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Pflege und Co. : Warum eine Dienstpflicht dem Arbeitsmarkt wenig helfen würde

  • -Aktualisiert am

In der Pflege fehlen vor allem Fachkräfte, aber Dienstleistende dürfen ihnen nur assistieren. Bild: dpa

„Ökonomischer Unsinn“ sei eine Dienstpflicht, sagt FDP-Chef Christian Lindner. Auch Linke und Ökonomen sehen das so. FAZ.NET hat mit ihnen über die Gründe gesprochen.

          Sieben Jahre nach dem Ende der Wehrpflicht diskutiert Deutschland wieder über eine Dienstpflicht. Junge Menschen sollen sich nach der Schule eine Zeit lang verpflichtend für die Allgemeinheit engagieren, sei es für die Bundeswehr, das Altenheim um die Ecke oder die freiwillige Feuerwehr. Doch was unter Konservativen auf Begeisterung stößt, beurteilen Ökonomen als wenig zielführend.

          Befürworter solch einer Dienstpflicht argumentieren vor allem mit der Persönlichkeitsentwicklung und dem gesellschaftlichen Miteinander, das durch solch ein Engagement gestärkt würde. Doch nicht nur verfassungsrechtlich ist das Vorhaben extrem umstritten. Auch mit Blick auf den Fachkräftemangel in bestimmten Branchen wäre der Zwang zu solchen Tätigkeiten wohl eher kontraproduktiv. „Ökonomischer Unsinn“ sei das Ganze, hatte FDP-Chef Christian Lindner sich schon am Wochenende gewettert. Selbst die Linke lehnt die Idee aus ähnlichen Gründen ab. Wirtschaftswissenschaftler äußern sich aus mehreren Gründen skeptisch.

          „Eine Dienstpflicht würde das Ziel eines guten Arbeitsmarktes konterkarieren“, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit gegenüber FAZ.NET. „In einem Arbeitsmarkt soll das ,Matching' möglichst gut funktionieren, also passende Arbeitgeber die passenden Arbeitnehmer finden. Das funktioniert aber nicht mit Zwang.“

          Freiwillig macht das jeder Achte

          Mit anderen Worten: Menschen suchen sich normalerweise freiwillig möglichst die Jobs aus, in denen sie gut sind. Das macht nicht nur sie selbst, sondern auch die Arbeitgeber zufrieden – und so steigt die Produktivität. Die Person erledigt ihre Aufgaben schneller und besser, das Unternehmen verdient mehr und kann so wiederum mehr Leute einstellen.

          Zwinge man einen ganzen Jahrgang hingegen für ein Jahr in bestimmte Tätigkeiten, so fielen dafür erhebliche Opportunitätskosten an, erklärt Weber. „In anderen Jobs hätten viele dieser Menschen deutlich mehr leisten können.“ Und bei einer Jahrgangsgröße von etwa 800.000 Menschen sei dieser Effekt durchaus bedeutsam.

          Im Juli 2018 leisteten nach Angaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben etwa 39.000 Menschen einen Bundesfreiwilligendienst (“Bufdis“), davon waren etwa zwei Drittel jünger als 27 Jahre. Hinzu kommen etwa 9000 freiwillige Wehrdienstleistende sowie geschätzt etwa 60.000 Menschen, die ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr absolvieren. In Summe entscheidet sich also etwa jeder Achte eines Jahrgangs freiwillig für eine solche Hilfstätigkeit.

          Bufdis erhalten bis zu 390 Euro Taschengeld im Monat. Darüber hinaus können Unterkunft und Verpflegung gestellt oder die Kosten ersetzt werden. Die Einsatzstelle führt außerdem eine kleine Summe an die Sozialversicherungen ab, ähnlich wie bei Auszubildenden.

          Konkurrenz für die Schwachen

          Auch konkret für die sozialen Berufe sei eine Dienstpflicht wenig hilfreich, sagt Weber. „Diese Berufe müssen dringend aufgewertet werden. Durch eine Pflicht werden sie aber nicht auf-, sondern abgewertet.“ Gebraucht würden Fachkräfte, weniger Aushilfen. Die jungen Menschen aber würden Geringqualifizierten, die auf dem Arbeitsmarkt sowieso schon wenig Chancen haben, zusätzlich Konkurrenz machen.

          Für den Bundesfreiwilligendienst gilt schon heute Arbeitsmarktneutralität. Das bedeutet: Die Freiwilligen („Bufdis“) dürfen regulär Beschäftigte nicht verdrängen, also eine mögliche Neueinstellung verhindern oder gar zu ihrer Kündigung führen. Sie dürfen nur „zusätzliche“ Arbeit leisten, zumindest theoretisch. Die Pflegeberufe müssten anders attraktiv gemacht werden, sagt Weber.

          Ähnlich sieht das die Branche selbst. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste verweist zwar auf die „soziale Kompetenz“ und „berufliche Orientierung“, die ein Freiwilligendienst leiste. Ein Pflichtjahr „darf und kann aber kein Ersatz für die professionelle Tätigkeit sein“, äußert sich Verbandspräsident Bernd Meurer gegenüber FAZ.NET.

          Auch Axel Plünnecke, Leiter des Kompetenzfelds Bildung, Zuwanderung und Innovation am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, hält ein verpflichtendes Dienstjahr für kontraproduktiv. Unter anderem durch Zuwanderung seien sowieso schon viele „Helfer“ auf dem Markt, sagt er im Gespräch. Zwinge man Menschen zu solchen Tätigkeiten, seien diese zwangsläufig weniger motiviert als Menschen, die sich für einen Freiwilligendienst entscheiden. Darüber hinaus fehlten vor allem gut ausgebildete Pfleger. Zwinge man einen ganzen Jahrgang ein Jahr lang zu Hilfstätigkeiten, würden hunderttausende Menschen ein Jahr lang als Fachkraft dem Arbeitsmarkt entzogen. Wenn überhaupt, könne man drüber nachdenken, die Plätze im Bundesfreiwilligendienst auszubauen.

          Ein weiteres Problem ist die demografische Entwicklung. „Die Zahl der Jugendlichen wird immer kleiner. Zugleich wollen immer mehr junge Menschen studieren, statt eine (duale) Ausbildung anzustreben“, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zu FAZ.NET. Das verschärfe die Personalnot in manchen Branchen. Schulabgänger darüber hinaus zu einem Dienstjahr zu verpflichten, davon hält er deshalb „überhaupt nichts“.

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