolute Anzahl von Erfindern, die ein Land hat.

          In einer bahnbrechenden neuen Forschung untersucht Raj Chetty von der Harvard Universität mit Big Data, wer Erfinder wird. Chetty verbindet Daten von 1,2 Millionen Erfindern in den Vereinigten Staaten, deren und deren Eltern Einkommen, ihre Schulbildung und deren Testergebnisse in Mathematik.

          Als erstes Ergebnis hat er gefunden, dass aus Haushalten mit einem Einkommen unter dem mittleren Einkommen nur 0,84 Erfinder pro 1000 Kindern entstehen. Bei jenen der Top 1 Prozent der Einkommen sind es 8, 3 Erfinder pro 1000 Kinder.

          Warum variiert die Anzahl der Erfinder mit dem Einkommen der Eltern? Eine Möglichkeit ist, dass Kinder aus reicheren Elternhäusern einfach fähiger sind. Um dies auszuschließen, betrachtete Chetty nur die begabtesten Kinder: jene mit den 10 Prozent besten Testergebnissen in Mathematik.

          Aus den Kindern mit Top-Mathematiknoten aus armen Elternhäusern gehen nur drei Erfinder (pro 1000 Kinder) hervor, aus Kindern mit Top-Mathematiknoten aus reichen Elternhäusern hingegen sieben. Ähnlich diskrepante Ergebnisse erhielt er für das Geschlecht und für Minderheiten. Aus den Mädchen mit Top-Mathematiknoten gehen nur zwei Erfinderinnen (pro 1000 Mädchen) hervor, verglichen mit sechs Erfindern unter Jungen mit Top-Mathematiknoten.

          Mangel an Talenten

          Was erklärt diese Differenz? Um das herauszufinden, untersuchte Chetty den Einfluss der Umwelt in der Kindheit, wie die Nachbarschaft. Dabei entdeckte er, dass in Bezirksgemeinden, in denen mehr Innovationen stattfinden, die Anzahl der Erfinder pro 1000 Kinder deutlich höher ist. Er zeigt auch, dass die oben beschriebene Innovationskluft zwischen den Geschlechtern halbiert würde, wären Mädchen derselben Anzahl weiblicher Erfinder ausgesetzt wie Jungen männlichen Erfindern.

          Chetty hat berechnet, dass sich die Innovationsrate der amerikanischen Wirtschaft vervierfachte, wenn es gelänge, Mädchen, Kinder von Minderheiten und aus armen Elternhäusern mit der gleichen Rate zu Erfindern zu machen wie Jungen aus reichen Familien. Das ist eine bahnbrechende Erkenntnis.

          Was kann Deutschland daraus lernen? Chettys Arbeit legt nahe, dass Deutschland einen hohen Preis für seine geringe soziale Mobilität zahlt: einen Mangel an Hightech-Unternehmen. Eine Umfrage unter deutschen Start-ups ergab, dass der Mangel an Talenten als eines der größten Hindernisse in der Start-up-Aktivität angesehen wird.

          Wie kann die Anzahl an Erfindern und Hightech-Firmen in Deutschland gehoben werden? In einem ersten Schritt müssen Mädchen und Kinder aus armen Elternhäusern und von Einwanderern mit herausragenden Noten in Mathematik und Naturwissenschaften in einem sehr frühen Stadium gefunden und einem Innovationsumfeld ausgesetzt werden. Das kann durch maßgeschneidertes Mentoring und Praktika erzielt werden.

          Die Bundesregierung erwägt Steueranreize für Forschung und Entwicklung zur Förderung von Innovationen. Aber eine einfache Kalkulation macht klar, warum Steueranreize nur eine geringe Wirkung auf das Innovationsverhalten haben: Star-Erfinder verdienen mehr als 1 Million Dollar im Jahr. Einige Prozente weniger Steuern werden ihr Innovationsverhalten nur begrenzt verändern. Wegen des begrenzten Talentpools in Deutschland ist eher mit einer Steigerung der Löhne für in der Forschung eingesetzte Fachkräfte zu rechnen. Das würde die Innovation eher senken als steigern.

          Der Fokus auf die Talente ist auch deshalb wichtig, weil die Entdeckung neuer Ideen teurer geworden ist. Je größer die Gesamtmenge an Wissen wird, desto schwieriger wird es, an die Grenze des Wissens zu gelangen. Eine Studie des MIT schätzt, dass heute zwanzigmal so viele Forscher benötigt werden wie vor 80 Jahren, um denselben Forschungsoutput zu erzielen. Die Ideen gehen uns nicht aus, es wird aber schwieriger, sie zu finden.

          Dalia Marin ist Wirtschafts-Professorin an der „TUM School of Management“ der Technischen Universität München.

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