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Ankündigung aus Amerika : Dem Shareholder-Value abschwören

Die Aktionäre stehen für Amerikas Managerelite nicht mehr über allen anderen. Bild: EPA

Amerikas Managerelite wendet sich von einem ihrer Grundprinzipien ab. Dahinter dürfte nicht nur guter Wille stehen, sondern auch sehr viel Kalkulation.

          Man darf vermuten, dass der verstorbene Ökonom Milton Friedman Gift und Galle versprüht hätte in Reaktion darauf, dass sich die Vorstandsvorsitzenden amerikanischer Konzerne vom Shareholder-Value-Kapitalismus abwenden. Er hätte darin einen weiteren Beleg dafür gesehen, dass sich die Manager beständig mehr Freiraum zu verschaffen trachten, das Geld anderer Leute auszugeben, um ihr eigenes Ansehen zu fördern.

          Derzeit ist für Konzernlenker angesagt, auf Firmenkosten schlipslos nach Davos zu jetten, um tiefschürfend die Rettung der Welt zu besprechen. Deshalb ist nie verfehlt, die Maximierung des Eigennutzes als Motiv in den Blick zu nehmen, wenn sie über soziale Verantwortung reden.

          Verhinderung neuer Eingriffe

          Allerdings haben die amerikanischen Manager auch gute Gründe, ihren Unternehmen einen sozialeren Anstrich zu geben. Viele junge Menschen sehen multinationale Unternehmen und das Wirtschaftssystem an sich kritischer. Im Extremfall könnte dieser Stimmungswandel höhere Steuern oder gesetzliche Eingriffe in die Unternehmenspolitik begünstigen, die den Managern genauso wenig recht sein können wie den Unternehmenseigentümern.

          In dieser Frage sind die Motive der beiden Gruppen sogar ziemlich kongruent. Die Lobbyorganisation multinationaler Konzerne bleibt ihrer Gründungsidee also durchaus treu, wenn sie jetzt die Unternehmen als Geschöpfe mit sozialem Gewissen statt als Gewinnmaximierungs-Maschinen präsentiert: Sie betreibt Öffentlichkeitsarbeit, um neue Eingriff zu verhindern. Und um die Rekrutierung qualifizierter Millennials zu erleichtern, die in Bewerbungsgesprächen sinnstiftende Arbeit einfordern und nach ethischer Unternehmensführung fragen.

          Es bleibt trotzdem interessant, herauszufinden, was die Unternehmen künftig wirklich anders machen werden, wenn Profitmaximierung nicht mehr höchste Priorität genießt. Aber: Hatten sie nicht schon immer angekündigt, mehr Geld in Beschäftigte zu investieren? Sie wollen ihren Kunden echten Mehrwert verschaffen, versprechen die Multis. Warum ist das überhaupt erwähnenswert? Und wo ist der Unterschied zu früher?

          Ganz ohne solche Proklamationen ist davon auszugehen, dass der Markt Unternehmen ausmerzt, die ihren Kunden nichts bringen. Der einzige Unterschied zu früher scheint zu sein, dass diese Ziele die gleiche Priorität genießen wie die Wertmaximierung des Unternehmens – auf dem Papier zumindest. Denn das gilt natürlich nur so lange, wie genügend Geld verdient wird.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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