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Instabile Staaten : Warum gegen afrikanische Regierungen so oft geputscht wird

Vermögen im Ausland

Ein Faktor, der mit etwas höherer Putschhäufigkeit einhergeht, ist die lange Herrschaftsdauer eines Staatschefs: Einige sitzen über Jahrzehnte an der Spitze des Landes. Als Muammar al-Gaddafi 2011 abgesetzt und getötet wurde, hatte er 42 Jahre lang über Libyen geherrscht. Gabuns Präsident Ali-Ben Bongo amtiert erst seit zehn Jahren, zuvor regierte aber sein Vater Omar Bongo ganze 42 Jahre lang das ölreiche, bitterarme Land und häufte ein Vermögen von mehreren hundert Millionen Dollar an; laut Medienberichten besitzt die Familie allein in Frankreich fast vierzig Immobilien und Villen.

Diktator al Baschir kam 1989 nach einem Militärputsch an die Macht und herrschte in Sudan fast 30 Jahre. Robert Mugabe, der 2017 von Rivalen in Zimbabwe gestürzt wurde, hat sogar 37 Jahre lang regiert und die einstige Kornkammer Ostafrikas zeitweise in Hungersnöte gestürzt. Nirgendwo sonst auf der Welt halten sich so viele Langzeitregenten wie in Afrika: In Kamerun, Äquatorialguinea und Uganda sitzen die Herrscher seit mehr als drei Dekaden auf ihren Thronen, mit pseudodemokratischem Anstrich. Nirgendwo gibt es so viele hochbetagte Herrscher mit weit über 70 oder 80 Jahren (Mugabe war bei seinem Sturz 93 Jahre alt). In Ländern, in denen die Hälfte der Bevölkerung unter 18 Jahre ist, wirken diese Greise wie Fremdkörper.

Andere Faktoren haben ebenfalls, wenngleich nur geringeren Einfluss auf die Putschwahrscheinlichkeit. Eine sehr junge Bevölkerung, die aus sehr hohen Geburtenzahlen resultiert, steigert das Risiko etwas, aber nicht viel. Der "Youth Buldge" - also ein extremer Überhang an jungen Leuten, die kaum berufliche Perspektiven haben - soll gar keinen Effekt haben. Andere Faktoren wie besonders große Armut oder niedriges Wirtschaftswachstum gehen laut NKC-Analyse nicht mit einer höheren Putschwahrscheinlichkeit einher.

Ein militärischer Hintergrund des amtierenden Regierungschefs erhöht das Risiko eines Staatsstreichs jedoch signifikant: Er zeigt, dass hier Generale an die Macht kommen können. Immerhin in dreizehn afrikanischen Ländern stehen Ex-Militärs an der Spitze. Laut der NKC-Analyse gibt es derzeit in fünf afrikanischen Staaten ein erhöhtes Risiko, dass es zu einem Putsch kommt: in Äthiopien, Nigeria, Zimbabwe, auf den Komoren und in Sierra Leone.

In der jahrzehntelangen wissenschaftlichen Debatte über mögliche Putsch-Determinanten herrscht allerdings kein Konsens. Dutzende Studien kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die Ökonomen Martin Gassebner (Universität Hannover) sowie Jerg Gutmann und Stefan Voigt (beide Uni Hamburg) haben mit einer Extreme-Bounds-Analyse versucht, unter den vielen vorgeschlagenen Ursachen diejenigen herauszufiltern, die wirklich "robust" sind. Sie haben Daten von 465 Putschen und Putschversuchen seit 1950 herangezogen und 66 Faktoren getestet. Nach ihrem (sehr strengen) Test spielen nur eine Handvoll Faktoren ganz sicher eine Rolle: eine schwache Wirtschaftsentwicklung in einem Land, frühere Putschversuche sowie andere Formen politischer Instabilität und Gewalt, unsichere Eigentumsrechte.

Wo schon häufiger das Militär eine Regierung gestürzt hat, rechnen sich putschwillige Offiziere Erfolgschancen aus. Andererseits können Regierungen der Putschgefahr vorbeugen, wenn sie für sicherere Eigentumsrechte der Bürger sorgen. Außerdem ist die Putschgefahr geringer, wenn die Nachbarländer stabile Demokratien sind.

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