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Krankenhäuser am Limit : „Wir sind hart an der Grenze“

Situation wird immer angespannter: Covid-Station in Leipzig Bild: dpa

Die Krankenhäuser müssen immer mehr schwerkranke Corona-Patienten aufnehmen und ein Ende der Infektionswelle ist nicht in Sicht. Ärzte fordern ein sofortiges und vollständiges Herunterfahren des öffentlichen Lebens.

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          Hoffnung und Sorge liegen in der Lungenfachklinik Gauting eng beieinander. Auf dem Gelände des Krankenhauses 30 Kilometer südwestlich der Münchner Altstadt entsteht das Corona-Impfzentrum für den Landkreis Starnberg. „Wir hoffen alle, dass die gefährdeten Gruppen dort bald einen Schutz bekommen“, sagt Michael Schäfer, der die Pflegeabteilung für die Intensivstation und die Langzeitbeatmung leitet. „Für die Beruhigung des Personals wäre es gut, wenn auch wir möglichst bald geimpft würden.“

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Schäfer und seine Kollegen kümmern sich in diesen Wochen vor allem um Covid-19-Patienten, diese belegen zehn der zwanzig Intensivbetten. Weitere sieben Fälle liegen auf der Normalstation. Die Zahlen sind stark gestiegen, im Oktober gab es hier nur drei Fälle. Selbst in der ersten Corona-Welle im Frühjahr war die Auslastung deutlich geringer. In der Region nimmt die Asklepios-Klinik München-Gauting eine besondere Stellung in der Versorgung ein, im gesamten Rettungsleitstellenbezirk Fürstenfeldbruck, der vier Landkreise umfasst, sind nur siebzig weitere Intensivplätze gemeldet.

          „Man sollte sofort alles dichtmachen bis zum 10. Januar“

          Betten gebe es in Gauting an sich genug, wenn es hart auf hart komme, ließen sich sechzehn weitere Intensivplätze einrichten, sagt Wolfgang Gesierich, der Ärztliche Direktor und Chefarzt der Pneumologie. „Der Engpass ist das Personal, einige Kollegen sind selbst krank oder in Quarantäne.“ Die Arbeitsanforderungen seien hart, die Verweildauer vieler Patienten lang, die Fälle schwer, da unter den Eingelieferten immer mehr alte Menschen und sogar Hochbetagte seien. „Noch können wir normale Intensivmedizin betreiben“, sagt Gesierich, „aber wir sind hart an der Grenze zur Katastrophenmedizin.“

          Das liegt auch daran, dass die Welle nicht abzuebben scheint, sondern, im Gegenteil, noch anschwillt – und deutlich länger dauert als im Frühling. „Damals war der Spuk nach drei Monaten weitgehend vorbei, jetzt rechnen wir mit einem doppelt so langen Zyklus“, sagt der Chefarzt.

          Immerhin sind die medizinischen Einrichtungen heute besser vorbereitet. Es ist genügend Schutzausrüstung vorhanden, es wurde viel Erfahrung in Hygiene, Pflege und Behandlung gesammelt. Einige Medikamente zeigen Wirkung, durch die pauschale Gabe von Blutverdünnern sind Thrombosen und Embolien zurückgegangen. „Zum Glück konnten wir die Sterblichkeit zumindest etwas senken“, tröstet sich der Mediziner.

          Fragt man Gesierich und seine Kollegen zur aktuellen Debatte um einen möglichen harten Lockdown, so ist die Antwort eindeutig. „Man sollte sofort alles dichtmachen bis zum 10. Januar“, sagt Intensivpflege-Chef Schäfer. Er erwartet, dass die Fallzahlen nach Weihnachten noch steigen, weil an den Festtagen viele Personen in geschlossenen Räumen aufeinanderträfen. Gesierich erinnert daran, dass der erste scharfe Lockdown „ja auch viel gebracht hat, das wäre jetzt sicher wieder so“. Ihn empört, dass es – auch in seinem Bekanntenkreis – noch immer Personen gibt, die sich und andere nicht schützen wollen und die Schwere der Krankheit kleinreden. „Solche Corona-Leugner sollten mal mit mir auf Visite gehen, damit sie sehen, wie schwer die Leute leiden“, sagt er.

          Von der Politik fühlt sich das Krankenhaus in weiten Teilen gut unterstützt, der Appell von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), das öffentliche Leben weiter einzuschränken, sei richtig gewesen, sagt Gesierich. Regulatorisch misslich sei indes, dass die Lungenfachklinik nicht als Notfallhospital gelte und deshalb im neuen Krankenhausrettungsschirm keine Ausgleichszahlungen für verschobene Behandlungen oder Operationen erhalte. „Die Regierung hat Einrichtungen wie uns schlichtweg vergessen“, bemängelt er.

          Klar ist: Nicht nur in der Politik, auch aus dem Gesundheitswesen werden die Stimmen immer lauter, die ein vollständiges Herunterfahren des öffentlichen Lebens verlangen. „Die große Chance eines harten Lockdowns über drei Wochen ist die Kontaktminimierung und damit das Brechen der Infektionsketten“, sagt der Präsident des Krankenhausverbands DKG, Gerald Gaß, der F.A.Z. Denn anders als im Frühjahr sei kein Ende der Infektionswelle in Sicht. „Für die Kliniken und die Mitarbeiter ist das nicht über weitere Monate zu schultern. Deshalb muss politisch entschieden gehandelt werden“, fordert Gaß.

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