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Forderungen für Klimaschutz : Es geht nicht ohne Inlandsflüge!

  • -Aktualisiert am

Schneller hin und her: Ein Kurzstreckenflugzeug der Lufthansa am Flughafen Hannover. Bild: dpa

Das Verbot von Inlandsflügen hätte zur Folge, dass wieder mehr Leute das Auto nehmen. Dem Klima würde das nicht nützen.

          Unsinniges und Unverzichtbares liegen oft nah beieinander. In der Debatte über Inlandsflüge wird erst gar nicht dazwischen unterschieden. Zweifelhafte Forderungen nach Verboten oder drakonischen Sonderabgaben auf alle innerdeutschen Verbindungen sind die Folge. Winfried Kretschmann, Grünen-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hat einen Versuch unternommen, zu sortieren: Fliegen von Stuttgart nach Frankfurt ist demnach Unsinn, Fliegen von Stuttgart nach Berlin im Arbeitsalltag unverzichtbar. Eine treffende Analyse, für Flugreisende aber unnötig. Sie wissen das schon – und planen überwiegend auch so. Nötig ist die Erklärung Kretschmanns nur für diejenigen, die nicht fliegen und deshalb Illusionen erliegen, wie gewaltig die Auswüchse des Luftverkehrs seien.

          Die Erregung über Ultrakurzflüge steht im Kontrast zur tatsächlichen Nachfrage. Zwar sind in der ersten Jahreshälfte 11,6 Millionen Passagiere im Inland geflogen. Zwei Drittel nutzten den Flug nicht als Zubringer für eine längere Interkontinentalverbindung. Aber nur 3 Prozent der reinen Inlandsreisenden wählten eine Ultrakurzdistanz und hatten nach weniger als 400 Kilometern ihr Ziel erreicht. Von insgesamt fast 60 Millionen Passagieren, die innerhalb von sechs Monaten hierzulande in irgendein Flugzeug stiegen, buchten somit weniger als 250.000 einen reinen Ultrakurzflug.

          Zeitsparender Zubringer zum Umsteigepunkt

          Doch diese kleine Zahl genügt, um eine große Debatte anzufachen. Und in dieser Debatte werden auch für Unternehmen mit Geschäftsreisenden unverzichtbare Flüge zu unsinnigen erklärt. Von Stuttgart nach Berlin und zurück lässt sich nicht an einem Arbeitstag mit der Bahn fahren, wenn in der Hauptstadt einige Arbeitsstunden zu leisten sind. Auch der Ultrakurzflug bekommt für Geschäftsreisende einen Sinn, wenn er mangels direkter Bahnstrecke als zeitsparender Zubringer zum Umsteigepunkt auf einen Flug nach Fernost genutzt wird.

          Grüne Garden – die Debatte über Inlandsflüge ist erhitzt

          In der Flugdebatte kollidiert ein hehres Klimaschutzinteresse mit Belangen von Unternehmen und Beschäftigten. Wenn der Inlandsflug nicht mehr als Zubringer zur Verfügung steht, sind die negativen wirtschaftlichen Effekte größer als mögliche positive Klimaeffekte. Geschäftsreisende werden nicht samt Koffer die erste Etappe im Zugabteil bewältigen, sondern aus der Region zu einem Umsteigepunkt im Ausland fliegen. Für beide Flugabschnitte – vom Heimatort zum Umstieg in Paris oder Istanbul und weiter zum Reiseziel – würden sie nicht bei Lufthansa buchen, sondern bei Air France oder Turkish Airlines. Die Klimabilanz Deutschlands für Inlandsflüge wäre dann rein, aber hiesige Arbeitsplätze fielen weg. Emissionen würden von inländischen zu ausländischen Unternehmen verschoben. Globalen Klimazielen kommt man so nicht näher.

          Eine große Verteidigung der Luftfahrt ist in der Klimadebatte fehl am Platz. Die Branche ist durch ein Betriebschaos aufgefallen, das sie mitverursacht hat. Ticketkäufer wurden Opfer von Insolvenzen, die Folge von Managementfehlern waren. Fluggesellschaften betreiben alte, emissionsreiche Flugzeuge, weil ihre Geschäftszahlen den Kauf neuer Jets nicht ermöglichen. Und mit dem Aufbau von Überkapazitäten haben Airlines Niedrigpreise und das Wegbrechen ihrer Profite herbeigeführt.

          Die Rolle als alleiniger Klima-Sündenbock hat die Branche dennoch nicht verdient. Doch der Wunsch nach mehr Bahn wird ausgerechnet mit Emissionen der Inlandsflüge begründet. Mit dem Autoverkehr ließe er sich ebenso rechtfertigen. Dessen Emissionen sind sogar um ein Vielfaches höher.

          Die Diskussion über den Sinn von Inlandsflügen greift viel zu kurz. Reisen in engen Flugzeugreihen wird bestimmt nicht als vorteilhaft empfunden. Wer das hinnimmt, findet die Alternativen noch schlechter. Unser Land ist nicht auf die Mobilitätsbedürfnisse seiner Einwohner und Unternehmen vorbereitet. Überfällig ist eine Klärung, wie wir Verkehr insgesamt besser organisieren wollen. Das wird nicht durch ein hastiges Wegstreichen von Alternativen bei der Verkehrsmittelwahl gelingen, sondern nur durch eine intelligente Verknüpfung vieler Verkehrsmittel – auch des Flugzeugs.

          Dafür fehlt nicht nur Infrastruktur. Einen umfassenden Vergleich für den Weg zwischen zwei beliebigen Orten, der Stadtbus, Straßenbahn, Fernbus, ICE, Flugzeug und alle Kombinationen einbezieht, gibt es nicht, eine zentrale Buchungsseite auch nicht. Start-ups wollen dieses Manko beseitigen, das traditionelle Beförderer und staatliche Stellen pflegten. Transparenz statt Kleinstaaterei mit Tarifwirrwarr schafft Anreize zum Umsteigen.

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          In der aufgeheizten Debatte verfängt aber die Forderung nach billigeren Bahntickets. Dabei sind Zweifel angebracht, ob der Zug oft teurer als der Flug ist. Lockangebote von Billigfliegern trügen. Die Bahn hat zudem auf absehbare Zeit zu wenig Züge und Gleise, um alle Reisenden, die noch das Flugzeug wählen, aufzunehmen. Wer nun eine attraktivere Bahn fordert, sollte die Umsetzung ernsthafter angehen, als es andere in der Vergangenheit taten. Schnellschüsse schaden. Inlandsflüge übereilt zu streichen hätte vorerst zur Folge, dass mehr Menschen wieder das Auto nehmen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

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