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Erklär mir die Welt (37) : Warum gibt es Angebot und Nachfrage?

Bild: F.A.Z.

Wird der Bäcker seine Brötchen nicht los, macht er sie billiger. Manchmal reicht das aber nicht. Die Suche nach dem „markträumenden“ Preis ist ein Prozess, getrieben von Versuch und Irrtum.

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          Jeder träumt sich gerne ins Schlaraffenland. Wer es durch die Mauer aus Reisbrei hinein geschafft hat, bekommt dort alle Wünsche erfüllt. Die gebratenen Tauben fliegen in den Mund, das Gold liegt auf der Straße, und ein Jungbrunnen sorgt für ewiges Leben. Doch seit Adams und Evas Vertreibung aus dem biblischen Paradies leben die Menschen in einer ganz anderen Welt: In dieser Welt sind die Güter knapp, und die Bedürfnisse erfüllen sich nicht mehr ohne eigene Mühe.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Jeder Mensch ist daher gezwungen, seine materiellen Wünsche seinen begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten anzupassen. Dabei helfen ihm Märkte. Dort bietet er seine Waren und Dienste zum Kauf und zum Tausch an. Und dorthin trägt er als Kunde seine Wünsche, er fragt Güter und Dienstleistungen nach.

          Getrieben von Versuch und Irrtum

          Angebot und Nachfrage sind denn auch die Schlüsselwörter der Ökonomen, sie sind die Triebkräfte einer Marktwirtschaft. Wer wissen will, wie ein Markt funktioniert, muss wissen, welche Faktoren Angebot und Nachfrage beeinflussen. Denn beide zusammen bestimmen den Preis jedes Gutes und damit auch die Menge, in der es hergestellt wird.

          Im Idealfall deckt das Angebot des Bäckers genau die Nachfrage seiner Kunden, so dass er am Abend kein Brötchen wegwerfen muss. Das gelingt ihm aber nur, wenn seine Brötchen nicht allein den Geschmack der Kunden treffen, sondern wenn diese auch bereit sind, den geforderten Preis zu zahlen. Das werden sie nur tun, wenn der Bäcker nicht teurer ist als sein Konkurrent nebenan. Und wenn die Ausgabe für die Brötchen noch genügend Spielraum im Einkommen lässt, um andere lebensnotwendige Güter zu kaufen.

          Schon an diesem Beispiel zeigt sich, dass es in der Praxis nicht leicht ist, Angebot und Nachfrage durch einen „markträumenden“ Preis zum Ausgleich zu bringen. Das Ganze ist ein Prozess, getrieben von Versuch und Irrtum. Ist sein Angebot zu früh ausverkauft, wird er das als Hinweis nehmen, den Preis hochzusetzen oder das Angebot auszuweiten. Merkt der Händler, dass er auf seinen Waren sitzenbleibt, wird er versuchen, die Nachfrage mit Preissenkungen und Rabattaktionen anzuregen.

          Das Hauptproblem: mangelnde Informationen

          Auf beide Seiten des Marktes wirkt eine Fülle von Faktoren ein, mit deren Erforschung sich eine ganze Wissenschaft befasst: die Volkswirtschaftslehre. Je besser es gelingt, die Wünsche von Anbietern und Nachfragern zusammenzubringen, desto zufriedener sind beide Seiten - und desto besser werden die knappen Ressourcen der Erde genutzt.

          Das Hauptproblem jedes Marktes sind mangelnde Informationen, vor allem auch über die anderen Marktteilnehmer. Um beim Beispiel des Bäckers zu bleiben: Er muss nicht nur sein Handwerk verstehen, also gut backen können. Will er als Kaufmann erfolgreich sein, muss er wissen, wie er an preisgünstiges Mehl kommt, was seine Konkurrenten gerade anbieten und welche Wünsche seine Kunden haben. Viele Dinge kann er nur ahnen, doch aus all diesen Faktoren bestimmt er seinen Preis.

          Für die Nachfrage - ob nach Brötchen oder den meisten anderen Gütern - gilt dabei im Regelfall die Annahme: Sinkt der Preis, finden sich mehr Käufer, steigt er, lässt die Nachfrage nach.

          Wie viel Macht haben die Teilnehmer?

