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Lisa Becker (lib.)

Naina-Debatte : Nicht für die Schule, sondern fürs Leben

  • -Aktualisiert am

Wer die Gedichtanalyse in vier Sprachen beherrscht, hat auch etwas fürs Leben gelernt. Bild: dpa

Nainas vieldiskutierte Twitter-Forderung geht zu weit. Wir brauchen einen allgemeinbildenden Wirtschaftsunterricht, doch Verbraucherbildung sollte keine wichtige Rolle spielen. Die Gefahr des Moralisierens ist zu groß.

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          Drei knappe Sätze können reichen, um im Internet ein Star zu werden. Vor kurzem hat die Schülerin Naina auf dem Kurznachrichtendienst Twitter 140 Zeichen gezwitschert – rund 16.000 Mal wurde dieser Tweet bisher weitergeleitet, etwa 30.000 Mal favorisiert. Hat die Oberstufenschülerin Unglaubliches, Revolutionäres, vielleicht sogar Obszönes getwittert? Sie schrieb: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Das kommt ganz bodenständig daher – die junge Frau fordert mehr praktisches Wissen. Sie will in der Schule lernen, wie man sich versichert, eine Wohnung mietet und seine Steuern zahlt.

          Naina ist nicht allein; oft beklagen Schüler, sie lernten vor allem für die Schule und nicht für das Leben. Doch auch mit einer Gedichtanalyse kann man viel fürs Leben lernen. Das zu vermitteln, junge Leute durch einen guten Unterricht für Literatur, Philosophie, Kunst und Musik zu gewinnen, ist deshalb eine wichtige Aufgabe von Lehrern, schließlich stammt nicht jeder Schüler aus einem Elternhaus, in dem Schöngeistiges einen hohen Stellenwert hat.

          Ein Wissen über Wirtschaft und Finanzen wird hingegen als nützlich empfunden. Gleichzeitig beklagt die große Mehrheit der Jugendlichen seit vielen Jahren in Umfragen, dass diese Wissensgebiete in den Schulen ein Nischendasein fristen. Viele wissen nicht einmal, was die Inflationsrate ist, oder haben abenteuerliche Vorstellungen davon, wie der Staat seine Aufgaben finanziert. Ihr Nichtwissen verunsichert die jungen Leute, bekommen sie doch mit, welche große Rolle die Ökonomie im Leben der Erwachsenen spielt.

          Was wichtig ist, sollte jede Schule für sich entscheiden

          Diese Verunsicherung dürfte auch Nainas Forderung, in der Schule müsse man lernen, wie man einen Mietvertrag oder eine Versicherung abschließt, befördert haben. Doch sie geht zu weit. Schule sollte zwar auf das Leben vorbereiten, doch nicht auf jede denkbare Lebenssituation. Das überfrachtete sie, das muss und kann sie nicht leisten. Der von Naina genannten Themen kann sich der Unterricht, möglichst in einem eigenständigen Fach Wirtschaft, in einer allgemeinbildenden Weise annehmen; das wird dann auch die Unsicherheit in der Praxis verringern. Wirtschaftsdidaktiker haben dafür solide Konzepte ausgearbeitet. Darin ist nicht vorgesehen, dass Lehrer zu Finanz- oder Steuerberatern werden. Doch sie sollten ihren Schülern beispielsweise die Funktionsweise der Finanzmärkte, die Prinzipien der Geldanlage und das Steuersystem erklären können.

          Sollte eine große Zahl von Schülern das Bedürfnis haben, über ein wichtiges Alltagsthema mehr zu erfahren, dann sollte eine Schule dem ein paar Extrastunden widmen. Ein aktuelles Beispiel ist der Umgang mit den neuen Medien. Der überfordert, in Teilen zumindest, Schüler und Eltern gleichermaßen. Einige Schulen holen sich deshalb Medienpädagogen ins Haus, die über einen verantwortungsvollen Medienkonsum aufklären.

          Was wichtig ist, sollte freilich jede Schule für sich entscheiden. In manchem sozialen Umfeld ist es geboten, über gesunde Ernährung aufzuklären, in anderen werden Eltern dies zu Recht als unnötigen und nervigen Eingriff in ihre Erziehung empfinden. Insgesamt sollten Verbraucherthemen im Unterricht aber keine große Rolle spielen – nicht nur weil es Schule überfordert, sondern auch weil die Gefahr groß ist, dass Lehrer ihre Verbraucherweltsicht und Konsumgewohnheiten ihren Schülern überstülpen.

          „Dieser Hass auf Twitter ist so heftig, ihr widert mich an“

          Man stelle sich zum Beispiel Lehrer vor, die ihre Schüler zu begeisterten Anhängern der erneuerbaren Energien erziehen wollen, dabei aber nicht erwähnen, dass die staatliche Förderung der Ökoenergien auch problematisch ist. In einem guten Wirtschaftsunterricht lernte man hingegen, die Kosten und den Nutzen der Ökostromförderung systematisch kennen und gegeneinander abzuwägen.

          Leider sind manche Bundesländer dabei, die Verbraucherbildung in der Schule stark voranzutreiben. Besonders bedauerlich ist, wenn dies auf Kosten einer besseren ökonomischen Allgemeinbildung geschieht, verfügt Letztere doch über eine wesentlich breitere Perspektive – sie nimmt nicht nur Verbraucher, sondern auch Unternehmen und den Staat in den Blick. Die rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen hat allerdings Mitte vergangenen Jahres beschlossen, kein Fach Wirtschaft einzuführen, sondern ein Fach Verbraucherbildung.

          Nun sind Grüne für ein gewisses Sendungsbewusstsein, was Konsumgewohnheiten anbelangt, bekannt. Deshalb ist zu befürchten, dass Nordrhein-Westfalens Schüler künftig lernen, was man essen und trinken darf und wie man ganz allgemein ein „guter“ Konsument wird. Es besteht die Gefahr eines moralisierenden und schablonenhaften Unterrichts.

          Ein Fach Wirtschaft oder ein Fach Verbraucherbildung – was Naina favorisiert, wissen wir nicht. Ein paar Tage nach ihrem berühmten Tweet zog sie sich zuerst einmal zurück. „Dieser Hass auf Twitter ist so heftig, ihr widert mich an“, schrieb sie. Inzwischen ist sie wieder zurück. Fürs Leben hat sie in den vergangenen Wochen bestimmt viel gelernt.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

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