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Hanks Welt : Warum es Hungersnöte gibt

Madagaskar, Ambovombe: In einer Hand liegen einige wenige Wassermelonenkerne. Die Samen werden in der Not geröstet, um den größten Appetit zu zügeln. Bild: dpa

Alle denken, dass Menschen hungern, weil es zu wenig zu essen gibt. Der Nobelpreisträger Amartya Sen hat eine andere Erklärung. Heute gilt er als Ökonom der Gerechtigkeit.

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          Shantiniketan ist ein kleines Städtchen im indischen Bundesstaat Westbengalen. Der Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore gab dem Ort seinen Namen. Wörtlich übersetzt bedeutet er „Heimstatt des Friedens“. Tagore gründete hier 1901 die Visva-Bharati Universität. Die Vorlesungen und Seminare wurden unter Mangobäumen im Freien abgehalten. Hier studierte in den Vierzigerjahren der spätere Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen. In Shantiniketan ist er zur Welt gekommen, dort wuchs er bei seinen Großeltern auf, beide große Bewunderer von Tagore. Noch bevor der Junge Englisch sprach, lernte er Sanskrit.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die ländliche Idylle Shantiniketans wurde im Frühjahr 1943 abrupt gestört. Vom Hunger gezeichnete Menschen tauchten auf, erbettelten sich etwas zu essen und zogen weiter nach Kalkutta, wo sie auf Erlösung aus ihrem Elend hofften. Vergeblich. Was Sen als Zehnjähriger zu sehen bekam, war der Beginn der sogenannten „Großen Bengalischen Hungersnot“. Zwischen zwei und drei Millionen Menschen, genau weiß man es nicht, fielen ihr zum Opfer. Diese Erfahrung ließ Sen sein Leben nicht mehr los. Forschungen über die Ursachen von Hungersnöten, die er dreißig Jahre später anstellte, sollten ihn berühmt machen.

          Alle denken, dass Menschen hungern, weil es zu wenig zu essen gibt. Sen bestreitet das. Ich habe Sens dieser Tage erschienene Autobiographie „Home in the World“ (Zu Hause in der Welt) gelesen. Der Titel, eine weitere Verneigung vor Tagore, bezieht sich auf die Spannungen zwischen westlichem und östlichem Denken und der Möglichkeit ihrer Versöhnung. Nichts bringt den heute 87 Jahre alten Sen so auf die Palme wie Samuel Huntingtons These eines dauerhaften Clashs der Kulturen. Das multikulturelle Bengalen seiner Kindheit und die Lehren Tagores bargen für Sen die Erfahrung eines spannungsreichen, jedoch versöhnlichen Zusammenlebens der Kulturen. Die Verehrung für Tagore hält bis heute an. Auch seinen Vornamen verdankt er dem Dichter: Amartya bedeutet auf Bengalisch „unsterblich“ oder „himmlisch“.

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          Zurück zur Großen Hungersnot. Seit 1942 zogen die Preise für Lebensmittel in Bengalen an. Warum das so war, blieb zunächst unklar. Die das Land regierenden Briten ignorierten die humanitäre Katastrophe, weil sie die Auffassung vertraten, es gebe ausreichend zu essen und zu trinken. Damit lagen sie nicht falsch. Aber, so Sen, sie hatten die falsche Theorie, die ihre Ignoranz rechtfertigte und den Bengalen zum Verhängnis wurde. Blickte man lediglich auf das Angebot, so gab es keinen Mangel an Lebensmitteln. Es kam sogar mehr Ware auf den Markt.

          Genug Lebensmittel, trotzdem Hunger

          Doch was war mit der Nachfrage? Da gab es einen Boom. Wie kann es sein, dass es in einer boomenden Wirtschaft zugleich zu einer schrecklichen Hungersnot kommt? Wir befinden uns mitten im Zweiten Weltkrieg in Ostasien. Japanische Truppen standen an den Grenzen zu Indien. Hinzu kamen anti-britische indische Soldaten, später dann auch die Amerikaner. Überall wurde aufgerüstet, wofür Menschen gebraucht wurden, die viel essen mussten – und das Geld dazu vom Staat bekamen. Es war ein Nachfrage-Schock, der die Preise nach oben schnellen ließ. Es gab Panikkäufe. Später kamen Spekulanten dazu, die aus der Not ihren Reibach machten.

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