          Schnell aber wird es kompliziert. Sinken beispielsweise die Preise für Brot, werden Brötchen relativ teurer. Da Brot und Brötchen recht gut austauschbare Produkte sind, könnte es sein, dass die Kunden vermehrt zum Brot greifen statt zu den Brötchen. Es gibt aber auch Güter, die sich ergänzen. So hat die Nachfrage nach Autos Einfluss auf die Nachfrage nach Benzin: Sinken die Automobilpreise, kaufen die Leute mehr Autos und dementsprechend auch mehr Benzin.

          Festgestellt haben die Ökonomen auch, dass die Kunden bei manchen Gütern Preissteigerungen eher hinnehmen als bei anderen, weil sie auf diese in besonderem Maß angewiesen sind. Diesen Umstand nutzt auch der Staat aus, indem er Tabak und Alkohol gern mit Steuern belegt. Denn er weiß, dass viele Menschen auf diese Genussmittel nicht verzichten wollen. Mit dem Benzin ist es genauso, denn es ermöglicht Mobilität. Wenn der Preis für diese Güter durch die Steuer steigt, schränken die Menschen daher notfalls den Verbrauch anderer Güter ein. Daher ist das Aufkommen aus diesen Verbrauchssteuern für den Finanzminister relativ zuverlässig zu kalkulieren, zumal sich auch Schwankungen in der Konjunktur hier nicht so deutlich zeigen.

          Wie gut ein Markt funktioniert, hängt zu einem großen Teil davon ab, wie viel Macht die Teilnehmer haben. Gibt es für ein Gut nur einen Anbieter, haben die Kunden das Nachsehen: In einem solchen Monopol diktiert der Anbieter die Preise und erzielt dadurch eine höhere Gewinnspanne, denn seine Kunden können nicht zur Konkurrenz ausweichen. „Monopolrendite“ nennen das die Ökonomen.

          Auch am Arbeitsmarkt entscheidet der Preis

          Es ist für die Kunden aber auch von Nachteil, wenn sich der Staat in den Markt einmischt, etwa indem er Preisgrenzen festlegt - vermeintlich zu ihren Gunsten. Doch kein Unternehmer bietet seine Waren längere Zeit zu Preisen an, die seine Kosten nicht decken. Entweder sinkt das Angebot, oder seine Qualität verschlechtert sich. Beispielsweise ist selbst in Marktwirtschaften oft das Niveau der Mieten staatlich reguliert, mit dem Ergebnis, dass sich das Wohnungsangebot verknappt.

          In Frankreich gilt der staatliche Mindestlohn als eine Ursache für die hohe Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen. Denn auch am Arbeitsmarkt entscheidet der Preis, also der Lohn, darüber, ob Angebot und Nachfrage nach Beschäftigung zum Ausgleich kommen.

          Vielfältigste Einflüsse

          Da Angebot und Nachfrage den vielfältigsten Einflüssen unterliegen, ist es schon schwierig, für einen einzelnen Markt herauszufinden, welche Ursache eine Störung des Wettbewerbs hat. Noch schwerer fällt es den Ökonomen, Störungen auf den Grund zu gehen, wenn diese erst die gesamte Volkswirtschaft erfasst haben.

          Sinkt die Wirtschaftsleistung insgesamt und damit das Volkseinkommen, ist das ein Zeichen für eine Störung zwischen Angebot und Nachfrage. Aber ob die Ursachen eher auf der einen oder auf der anderen Seite zu suchen sind, darüber gehen die Meinungen der Ökonomen oft auseinander. Dementsprechend widersprüchlich erscheinen oft ihre Ratschläge darüber, mit welchen wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Politik dazu beitragen könnte, die Wirtschaftslage zu verbessern: Grob gesprochen lassen sich zwei Denkschulen unterscheiden, die Angebotstheoretiker und die Nachfragetheoretiker. Erstere raten dem Staat, alles zu tun, damit die Unternehmen kostengünstiger produzieren können: also die Bedingungen auf der Angebotsseite zu verbessern, etwa durch die Senkung von Steuern und Abgaben für Unternehmen. Nachfragetheoretiker raten dazu, dass der Staat auf die Nachfrage einwirkt, sei es, indem er selber mehr Aufträge erteilt oder die Steuerlast der Bürger senkt, damit diese mehr konsumieren - und dazu notfalls mehr Schulden macht.

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